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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 28.04.1920
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1920-04-28
- Erscheinungsdatum
- 28.04.1920
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- Deutsch
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- Saxonica
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Redaktioneller Teil. Fr St, 28. April 1920. Es ist unbestreitbar, daß die Ausdehnung des Gebrauchs der Majuskel die Rechtschreibung außerordentlich erschwert hat. Der Hochschullehrer W. Wilmanns, dessen i. I. 1830 er schienener Kommentar zur preußischen Schulorthographie von vr. Konrad Duden als »klassischer Zeuge sür die wissenschaftliche Berechtigung der neuen Orthographie« bezeichnet worden ist, erkannte an, daß die Großschreibung am meisten Mühe im Unter richt mache und sich überhaupt nicht folgerichtig durchführen lasse. »Die grammatischen Kategorien sind nicht durch Wall und Graben geschieden, sie gehen ineinander über .... Eine bestimmte Grenze querdurch ist nicht zu finden. Die Regeln führen zu den spitzfindigsten Unterscheidungen, und in vielen Fällen ist ohne Willkür gar nicht durchzukommen.« vr. Duden äußerte sich: »Das größte Leid macht immer die Wahl zwischen großen und kleinen Anfangsbuchstaben. Wenn auch die ver ständigsten Grundsätze aufgestellt werden, so werden doch nicht zwei Menschen für alle Fälle dieselben Folgerungen daraus ziehen. Diese Not wird aber nicht aushören, bis die großen Buchstaben selbst aushören«. Professor Kraz, der Verfasser der wllrttembcrgischen Rcgelbllchlein vom Jahre 1861 und vom Dezember 1883, schrieb im Jahre 1889: »Der Krebsschaden un serer Orthographie ist das Kapitel von den großen Anfangsbuch staben mit seiner Unzahl von feinen Unterscheidungen und Aus nahmen, und eine Heilung rein unmöglich, solange das Übel nicht an der Wurzel gefaßt, d. h. das Großschreiben der Haupt wörter nicht aufgegeben wird«?) Welcher Schreibende, dem Verstöße gegen die amt liche Orthographie nicht gleichgültig sind, wünschte nicht diese Radikalkur? Aber jeder Schreibende ist auch ein Lesender, und als solcher müßte er die Beseitigung der Majuskeln schmerz lich empfinden. Der als Methodiker bekannte vr. Lay in Karls ruhe ist der Ansicht: »Die großen Buchstaben erleichtern das Lesen, weil sie leichter erkennbar sind als die kleinen und nach übereinstimmenden Versuchsergebnissen die Anfangsbuchstaben beim Lesen der Wörter und Erkennen der Wortbilder eine Haupt rolle spielen». In Prof. vr. Kirschmanns Büchlein »An. tiqua oder Fraktur?« steht auf S. 52 der 2. Auflage: »Die Ver wendung großer Buchstaben sür die Hauptwörter ist in der deut schen Sprache für die schnelle Auffassung der Satzgliederung von größter Bedeutung und darf unter keinen Umständen über Bord geworfen werden«. KarlBartsch, Hochschullehrer in Bonn, schrieb: »Je mehr in der neuhochdeutschen Sprachperiode der Satzbau kunstvoll und kompliziert geworden ist, um so mehr bedarf das Auge eines orientierenden Moments, und ein solches ist in den großen Buchstaben der Substantiv» gegeben. Sie verschaffen uns eine leichtere Übersicht über den Satzbau, na mentlich in längeren Sätzen. Die andern Völker bedürfen dessen vielleicht weniger als wir Deutschen, weil unser Stil viel weniger einfach ist». (Das Urteil von Bartsch verdient besondere Be achtung, weil er eine große Menge altdeutscher und mittelhoch deutscher Dichtungen herausgegeben hat und solche arm an großen Anfangsbuchstaben sind.) Schuldirektor Richard Härtig meint: »Selbst die vielgeschmähte Großschreibung der Haupt wörter lasse man ruhig bestehen! Auch sie ist, so unberechtigt sie anfangs war, schließlich doch auch ein Erleichterungsmittel geworden beim Lesen«. Im 19. Jahrgang der Umschau steht S. 620: »Sicherlich bildet die Anwendung großer Anfangsbuch staben beim Schreiben . . . eine Erschwerung, wie anderer seits dadurch unverkennbar das Lesen, namentlich für den Frem den, bedeutend erleichtert wird«. <vr. G. Rumpp.) Nach Friedrich Blatz (Neuhochdeutsche Grammatik ", Band 1, S. 178) ist nicht zu leugnen, »daß in der Großschreibung der Hauptwörter die deutsche Sprache ein nicht zu unterschätzendes, dem Auge bequemes Erleichterungsmittel des Lesens und Ver stehens ihrer oft verwickelten Satzbildungen besitzt, und es ist darum nicht zu bedauern, daß diese Versuche der Zurückfllhrung der alten Schreibung bis jetzt keine allgemeine Zustimmung ge sunden haben, wenn auch die Zahl der Fälle, in denen die Majuskel zur Vermeidung von Mißverständnissen dient, äußerst ") Später bekannte Pros. Kraz: »Ich bin setzt wieder mehr fürs Großschreiben«. 410 beschränkt ist, z. B. Hört dein Ohr mein Herz beflügelter, als wenn ich Tränke und Balsam armen Kranken gab? (Jmmermann.) Es gibt Kunstliebhaber, die in einem fremden Werke nur das lieben, was sie von ihrem Eigenen hineingetragen haben«. Wilmanns meinte, man könne ganze Bücher schreiben, ohne den großen Anfangsbuchstaben da setzen zu müssen, »wo Gefahr einer irrtümlichen Auffassung dadurch vermieden werden kann. Die Sätze, mit denen Klüglinge das Publikum zu schrecken oder zu belustigen Pslcgcn, sind mit Mühe aufgelesen oder aus- getüftelt«. Ob die bezeichneten Fälle wirklich so selten sind, mögen folgende Beispiele zeigen, die ich gelegentlich aus meinem Lese stoff gesammelt — also nicht ausgetüflelt — habe. Ich bemerke, daß in ihnen zwar der Gebrauch der Majuskel wesentlich ein- geschränkt, sonst aber mit wenigen Ausnahmen leine Änderung vorgenommen worden ist. Und nun bitte ich, laut vorzulesen: Lessing empfahl den deutschen Shakespeare. In Ostende haben die deutschen kanonen aufgestellt. Was ist der liebe tod? Von einem wonnetag das lichte Morgenrot. Der einjährige Adolf Maier ist gestorben. Wo die treue wache hält, ist s im Hause Wohl bestellt. In stiller nacht der enges wacht schwebt nieder treu und stark. Plicht überfall und eidbruch ist deutscher brauch und art. Dann müssen wir deutsche Ideale Hervorbrin gen. Mein Bruder Fritz schwelgte im genuß der alten und auch der komischen und fichtischen Philosophie. Es war ein Haus, in dem ernst und strenge sreundlichkeit und liebe überwogen. Das heilige römische reich war längst weder heilig noch römisch noch reich noch reich. Welsch, reich und amt stammen aus dem keltischen. Dante konnte sich als kirchcntreuer und gläubiger katholik fühlen. Die kleinen schlächter von Gent Napoleon dem großen. ' Seine exzellenz ist ein gesandter, aber kein geschickter. Daß du der großen gnade, der mächtigen gunst, der tätigen und guten förderung dir Verdienst, ist eine forderung Göthes. Sie lispeln englisch, wenn sie lügen. Und was der ganzen Mensch heit zugeteilt ist, will ich in meinem innern selbst genießen. Gern wär ich überliefrung los und ganz original. Sonst spottet Gliche") in anderer weise über die tollheit der sucht, original zu sein. Wie's um die christen steht, die gemeinen, davon will mir gar nichts erscheinen. Wir haben das vom gedanken ge forderte »gemeinen« statt des überlieferten »gemeinen« geschrie ben. Ich kenn ein blümlein wunderschön. Kaiser rotbart lobe- sam. Mein Herr Magister lobesan. Alles, was original sein will auf kosten der Wahrheit, ist larve, fratze, gcspenst. Den mann hat'S! so nennt der sprachbrauch dortlands jenen zustand, wo der liebe zauber uns gepackt hat. Es ist mein Herz der Punkt, um den im bogen der schönen schönheit ist als Kreis ge zogen. Zu dunkler schwemme zieh» aus breiter lichtung nach tagen von erinnerungsschwerem dümmer in halbvergeßner schönheit fahler dichtung hin durch die wiesen wellen weißer lämmer. Mit dem gebrauch des feuers beginnt menschliches leben sich aus dem tierischen zu entwickeln. Königin Katharina streute fort und fort Hilfe und Wohltat für die lebenden und für die kommenden geschlcchter aus. Wo am säum die firne ragen und die vollen ströme rauschen und die fernen krönen tragen . . . Erkenne, was das heut und sonst bedeute! Flamm auf mit neuem Wort und werde über der zerstörten erde! Willst du in die ferne schweifen, fern von der geliebten Heimat? Ein Wölk chen, gold in duft verhaucht. Zwischen mauern, in einem Hinterhaus war er geboren. Seine wiese ein blumcnstrautz, ein pflänzlein im asch und ein goldsischglas wuchs ihm und welle. Ihr habt ein ansehn bei den euren, seid ihr stolz. Gott tönt mit seiner stimme wunderlaut. Es brachte seiner treuen "> So steht auch immer, also tausendfach, im Grimmischen Wörter buch. Das amtliche Regelbüchlein verlangt leider Goethe und trägt zu der Unsitte bei, daß sich manche jetzt Oefel, Oeffinger, Mueller, Scharfer schreiben. Man kommt in Versuch, O—efel, O—essinger usw. zu sagen. Jakob Grimm schrieb i. I. 1844: »Es ist Übermaß von Verehrung, Göthes »»deutsches Goethe nachzuahmen, denn jeder Leser hätte das Recht, es dreisilbig auszusprechen, oder umgekehrt Poet Pöt zu lese««.
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