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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 23.11.1916
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1916-11-23
- Erscheinungsdatum
- 23.11.1916
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- Deutsch
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- Zeitungen
- Saxonica
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- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
- Jahr1916
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Auf feldgrauer Straße. Aufzeichnungen von Olto Rieb icke. Neue Folge (Westfront) Nr. X. (IX siehe Nr. 258.) Der Regen rieselt. Der Regen rieselt. Er füllt alle Granatlöcher und alle Mulden; er weicht die Gräben zu Schlammrinnen und treibt gelb in die Unterstände. Der Regen rieselt; der Regen rieselt. Und die ungeheure Schlacht geht weiter. Sie schüttet ihr glühendes Eisen krachend über die Stellung, sic peitscht die nasse Luft und heult ... heult .. . Wir rücken vor. Durch Gräben, die kaum da sind, durch Tunnels, Brücken, Trichter, durch dieses ganze wahnsinnige Feuer. Unsere Ge sichter sind schleimig, unsere Uniformen triefen Lehm. Immer wieder bücken wir uns und halten die Schlaufen unserer Stiefel, die in Lachen sinken, die wir nicht sehen, weil es Nacht ist. Wenn die Leuchtraketen ihre Gleiste langhin in den Graben werfen, glitzert er wie Rauhreif, leuchtend vor Helle. Unsere Füße rutschen, sie stehen niemals und sie laufen niemals. Wir Pendeln von rechts nach links, strecken unsere Arme seitwärts und stoßen uns mit Händen ab, die nichts mehr sind, als unför mige Lehmballen. Ich laufe meinem Zuge voran und rufe nach rückwärts, was kommt. Gestern kannten wir noch alle diesen Graben. Aber in zwischen haben ihn die Granaten gepackt und zerfleischt, — sie haben seine Merkzeichen niedergerissen und verschüttet, seine Sohle umgepflügt, seine Wände gestürzt. An Wegschildern, die noch da sind, schief, lehmbekleckst, zersplittert, leuchte ich mit mei ner Zigarette die Buchstaben entlang und entziffere die Namen; oder ich rufe in Unterstände hinein, in Schlüpfe aus Erdrissen: »Der Weg nach . . . ??« Aber ehe die Schlaftrunkenen erwachen, antwortet mir ein Posten. Weiter in dieser Richtung ! Weiter, über Stellen hinweg, di« schwerste Granaten ein- ebnelen, wo wir Minuten gebrauchen, um hinaufzuklimmen, weil der schlüpfrige Boden keinen Halt gibt, deren plötzlicher Ab fall uns hinwirft, daß wir langhin auf Bauch oder Rücken nieder rutschen und das Gesicht in den Schmutz stoßen. Manch mal gleiten wir seitwärts ab und stürzen in zehn Stufen tiefe Unterstände aus Schlafende ... die nicht wach werden. Oft bleibt das Schanzzeug in zerrissenen Kabelleitungen hängen und wirft die Pioniere rücklings nieder. Aber vorwärts! Vor - lvärts ! Der »—Graben« ist noch nicht befunkt, er wird noch gut er halten sein. Dahinein! Aber plötzlich lausen Feuergarben neben uns her; an der rechten Grabenkante peitschen Aufschlagschrapnells nieder. Gebückt rennen wir weiter. Die rechte Böschung schützt uns, schräg in die linke prasseln die Bleikugeln. Der Lehmschmutz spritzt in die Gesichter, die Bruchteilsekunden glutrot übersprüht werden. Auf die Stahlhelme prasseln Eisenstücke ... Da packt der Feind de» Graben. Er hat seine mathematische Berechnung um einen Gradteil vorgeschoben und grausig peitschen die Schrap nells ihren Bleihagel in die schwarze Rinne, die phosphorgelb wächst. Dicht drücken wir uns an die Wand. Wir stemmen uns mit aller Muskelkraft dagegen, als sollte sie sich ausbuchten. .... Plötzlich tauche ich in Phosphorglut ... ein Pfeifen und Prasseln ... ein heißer Luftstrom schüttet sich über uns . . . er schleudert mich zu Boden . . . und alle die andern, die neben mir stehen ... ein Paar Verwundete schreien laut auf. . . . Sanitäter!! — Sanitäter!!! . . . . Gott sei Dank kein Toter . . . nur Verwundete . . . leichter . . . und . . . schwer . . . Nun müssen wir Weiler; unbedingt! Den Schrapnells können Granaten folgen, schwere, schaufelnde Granaten . . . Ein paar Leute bleiben bei den Verwundeten, sie werden sie in Zeltbahnen Wickeln und zum Sanilätsunterstand schlep pen. Alle andern stürmen vorwärts. Wir müssen durch, durch diesen Schrapnellregen. Und — es gelingt! . . . Der englische Richtkanonier hat in diesem Augenblick den Gradmesser abermals verschoben und alle Geschosse explodieren auf der lin ken Grabenkante, unter der wir uns entlang drücken. Kaum haben wir diesen ». . . Graben« verlassen, als sich eine breite Schulterwehr bebend hinter uns zuschiebt, getroffen vom Kaliber der Achtunddreitzig-Zentimeter . . . Dann endlich stehen wir tm befohlenen Grabenkopf; fast drei Stunden sind wir durch das Stellungslabyrinth gelaufen. Nun ist es zwölf Uhr. Ich klettere brusthoch aus dem Graben: das ist also das Gelände, wo wir schanzen sollen .... Ununterbrochen steigen Leuchtkugeln in den nächtlichen Re genhimmel, ununterbrochen krachen die Granaten, Platzen die Schrapnells, klirren die Minentöpfe. Die Nacht ist nichts mehr als ein weißer, lichter Schleier, dessen Fäden Regen webt, und die Erde ein glänzendes Sieb mit den schwarzen Löchern aller Kaliber. Dreihundert Meter vor uns starren die Baum stümpfe eines Gehöftes aus dem Grauatfeld. Das ist das Einzige, was sich noch oberhalb der Erde befindet. Alles andere hat der Sturm der Artillerien heruniergepeitscht, das splitternde Eisen zerseilt. Aber darunter, unter diesen Trichtern, in denen bespannte Wagen sichtlos werden könnten, darunter . . . »Kamerad, Du warst drei Tage dort — erzähle!« . . . ». . . Darunter im tiefen, tiefen Unterstand, der wie eine Dunstblase im Erdinnern liegt, lauern sie. Die Engländer wissen schon, daß sie da sind, aber sie wissen nicht, wo, und darum pflastern sie eine 38er Granate neben die andere hin. . . und wir Pioniere stehen an den Ausgängen, die immerfort verschüttet und eingedrückt wer den, und legen sie wieder frei, damit Lust hereinkann, da mit Sturmlöcher da sind . . . wenn der Engländer kommt, uns nicht sieht, von uns nicht glaubt, daß wir noch leben, dann mäht der Tod der Maschinengewehre furchtbar in seinen Reihen, dann mutz er zurückfluten, wieder über uns hin weg, wieder zu seinen Batterien, die von neuem trommeln, die uns in giftigen Gasen ertränken wollen. Es sind meist Austra lier, Halbwilde, die mit furchtbarem Geheul ihre Furcht verjagen wollen . . .« — 1437
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