Suche löschen...
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 23.12.1915
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1915-12-23
- Erscheinungsdatum
- 23.12.1915
- Sprache
- Deutsch
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id39946221X-19151223
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id39946221X-191512239
- OAI-Identifier
- oai:de:slub-dresden:db:id-39946221X-19151223
- Nutzungshinweis
- Freier Zugang - Rechte vorbehalten 1.0
- Lizenz-/Rechtehinweis
- Urheberrechtsschutz 1.0
Inhaltsverzeichnis
- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
- Jahr1915
- Monat1915-12
- Tag1915-12-23
- Monat1915-12
- Jahr1915
- Links
-
Downloads
- PDF herunterladen
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
Redaktioneller Teil. 298, 23. Dezembdr 1915. ren, Methoden, Instrumente auf Kosten der ausländischen wahr heitswidrig zu rühmen und bei Kontroversen auf die deutsche Seite zu treten. Ließen sic sich entsprechende Änderungen ihrer Manuskripte <!> nicht gefallen, so würden diese einfach unter schlagen (!). Anerkennung des Auslandes durch einen deutschen Gelehrten werde diesem nie verziehen. So werde Liebig von den »Historikern der deutschen Chemie nur mit ausgesprochenem Widerwillen erwähnt« und auf theoretischem Gebiet «grundsätz lich« gegen BerzeliuS zurückgesetzt. Weil Liebig als Schüler Gay-Lussacs und anderer Franzosen (unter denen auch sein Mitschüler und späterer Plagiator Dumas aufgeführt wird!) seine ersten Arbeiten der Akademie der Wissenschaften in Paris gewidmet (!) und sich schon dadurch »verdächtig« gemacht, ja es gewagt habe, nach dem Kriege von 70 »seinen französischen Lehr meistern treu zu bleiben« und »die Ehre zu betonen, Schüler der französischen Wissenschaft gewesen zu sein«, werde er »von den deutschen Chemikern über das Grab hinaus verfolgt«. Ausgesucht Justus v. Liebig! Aber es kommt noch besser. — Dem wahren Begründer der Bakteriologie Pasteur sei in Deutschland Kych untergeschoben worden, der die Wissenschaft nur um einige »tech nische Erfindungen«, um »wenige sehr fruchtbare Handgriffe« bereichert habe. Die chemische Wissenschaft sei für den deutschen Chemiker die reine Handelsfrage. Ruchlos bedroht er Kulturen, wie die der Vanille, der wohlriechenden Blumen; vernichtet die des Krapp, des Indigo, »weil der deutsche Fortschritt und der deutsche Reichtum nur auf Ruinen aufgebaut werden können«. Die »wissenschaftliche Spionage« der deutschen »Parasiten« stand der militärischen und wirtschaftlichen um nichts nach. Das »Ver trauen« der Franzosen wurde gemißbraucht, ihre »Höflichkeit« blieb unverstanden. In ihren Laboratorien »kämpft man nur mit ehrlichen Waffen«; beschreibt nur Versuche, die man gemacht hat; »beschriebene Beobachtungen sind immer wahr«. »Jenseits des Rheins war es nicht mehr so« (!). »Jedermann bemerkte es«. »Aber wenn man mit einem Betrüger spielt, ziehen viele vor, mit dem Spiel aufzuhören, als den Schurken auf frischer Tat zu ertap pen« (wörtlich so!). Achalme deutet an, gefälschte deutsche Versuchs- Protokolle (!) gesehen zu haben und fügt hinzu: »Dieser Vor gang ist allgemein geworden« (!I). Schließlich kommt er auf Kochs Tuberkulin zu sprechen, bei dem »durch klug dosierte In diskretionen« in der Menge der Schwindsüchtigen »die Hoffnung einer sicheren Heilung verbreitet« worden sei. »Die angeb liche Erfindung war ein Geschäft«, und als solches war es luxuriös aufgemacht, und die Rollen bewundernswert ver teilt«. »Das Tuberkulin war im Handel, ohne darin zu sein«, und Achalme »möchte nicht schwören, daß alle Kranken, die die Einspritzungen von Kochs Jmpsstoff bezahlten, ihn für ihr Geld auch erhielten« (!>. Die Patienten seien massenhaft gestorben, allzuschnell für »die Eigentümer von Sanatorien«, und man habe es schließlich verstanden, den »durch die kaiserliche Reklame nach Berlin geleiteten« Strom von Tuberkulösen »zu erhalten und nutzbar zu machen«. »Wenn die Wissenschaft einen heimlichen Bankerott gemacht hatte, so war es in dieser medizinischen Han delssache besonders wichtig, daß die Hotelindustrie daraus die erwarteten Gewinne zog«. Verfasser wirft zum Schluß einen würdevollen Blick auf die »Bescheidenheit« und »eine Art von Schüchternheit« des franzö sischen Gelehrten. Für beide Eigenschaften bringt er ja durch seine eigene Arbeit einen wahrhaft erschütternden Beweis. Für einen Deutschen bedarf es zwar nur eines ganz geringen Maßes von Bildung, um in diesem Machwerk des französischen »Gelehrten« einen wahrhaft kindischen Versuch von Geschichts- fälschung zu erkennen. Aber man fragt sich denn doch, wie es möglich ist, nicht nur, daß ein Mann von akademischer Bildung die Wissenschaft in solcher Weise zu prostituieren wagt, sondern daß er dabei auch noch von dem Präsidenten der Akademie der Wissenschaften in aller Form gedeckt wird. Gegenüber solchem Tiefstand des Wissens oder des Charakters, vielleicht aber beider, wie er hier sich offenbart; gegenüber solch widerwärtiger Mischung von Unwissenheit und Oberflächlichkeit, Anmaßung und Tücke sind wir früher Wohl in Helle Wut geraten und empfanden das dringende Bedürfnis nach »Widerlegung«. Heute haben wir 1658 dafür nur noch kalte Verachtung und als Antwort höchstens ein geflügeltes Wort aus dem Götz. Wer aber zu KricgSanfang sich etwa noch mit Illusionen von der »ritterlichen Nation« getragen hat, der wird angesichts dieser sich häufenden äooumonts bumains von jenseits des Rheins Wohl erkannt haben, daß mit dieser Sorte von Leuten keinerlei Pak tieren möglich ist. In dieser Erkenntnis soll uns auch unsere angeborene Fried fertigkeit nicht irre machen. Als gute Deutsche werden wir uns aber hüten, gedankenlos zu verallgemeinern. Wir irren hoffent lich nicht einmal mit der Vermutung, daß über solche Erzeugnisse eines würdelosen Chauvinismus da drüben so mancher in Scham und Zorn errötet, sich aber jetzt aus Patriotismus, den wir Wohl verstehen können, in Schweigen hüllt. Ja der bekannte Chirurg Doyen hat sogar dieses Schweigen jüngst gebrochen und sich dafür von seinen Pariser Studenten mächtig auspfeisen lassen müssen. Zwar gingen seine Ausführungen nicht gegen die fran zösische Wissenschaft, sondern nur gegen deren mangelhafte Ver tretung auf internationalen Kongressen, und wir dürfen die Mo tive, die Doyen zu diesem Auftreten bewogen haben, ruhig dahin gestellt sein lassen. Unser Urteil über die französische Wissen schaft als solche wird jedenfalls durch derartige Übertreibungen, mögen sie nach der einen oder der anderen Richtung gehen, in keiner Weise berührt. Wir kennen sie, und eben deshalb schätzen wir sie. Diese Wertschätzung hat stets ihren freimütigen Ausdruck in der deutschen Literatur gefunden und wird ihn auch nach dem Kriege finden. Und mit gutem Gewissen dürfen wir behaupten, daß auf unserer Seite niemals etwas ge schrieben worden ist, was auch nur annähernd mit den Schmäh ungen eines Achalme und Genossen verglichen werden könnte. Der »Chauvinismus«, in Frankreich erfunden, ist für uns eine Im portware geblieben, die bet wahrhaft deutschen Männern niemals Kurs gehabt hat. Mit dem wahlberechtigten, ja unentbehrlichen Patriotismus der Völker ist bisher leider sehr häufig Über schätzung des eigenen, Verachtung, ja Haß jedes fremden Volks tums — eben Chauvinismus — verquickt worden. Es wird eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft sein, hiermit gründlich auf zuräumen; aber sicher nicht dadurch, daß man den feurigen Hengst Patriotismus in den fetten Wallach Weltbürgertum verwandelt. Kein gesundes Volkstum ohne heilige Vaterlandsliebe! Sie wird, Gott sei's gedankt, bei allen Völkern wie ein Phönix aus Glut und Schlacken dieses Weltkriegs emporsteigen; aber veredelt und geadelt durch Verständnis für die Eigenart jedes unserer Brüder in der großen Völkerfamilie; durch Ehrerbietung vor seinen Idealen. Einst hat man das Weltall vom geozentrischen Standpunkt aus angesehen; die Erde als den Mittelpunkt, um den sich Sonne, Mond und Sterne drehen müßten. Erst als der menschliche Geist diesen Standpunkt überwand, konnte sich ihm das Weltall in seiner ganzen Erhabenheit offenbaren. Ebenso wird auch der Menschheitsgedanke erst dann in seiner ganzen Größe zur Geltung kommen, wenn die Völker aufhören werden, das Menschheitsall vom cthnozentrischen Standpunkt aus zu sehen; wenn cs zur Unmöglichkeit wird, daß irgend ein Volk sich anmatzt, das »aus. erwählte« zu sein; sich als den Mittelpunkt der Menschheit zu ge bärden, um den sich alles drehen müsse. Daß solche Anmaßung endgültig gebrochen wird, das wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, eines der gewaltigen Ergebnisse dieser gewaltigen Zeit sein. Immer mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, die ja schon längst Gemeingut wenigstens aller Gebildeten sein sollte, daß alle Völker, wie ihre Fehler, so auch ihre Vorzüge und Tugenden haben; daß das verächtliche Herabschen auf das »Ausland« nichts ist, als ein« der Formen, unter denen sich Unwissenheit und Be schränktheit offenbaren; daß die Völker nur nötig haben, sich unter einander kennen zu lernen, um gegenseitiges Verständnis, gegen- fettige Achtung zu gewinnen. Sehr erfreuliche Ansätze zu dieser Entwicklung sind vor dem Kriege bereits hervorgetreten. Der Sturm hat diese zarten Triebe vernichtet. Aber sie werden wieder hervorsprietzen und dermaleinst Früchte tragen. Hierfür den Bo den zu bereiten wird eine der vornehmsten Friedensaufgaben sein. Und es darf ohne Überhebung gesagt werden, daß Deutschland
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
- Doppelseitenansicht
- Vorschaubilder