Suche löschen...
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 24.06.1920
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1920-06-24
- Erscheinungsdatum
- 24.06.1920
- Sprache
- Deutsch
- Sammlungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Zeitungen
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id39946221X-19200624
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id39946221X-192006241
- OAI-Identifier
- oai:de:slub-dresden:db:id-39946221X-19200624
- Nutzungshinweis
- Freier Zugang - Rechte vorbehalten 1.0
- Lizenz-/Rechtehinweis
- Urheberrechtsschutz 1.0
Inhaltsverzeichnis
- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
- Jahr1920
- Monat1920-06
- Tag1920-06-24
- Monat1920-06
- Jahr1920
- Links
-
Downloads
- PDF herunterladen
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
X: 137, 24. Juni 1920. Redaktioneller Teil. und gulbesotdeter Agitatoren in die Provinz hinaus. Allein ihre Tätigkeit zerschellte an der Nüchternheit des ungarischen Land« manns, und nicht selten entrannen sie mit knapper Mühe körper lichen Züchtigungen. Flugschriften, die de: Verteilung harrten, wurden entweder verbrannt oder versteck!. Die grotzzllgige Pro paganda amerikanischen Stils verschlang unerhörte Papier mengen. Ein Teil des Landes war von Feinden besetzt, der andere von dem Ausland hermetisch abgeschlossen. Di? Propa ganda schlug dennoch immer höhere Wellen, der Bestand an Pa- piervorrälen nahm immer mehr ab. Die bolschewistische Ver waltung, die alles neu zu gestalten gedachte, verbrauchte gleich falls unerhörte Mengen von Papier. Die verzweifelten Versuchs der Vollsbeauftragten, ausländisches Papier zu beschaffen, führ ten zu keinem Ergebnis. Die im Lande befindlichen Papiervor- rätc wurden beschlagnahmt. Einige Wochen währte das chao tische Experimentieren, da griff man zu einem letzten Mittel: die sogenannten bürgerlichen Zeitungen wurden eingestellt, und nur das Erscheinen einiger ausschließlich von Männern des neuen Regimes geleiteten und im bolschewistischen Geiste geschriebenen Blätter wurde gestattet. Und in dieser unglaublich chaotischen Wirrnis, da für jeden Augenblick neue Verordnungen zu gewärtigen waren, da das Publikum infolgedessen jedes bedruckte Blatt, jedes Plakat, jede Flugschrift gierig verschlang, wurden die Menschen von einem förmlichen Lesefieber befallen. Die unerhört gesteigerten Ar beitslöhne führten zu einem ungewohnten verfügbaren Über schuß, die Produktion und der Import jeder Art von Waren setzte völlig aus, es bot sich keine Gelegenheit, das Geld unterzubringen. Man wollte sich des durch die Entwertung des Geldes unwill kommen gewordenen Überschusses entledigen, so warf man sich urplötzlich aus das Buch. Die Buchhändler wurden beinahe bestürmt, oft buchstäblich geplündert, und während alle anderen Geschäfte infolge Warenmangels geschlossen waren, stauten sich vor den Sortimenten die Menschen zu schlängelnden Reihen. Der Sortimenter trennte sich — zumal in der zweiten Hälfie der Bolschewistenherrschaft, da die Annahme des Sowjetgeldes obli gatorisch geworden war — nicht gern von seiner Ware, suchte dagegen für das eingelaufene Geld stets neue Bücher von dem Verleger zu beschaffen. Natürlicherweise gaben sich auch die Verleger — sofern es die Verhältnisse gestatteten — jede erdenk liche Mühe, mit ihren wertvollen Büchern zurückzuhalten, und beschränkten sich bei ihren Abgaben aus die geringste Menge. Selbst hierzu konnten sie sich nur unter dem Drucke des größten Terrors verstehen. — Als interessantes zeitpsychologisches Mo ment sei hier erwähnt, daß während dieser Zeit populärwissen schaftliche Bücher soziologischen und wirtschaftlichen Inhalts, historische Schriften, insbesondere Darstellungen der Revo lutionen, und Meisterwerke der Weltliteratur, die Romane der großen Russen Tolstoi, Dostojewski, Gorkij usw. am meisten ge sucht wurden. Nachdem das bolschewistische Regime die in den Banken hin terlegten Werte beschlagnahmt, die Häuser und den Grundbesitz sozialisiert, die Wohnungen requiriert, den Überschuß an Be kleidungsstücken sich angeeignet — das heißt, sich seiner not wendigsten Aufgaben entledigt hatte, ging man daran, der^ auf dem Gebiete des geistigen Lebens herrschenden Anarchie Ein halt zu gebieten. So wurde der«Landesratsürgeistige Produkte- ins Leben gerufen. Das neue Organ sollte der Zentralisierung der geistigen Produktion dienen, die technische Herstellung der geistigen Produkte und ihre Verteilung in die Wege leiten. Der Landesrat setzte sich aus drei Sektionen zu sammen: 1. der Sektion für geistige Produktion, 2. der Sektion für technische Produktion und Sozialisierung, 3. der Sektion für Verteilung. I. Der Sektion für geistige Produktion lag die Kontrolle über jedes geistige Produkt ob und die Entscheidung darüber, ob es in Umlauf gesetzt werden könne oder nicht. Zu diesem Be- hufe wurde ihr ein Ausschuß beigestellt, dem der Volksbeauf tragte angehörte, und in den die Sektion für Propaganda, für Pädagogik, Wissenschaft, Kunst, Literatur und Musik, das Amt für Papier und Druckmaterialien, die Sektion für Produktion und Sozialisierung, die Sektion für Verteilung je ein, die Ge werkschaft der Journalisten je zwei Milglieder entsandten. 2. Der Sektion für technische Produktion und Sozialisierung lag die Herstellung des von der Sektion für geistige Produktion vorbereiteten Materials ob, sowie die Leitung des'tünstigen tech nischen Betriebs, die Sicherstellung seiner Stetigkeit und die Sozialisierung der Betriebe. Im Rahmen dieser letzteren Aus. gäbe besorgte sie die Sozialisierung: der Buchdruckereien, der Steindruckereien, der Buchbindereien, der Fabriken für Herstel lung von Geschäftsbüchern, der Betriebe für Reproduktion, der Gießereien, der Buch- und Musikverlage, Buch- und Musikalien handlungen, der Betriebe für Lehrmittel und Papierkonsektion, der Lehrmittel- und Papierkonfektionshandlungen usw. Auch diese Sektion wurde von einem vielköpfigen Ausschuß geleitet. 3. Die Sektion für Verteilung besorgie die Verteilung der geistigen Produkte im Wege der sozialisierten und der noch zu errichtenden neuen Verteilungsorgane. Ein vielgliederiger Aus schuß stand an der Spitze auch dieser Sektion. Neben dem Landesrat und im organischen Zusammenhänge mit ihm wurde das »AmtfürPapierwesenundDruck- Materialien- errichtet. In sein Bereich gehörte die Papier- fabrikation, Import und Verteilung, die Erledigung der die Frage der Papierabfälle betreffenden Obliegenheiten, Import und Verteilung der Truckmaterialien. Der Landesrat für geistige Produktion wurde durch eine Ver ordnung vom 27. April 1919 ins Leben gerufen. Von diesem Zeitpunkt an mußte das Erscheinen aller geistigen Produkte durch den Landesrat seinen Weg nehmen, während der Bedarf an son stigen Drucksorten und an Papiermaterial für Zwecke ossizieller und kaufmännischer Geschäftsführung nur im Wege des Amtes für Papier und Druckmaterialien gedeckt werden konnte. Das allgemeine Chaos und die Organisationswut hemmten indessen die Durchführung der organisatorischen Arbeiten selbst, und bis zum Zusammenbruch der Diktatur konnten sie auch nicht mehr zum Abschluß gelangen. Rangen einerseits im Innern des Landesrats die entgegengesetztesten Tendenzen miteinander, so griffen andererseits die Ereignisse des Tages auch von außen her lies in seine Entwicklung ein. Wir versuchen im Rahmen einer flüchtigen Skizze die kurze Geschichte dieses Organs festzuhalten und die Schicksale unseres Berufs während dieser Zeit zu be leuchten. Der obenangeführten Verordnung des Volkskommis, sariats folgte die Verordnung Nr. 25, die folgende Verfügungen enthielt: Jeder Verleger hat unverzüglich ein vollständiges und ge naues Inventar an- und vorzulegen. Die Liquidierung aller bis zur Veröffentlichung der Verordnung nicht sozialisierten Ver lagsanstalten wird angeordnet, und da eine Spezialisierung der zu belassenden Verlage nach Fächern beschlossen wurde, bestimmt die Verordnung, daß die Vorräte und Bestände der liquidieren den Verleger dem Bestände jenes spezialisierten Großbetriebes einverleibt werden sollen, die ihrem Fache entsprechen. Schließ lich wird die Sozialisierung aller zurzeit noch nicht sozialisierten Sortimente angeordnet. Sie sollen hinfort als Verteilungsorgane j des Landesrats für geistige Produkte funktionieren. In jeden dieser Betriebe sollte der Landesrat einen Beauftragten ent senden, doch wurde bis auf weiteres beinahe überall der bis herige Inhaber mit der Leitung des Betriebes betraut und ihm zur Kontrolle ein Vdrirauensmann des Personals zur Seite ge stellt. Das Gehalt des ehemaligen Inhabers wird provisorisch im Verhältnis zu jenem des bestdotiertcn Angestellten festgesetzt. Die einzelnen Sortimente wurden zur Befolgung folgender Vor schriften angehalten: Einnahmen und Ausgaben sind genaueslens zu verbuchen; Einnahmen über 2000 Kronen sind einmal in der Woche der Zentrale der Geldinstitute einzuliefern; sollten sich die Einnahmen auf 10 000 Kronen belaufen, so hat die Übermittlung des Be trags sofort zu erfolgen. Die bei den Geldinstituten bestehendem Kontokorrente waren unverzüglich an die Zentrale der Geld institute zu überweisen. 671
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
- Doppelseitenansicht
- Vorschaubilder