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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 01.07.1915
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- 1915-07-01
- Erscheinungsdatum
- 01.07.1915
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Redaktioneller Teil. ^ 149, 1. Juli 1915, Mein Heimatsort im äußersten deutschen Nordwesten wurde zu meiner Jugendzeit von dem holländischen Nachbarlande noch so stark beeinflußt, daß die Kirchensprache — Predigt und Ge sangbuch — holländisch war; nur alle vier Wochen war »Mienheer Dominee« verpflichtet, deutsch zu predigen. Dieser Umstand brachte es mit sich, daß manche älteren Lehrmittel in der Schule noch holländischen Ursprungs waren. Dahin gehörten u, a, die wenigen Anschauungsbilder, über die die Schule verfügte, einfache Papptafeln von mäßig großem Geviert mit fortlaufender Darstel lung eines Ereignisses nach Art der Moritatenbilder, In einfarbig schwarzer Lithographie ausgeführt, waren sie von dem jetzigen kunstvollen Äußeren der Anschauungstafeln zwar weit entfernt, aber ich habe gefunden, daß die Ereignisfolge für die kindliche Phantasie etwas sehr Packendes an sich hatte. Die Geschichte vom schlimmen Jan, der die Tiere quälte und endlich von einem bö sen Kettenhunde zur Strecke gebracht wurde, oder von der un folgsamen Doortje, die durch ihr Tändeln mit Feuer die Einäsche rung des halben Dorfes verschuldete, prägte sich den Kindern so gut ein, daß die meisten noch viele Jahre lang nachher sich aller Einzelheiten auf den Bildern entsannen. Das Verständnis des holländischen Textes bot kein Hindernis, weil der erste Unterricht sowieso im heimatlich-traulichen Niederdeutsch erteilt wurde. Die Schule zu G, war in ihrer Art eine Musteranstalt und als solche weit und breit angesehen. Sie war die einzige, die schon damals den echt sozialen Grundsatz des Gemeinbesitzes aller Schulbücher verwirklicht hatte. Kein Schulkind, ob reich oder arm, war genötigt, sich außer anfangs der Schiefertafel nebst Zubehör sowie der Fibel und später der Schreibhefte und Schreib federn, ein Buch auf eigene Kosten zu beschaffen. Die Schule sorgte für die Anschaffung und Instandhaltung aller Unterrichts- bllcher. Diese blieben auch in Verwahrung der Schule; das lästige Hinein« und Heraustragen derselben nachhause — neben bei bemerkt, die größte alltägliche Lastenbewegung im Deutschen Reiche — war unbekannt. Eine Einrichtung, die vollkommen dem Wahlspruche des Lehrers nachkam, daß alle Unterrichtsarbeit in der Schule geleistet werden müsse. Die meisten Bücher stammten aus dem Hahnschen Verlage in Hannover: der Kinderfreund, das Sprachbuch von Seffer, die Quietmeyerschen Lehrbücher sind mir noch in Erinnerung; die Fibeln waren einheimischen Ursprungs, Die Instandhaltung der Bücher durch Umschläge aus blauem Aktendeckel fiel in der Hauptsache den Kindern des Lehrers und einigen ältern anstelligen Knaben zu. Beim Unterricht wurden die Bücher für jede Stunde von den Klasscnobcren ausgeteilt und später wieder eingesammelt; um die dabei unvermeidliche Unruhe abzuschwächen, ging der Stundenwechsel stets unter Ab- singung eines wechselweise angestimmten Liedes vor sich, Lieferer der notwendigen neuen Bücher war seit vielen Jahren eine Handlung mit »Scholastikalien« in der 3 Stunden entfernten Kreisstadt, Nach damaliger Zunftordnung fiel der Verkauf von Schul- und Gesangbüchern, Schreibmaterialien und dergl, noch in den Geschäftsbereich der mit Buchbinderei verbundenen Papier- und Schreibwarenhandlungen, Sie traten allerdings auch bei der Beschaffung von Unterhaltungsschriften als Wettbewerber der einzigen berufsmäßigen Buchhandlung in der Stadt aus. Auch eine regelrechte Bücherei zeichnete weit in der Runde die Schule zu G, aus. Welche Schwierigkeiten es gekostet hatte, die an soviel Gemeinsinn gar nicht gewöhnte Bevölkerung des Ortes mit derartigen Neuerungen, wie es die Bücheranschaffung für den Gebrauch und die Unterhaltung der Schüler auf allge meine Unkosten war, zu befreunden, vermag in unserer sozial auf geklärten Gegenwart niemand zu ermessen. Seinen Erfolg ver dankte der Lehrer außer seiner energischen und geistig bedeutenden Persönlichkeit Wohl vorzugsweise dem Umstand, daß die Bevölke rung zu G, aus Schiffern und Landwirten gemischt war und in folgedessen einen Kleinbürgersrand aufwies, der sich für manche Fortschritte empfänglicher erwies, als eine rein bäuerliche Be völkerung, Indem aber die Schulbüchern auch den bereits der Schule Entwachsenen, namentlich den Dienstboten und anderen Personen jüngeren Alters, zugänglich gemacht wurde, offenbarte sie sich als einen wertvollen Gemeindebesitz, an dessen Erhaltung und Mehrung sich alle Benützer interessiert zeigten. So wurden 942 denn die Lefegelder in Gestalt von Ein- und Zweipfennigstücken (erstere als Beitrag der Schulkinder, letztere der »Auswärtigen«) regelmäßig und gern gespendet. Der von der Gemeinde bewilligte Büchervermehrungsfonds, der sich auf jährlich zwei Taler belief, durfte nur zur Ergänzung und Instandhaltung der eigentlichen Schulbücher verwendet werden. Jeder Mehraufwand, im besonde ren an Arbeit, war Sache des Schullehrers und seiner freiwilli- gen Helfer, Und nicht nur die Bücherei erhob darauf Anspruch, auch der Schreibunterricht belastete den Lehrer mit einer Fürsorge, von der der neuzeitliche Lehrer keine Ahnung hat. Bis zu Anfang der 69er Jahre des vergangenen Jahrhunderts behauptete noch in den Landschulen des Nordwestens, wie Wohl allgemein in Deutschland, der Gänsekiel gegen die Stahlfeder das Feld, Her- kömmlicherwetse lag die Behandlung des Schreibwerkzeuges der geschickten Hand des Schulmeisters ob, und das Zuschneiden, Prü fen und Verbessern der Federn für 40 bis 50 Schüler erforderte manche verdrießliche Stunde, Dessen überhoben zu werden, be deutete für den Lehrer einen wohlverdienten Zeit- und Arbeils gewinn. Indessen war die erste größere Bekanntschaft, die wir mit Slahlfedem echt englischen Ursprungs machten, keineswegs dazu angetan, uns Kinder für diesen Fortschritt zu erwärmen. Bei schwerem Sturm trieb in der Nähe von G, ein großer englischer Dampfer auf den Strand, der außer anderen Waren auch eine Un masse Stahlfedern aus Birmingham mit sich führte. Kistenweise aus dem Wrack ans Land gebracht, waren sie zunächst unter die Obhut der Zollbehörde gestellt worden, von dort aber erst nach überlanger Zeit freigegeben, wie sich alsbald herausstellte, in klumpenweise zusammengerostetem Zustande, Das Geschenk, das irgendein freundlicher Spender damit der Schule machte, erwies sich für uns Lehrerskinder und einige unserer Freunde als über aus verhängnisvoll. Bemüht, daraus für seine Schule noch ir gendeinen Vorteil zu erzielen, ließ uns der Lehrer versuchen, die zusammenklebenden Fedem mittels eines Ölbades wieder von einander zu lösen und dann durch Abwischen gebrauchsfähig zu machen. Aber der Rost trotzte allem unserem Eifer. Gelang es uns auch schließlich, eine gewisse Menge Fedem wieder zu säu bern, so hatte fast immer deren Spitze durch unser Wohl nicht allzu schonendes Reinigungsverfahren so weit gelitten, daß von einer regelrechten Benutzung nur noch selten die Rede sein konnte. So hatten wir denn einige in Rost- und Llschmutzerei verbrachte Fe rienwochen ganz umsonst dem Moloch »Schule« opfern müssen. In dieser Kapitel ließe sich auch das Bemühen des Lehrers bringen, der vorgeschritteneren und zum Teil schon schulent wachsenen Jugend während des Winters allwöchentlich einige Stunden lang den Genuß einer Lesehalle zu bieten. Zu diesem Zweck wurde uns das Schulzimmer warmgehalten. Aber der gute Wille erlitt durch andere Umstände eine bedeutende Ein schränkung, Die vorgeblich auf das damals erst allgemeiner wer dende Petroleum eingerichteten Lampen duldeten keine Glas zylinder über ihren Flammen, und es kamen Abende, an denen aller erdenklichen Vorsicht zum Trotz zwei, drei Gläser nacheinan der zersprangen. Diesem Verluste war die gute Absicht auf die Dauer nicht gewachsen. Der briefliche und Paketverkehr meines Heimatsortes mit dem Hauptslrom — auch dieser war nur ein ziemlich seichter Ausläufer — war zu meiner Kindzeit ganz auf die Botenpost und die Kanalschifferei angewiesen. Die Beförderung von Brie fen lag zwar üblicherweise von Regals wegen ausschließlich dem Landbriefträger ob, aber wie noch heute nicht selten auf dem Lande, so führte damals erst recht mehr als eine Verkchrsvor« schrift einen aussichtslosen Kampf mit dem Herkommen, Und her kömmlicherweise betraute man die Ortsschiffer mit der Besorgung von allerlei Aufträgen, zu denen nach allgemeiner Ansicht auch Briefe notwendig waren. Dem Postexpeditor war diese Sachlage natür lich bekannt. Aber die Vorwürfe, die sein Amtsgewissen gegen die stillschweigende Anerkennung der Tatsache erheben mochte, brachte seine Geschäftsmannsseele zum Schweigen, Als Inhaber eines Ladens für allerlei Hausbedarf hielt er es für angezeigt, nicht alles zu wissen, was er hätte erfahren können. Genug, der Bücherverkehr des Ortes mit der Kreisstadt, an dem Schule und
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