zilloll klIsMlIII m SklWllllS Memoiren Wobt eine der interessantesten Persönlichkeiten des an bedeutenden Männern sicher nicht armen achtzehnten Jahrhunderts war zweifellos Giacomo Casanova, Chevalier de Seingalt. Ein Abenteurer, wie ihn viele beurteilten, ein Philosoph, ein Lebenskünstler, wie er gerade von ernsthafteren Leuten verstanden wird. Ein Abenteurer zweifellos! Doch nicht ein Abenteurer in der häßlichen und schimpflichen Bedeutung, tu der dieses Wort gebraucht wird, sondern ein Mann der Abenteuer, der seltsamsten und vielgestaltigsten Schicksale, Geistvoll und doch kein ober Witzbold, Gelehrter ohne Gelehrtendünkel, Künstler ohne lächerliche Eitelkeit, vor allem aber Lebenskünstler in des Wortes weitester Bedeutung, das war Easanova. Die Memoirenlitcratur, besonders die des achtzehnten Jahrhunderts, ist überreich, und vieles daraus wurde der Vergeffenbcit entrissen und durch Neuausgaden verbreitet Aber keiner UN» keine von all denen, die „Selbstbiographien" herauSgegeben haben, taten das mit solch un geschminkter Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit wie Easanova. Er macht sich in keiner Zeile besser, als er war. Er beschönigt nichts — er bemäntelt nichts. „Ich bin trotz ausgezeichneter moralischer Grundlage, trotz der fest in meinem Herzen wurzelnden göttlichen Grundsätze unausgesetzt das Opfer meiner Sinne gewesen", sagt er selbst in der Vorrede zu seinen „Memoiren». Doch er bereut nichts — denn seine Handlungen sind keine, über die er glaubt erröten zu müssen. Deshalb ermahnt er die Leser, über die tollen Streiche zu lachen und sich nicht muckerisch darüber zu ärgern. Man kann auch nichts Bessere« tun — das Resultat ist zweifellos, daß man am Ense dieser „Memoiren" Easanova liebgewinnen muß, wie ihn bei Lebzeiten so viele Männer und Frauen — aus allen Ständen und in so vielen Ländern liebgewonnen haben. Gekrönte Häupter schenkten ihm ihre Huld — Herzöge und Fürsten, Philosophen, Gelehrte, Dichter, Künstler von Weltruf würdigten ihn ihrer Freundschaft. Man verlieh ihm Orden, widmete ihm Bücher — und bezahlte auch seine Schulden, wenn sein leichlsinniger Lebenswandel ihn, wie da« recht oft der Fall war, in Not gebracht hatte. Als hochbctaater Greis starb Easanova als Gast des Grafen Waldstein auf Schloß Dux in Böhmen. Dort schrieb der juqendfrische Greis seine Lebenserinnerungen, in denen so viel Sinnlichkeit, aber auch so viel Sinn sich findet. Farbensprühende Bilder auö einem Leben starker Leidenschaften, ober auch Ersohrunqssätze einer abgeklärten philosophischen und sozialen Weisheit auf Grund einer seltenen Beobachtungsgabe von Menschen, ihren Sitten und Unsitten, ihren Gebräuchen und Mißbräuchen. Die Maske gesellschaftlicher Heuchelei reißt Easanova mit kühner und schonungsloser Hand von Personen und Geschehnissen seiner Zeit und Umgebung, politische und soziale Verknüpfungen und Abhängigkeiten werden traurig und ergötzlich zur Schau gebracht — ein einzigartiges Panorama der Welt im achtzehnten Zohrhundert. Easanova macht seine Zeitgenossen vor uns lebendig - wir atmen mit ihnen, wir nehmen teil an ihren Freuden, ihren Lntriguen, ihren Geschäften und ihren Verirrungen. Jakob Casanova von Selngalts Memoiren lesen sich wie ein — nein wie ein Dutzend der spannendsten Romane und sind doch Ereignisse, deren Wirklichkeit durch zeitgenössische Mitteilungen, durch Dokumente, durch die Geschichte verbürgt ist. Carl Henschel Verlag, Berlin W. SO