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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 14.11.1883
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- 1883-11-14
- Erscheinungsdatum
- 14.11.1883
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- Deutsch
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264, 14. November. Nichtamtlicher Theil. 5163 an die Kette legen, aber nicht in die Welt Hinausschleudern konnte. Er führte zuerst das demokratische Flugblatt, die billigen Duodez- und Octavschriften von wenig Bogen massenhaft in oie deutsche Literatur ein. Auch das war eine revolutionäre That, die vielleicht noch entscheidender auf die Geschicke der Mensch heit einwirkte, wie im Kriege der leichte Fußsoldat, der den ge panzerten Ritter verdrängte, und wie im modernen Wirtschafts leben die Siebenmeilenstiefel der Eisenbahn, welche den alten Frachtwagen überflügelten. Indem Luther seiue Sturmvögel in die Welt sandte, erhob er erst die Buchdruckerkunst zu ihrer eigentlichen Bedeutung und gewann in ihr einen tausendzüngigen Herold, den keine mündliche Propaganda ersetzen konnte. Ohne den Druck und den buchhändlerischen Vertrieb wäre die Verbrei tung der Reformationsideen gar nicht so schnell möglich ge wesen, ja vielleicht noch auf Jahre hinaus gescheitert. Gleich die Kenntniß des Luther'schen Thesenanschlags gelangte mittels der Presse noch vor Ende des Jahres 1517 bis in die fernsten Winkel Deutschlands. Diese Zeit von weniger als zwei Monaten war damals außerordentlich kurz. Uebrigens fand Luther einen vollständig vorbereiteten Boden für sein Vorgehen vor. Die Volksbildung war durchaus nicht in dem Maße vernachlässigt, wie dies mit besonderer Vorliebe von der spätern lutherischen Geistlichkeit geschildert ward. Man ver gegenwärtige sich zur Widerlegung dieser irrigen Ansicht z. B. die langjährigen verdienstlichen Unterrichts- und Erziehungs anstalten der „Brüder vom gemeinsamen Leben", die Lehrtätig keit auch der übrigen Humanisten und die theilweise vortreff lichen Schulen in fast ganz Deutschland. Es gab vielmehr schon vor der Reformation im deutschen Bürgerthum eine große Schicht, welche lebhaften Antheil an der geistigen Bewegung nahm und Bücher kaufte und las. Luther's gewaltige literarische Thätigkeit übte einen ebenso mächtigen Einfluß auf das Volk wie auf den in erster Linie von ihr betroffenen Buchhandel. In diesem zunächst trat mit einem Schlage ein mächtiger Umschwung ein. Kirchenväter und Classiker, profane und geistliche Gelehrsamkeit verschwanden plötz lich vom Büchermarkt und sanken zu Ladenhütern herab. Während des heiligen Augustinus Werk äs oivituts vsi sonst einer der gangbarsten Artikel und bisher in zahlreichen Ausgaben ver kauft worden war, setzte Froben auf der Frankfurter Herbst messe 1524 kein einziges Exemplar davon ab. Die sonst beson ders gern verlangten Werke des Erasmus waren seit 1518 wenig begehrt. Dagegen konnten die lutherischen Schriften nicht oft genug gedruckt werden. „In ganz Basel", schreibt ein Freund dem Agrippa von Nettesheim am 19. April 1519, „konnte ich kein Exemplar der Werke Luther's auftreiben, sie sind schon längst wieder verkauft; sollen jetzt aber neu in Straß- bnrg gedruckt werden." Albert Burer meldet dem Beatus Rhe nanus Ende September 1519, daß in Basel zur Zeit von Adam Petri nur Luther's Flugschrift über die Ehe gedruckt werde, und daß sich sonst nichts unter den Pressen jener Stadt befinde. Buchführer zogen damit durchs Land und verkauften sie öffent lich und heimlich, ja in Worms sogar trotz der spanischen Häscher auf offener Straße, als 1521 der Reichstag dort verhandelte, der Luther in die Acht erklärte. Von seiner Disputation mit Eck wurden 1518 auf der Frankfurter Herbstmesse 1400 Exemplare verkauft; von seiner Flugschrift an den Adel deutscher Nation ging die erste Auflage von 4000 Exemplaren in fünf Tagen (vom 18. bis 23. August 1520) ab. Nichts, schreibt Spalatin im September 1520 an Mutian, wird stürmischer gekauft, be gieriger gelesen und eifriger besprochen als Luther's Schrif ten. Schon 1519 gingen ganze Auflagen davon nach Italien, Frankreich und Spanien, wie Luther selbst an Lang schreibt. Alte hochstehende Firmen, wie z. B. Froben in Basel und Koburger in Nürnberg, welche die neue Richtung nicht mit ein schlugen, wurden von jüngeren ausstrebenden Buchhändlern über flügelt. Elfterer ließ sich zu seinem großen Schaden von Eras mus durch Drohungen einschüchtern, nichts mehr von Luther zu drucken. Kaum erschien eine Luther'sche Flugschrift, so wurde sie iu Basel, Augsburg, Straßburg und Nürnberg, oft von einem halben Dutzend Drucker zur selben Zeit und in verschiedenen Auflagen, nachgedruckt. Die September-Bibel von 1522 (Neues Testament) ward, trotzdem ihre erste Auflage 5000 Exemplare umfaßte, und das Exemplar 1>/z fl. kostete (etwa 25 Mark heu tigen Geldes) innerhalb dreier Monate abgesetzt; allein noch vor Ablauf des Jahres stürzten sich Adam Petri und G. Wolf in Basel und Hans Schönsperger in Augsburg über sie her und veranstalteten gleichzeitige Nachdrucke. Diese letzteren waren es offenbar, welche in Leipzig und Meißen von hausirenden Frauen zu 20 und 22 guten Groschen vertrieben wurden. „Alle Welt lese" — berichtet Cochlaeus — „das neue Luther'sche Testament, ja könne es in Folge wiederholten Lesens fast auswendig; selbst Schuster und Frauen disputirten über das Evangelium und trügen die Uebersetzung in der Brusttasche mit sich herum." In Leipzig baten die Buchhändler 1524 den Rath, ihnen doch den Druck und Vertrieb der Luther'schen Schriften zu gestatten, da sie unter den Preßverboten des starr katholischen Herzogs, Georg des Bärtigen, ohnehin schon so viel gelitten hätten, daß sie kaum ihre Steuern bezahlen könnten und bald von Haus und Hof getrieben werden würden. Zudem seien die Schriften der Gegner der Reformation unverkäuflich, ja nur dann ein Verleger für sie zu finden, wenn der Verfasser die Druckkosten trage. Die zünftige Gelehrsamkeit war außer sich. Die Pro fessoren traten auf Jahre in den Hintergrund. Erasmus klagte wiederholt darüber, daß der ganze Büchermarkt von Luther und seinen Anhängern beherrscht sei, daß Niemand etwas für den Papst drucken wolle, und daß man Alles, was gegen Luther sei, als nicht vorhanden behandle. „Hier" (iu Basel), schreibt er u. A. 1523 an König Heinrich von England, „ist Niemand, der es wagte, nur ein Wörtchen gegen Luther drucken zu lassen, während man gegen den Papst schreiben darf, was man will." Dagegen war im Volke der Enthusiasmus für den Reformator grenzenlos. Er begeisterte die studircnde Jugend und riß alle Elasten und Stände, Männer und Frauen mit sich fort. Mit Blitzesschnelle waren die Schriften Luther's in die Rathhäuser der Städte, in die Burgen der Ritter, in die Klöster der Mönche und Nonnen, in die Häuser der Bürger und in die Hütten der Armen ge drungen. „Schon weiß", schreibt der Konstanzer General-Vicar Johann Faber 1521 im Mai an Vadian, „durch die Schuld der Buchdrucker jeder Ungelehrte von dem Luther'schen Handel, und alle alten Weiber reden auf offener Straße davon." In Mainz weigerte sich 1520 sogar der Scharfrichter, Luther's Schriften zu verbrennen. Von dieser Begeisterung wurde selbstredend auch Luther's literarische Thätigkeit getragen und gefördert. Die Nürnberger ließen sich seine Schriften auf offenem Markt vorlesen, dürsteten ordentlich nach ihnen, wie der dortige Rath sagt, welcher auf die Dauer deren Verkauf nicht verhindern konnte. Die dortigen Geistlichen baten 1524 den Rath um Erlaubniß, des Studirens halber Luther in Wittenberg besuchen zu dürfen. Die Bürger von Speyer liebten Luther sehr, lasen seine Bücher während der Abendmahlzeit vor und schrieben sie Nachts ab. In Ulm war schon 1523 Alles lutherisch, trotzdem die katholischen 722*
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