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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 30.04.1915
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1915-04-30
- Erscheinungsdatum
- 30.04.1915
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- Deutsch
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- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
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Redaktioneller Teil. ^ 98. 30. April 1915. Ich und der Buchhandel im 10. Kriegsmond Martembourg 1,Belgien, 19. April 1915. Ende des 9. Kriegsmondes. Eben krame ich in meiner Mappe L für eilige Schrift sachen mit der Aufschrift: »Drei Monate Ziel!«. Hier hinein kommen die Briefe von Liebesgabenspendern oder solchen, die es werden könnten, während alles übrige in der Mappe L mit der Aufschrift: »Zur Selbsterledigung« auf bewahrt wird, um dann gelegentlich mit Feldpostsendung als Kriegserinnerung für spätere Zeiten oder Geschlechter in die Heimat zurückbefördert zu werden; eine Fundgrube für den Forscher, dem es einst unter die Hände kommt. Also, in meiner Mappe für eilige Schriftsachen krame ich und finde merkwürdigerweise darin Ihren lieben Brief. Das ist eigent lich ein Versehen — oder vielleicht doch ein Walten des Schicksals. Jedenfalls habe ich Ihre Aufforderung zur Be teiligung an einer Kantateausgabe des Börsenblattes nochmals aufmerksam durchgelesen und bin daraufhin in längeres Nach denken versunken. Endlich habe ich meinen kleinen Taschenkalender hervorgeholt (wobei mir schmerzlich auf die Seele gefallen ist, daß ich ja auch früher mal ein Leipziger Kalendermacher war). Immerhin konnte ich feststellen, daß diesmal Kantate an den An fang des 10. Orlogmondes fällt, und dann habe ich seufzend nach einem Briefbogen gegriffen. Da sitze ich nun, den schwarz-weitz- roten Liebesgabensederhalter in der Rechten, und bemühe mich, Ihnen, mein Verehrtester Herr Chefredakteur des Blattes, das auch für mich einst die Welt bedeutete, in der man sich schindet, ärgert, langweilt und doch schließlich so von Herzen wohlfühlt . . . ., von hier draußen aus buchhändlerisch zu kommen, damit Sie in mir nicht nur den langjährigen Fest ausschuß- und Bratenbarden, sondern auch den würdigen, ver eidigten, unfehlbaren Sachverständigen für alle Angelegen heiten des Verlagsbuchhandels — also ex unAus Isonsm — wiedererkennen sollen, der Ihnen einen schätzenswerten Bei trag darbietet etwa unter dem Titel: »Ich und der Buch handel im 10. Kriegsmond!« Die Aufgabe ist gestellt. Also los! »Hier stock' ich schon« . . ., denn kategorisch drängt sich mir die Frage auf: Was hast du noch mit dem Buchhandel zu tun? Und zögernd, aber bestimmt löst sich die Antwort heraus: Eigentlich gar nichts! Ja, aber mit dieser Über zeugung kann man doch keinen Artikel schreiben für ein Fach- blatt von der unerbittlichen Sachkunde und sachwissenschaft- lichen Bedeutung wie unser Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, wo jede Zeile vom hochamllichen Teil mit den stolzen Vorstandsunterschriften an bis hin zur letzten Anzeige ernste Würde und tiefgründige Berusskenntnis atmet, wo jeder Leser ein unsehlbarer Kritiker und Sachverständiger ist, wo man deine unbescheidene Weisheit mit Achselzucken in ihr Wohl- verdientes Nichts verweisen würde. — Ja, das vielleicht anfangs mitleidige Achselzucken würde sich wahrscheinlich in gerechte fachmännische Empörung verwandeln, wenn der geehrte Leser erst einen richtigen Einblick erhält, wie unbeschreiblich gering und dilettantenhaft die Sachkenntnis des Brieffchreibers — eines ehemaligen Berufskollegen — eigentlich ist. Ja, mein lieber Herr Thomas, es ist traurig, aber wahr. Vom ganzen Buchhandel ist in mir nur noch eine mehr oder weniger schöne Erinnerung geblieben, die sich gar nicht sachverständig gebärdet. So gründlich hat der Orlog da aufgeräumt. Kriegs jahre zählen doppelt, aber dieser Krieg ist überhaupt mit keinem Matz mehr zu messen, weder nach vor-, noch nach rückwärts. Mögen die Tageszeitungen und Kriegschroniken noch so staiistisch genau auf Heller und Pfennig nachrechnen, seit wann Krieg ist, es stimmt nicht mit dieser Statistik. Dieser Krieg dauert schon eine endlose Ewigkeit, er ist längst der Normalzustand der europäischen Völkerschaften geworden, und ich bin sicher, daß Karl Krause sich kaum noch erinnern kann, jemals Buchbindecmaschinen gefertigt zu haben. Auch eine Bugra soll es früher einmal in Leipzig gegeben haben, eine richtige Weltausstellung für Kultur; sollten Sie in der so genannten Metropole des Buchhandels etwas darüber erfahren können, so schreiben Sie mir es nur ja; ich wurde neulich! 668 von jemand darüber befragt, ob ich etwas davon gehört hätte, vermochte aber leider keine genaue Antwort darauf zu geben. Ja der Betreffende kannte einen gewissen Hauptmann Ludwig Volkmann und fragte, ob das vielleicht ein Nachkomme des berühmten Schöpfers jener Bugra und Verfassers der Schrift: »Von der Wellkultur zum Weltkrieg« wäre. Der Titel dieses Werkes läßt darauf schließen, daß es davon handelt, daß die sogenannte Weltkultur folgerichtig zum Weltkrieg führen mußte. Ja vielleicht steht diese Ausstellung für Weliknltur in ursäch lichem Zusammenhangs mit dem Ausbruche des Weltkrieges. Vielleicht ist dieser sogenannte friedliche Wettkampf der Völker der Welt um die höchste Kultur-Siegespalmc schließ lich in einen feindlichen ausgeartet, und der Herd dieses Weltbrandes wäre schließlich in Leipzig zu suchen Wer kann's wissen? Nur soviel weiß ich, daß ich seit undenklichen Zeiten Kriegsmann bin, oder besser Wachmann, Bahn- und Strecken wärter, Wald- und Feldhüter, Tag- und Nachtwächter usw., genau wie meine Bataillonskameraden, die ehemaligen und jetzigen Berufskollegen Richard Goldacker und Ernst Wiegandt, von denen der letztere sich vom Mehl- und Kartoffelkutscher und Viehtreiber zum richtiggehenden Bataillonsadjutanten und stolzen Reitersmann entwickelt hat. — Und das ist mein Trost, selbst diese beiden früheren Vollbuchhändler und »auch« Anti quare sind es längst nicht mehr, sie schauen ebenso verständ nislos drein als Schreiber dieses, wenn irgend ein merk würdiger Zufall einmal das Gespräch auf den berühmten deutschen Buchhandel und seine Erscheinungen bringt. Auch vom feindlichen Buchhandel wissen wir Ihnen nicht viel zu berichten. Halt, doch etwas: Kürzlich bei einer Streife ent deckten Wiegandt und ich in einem hübschen Nachbar städtchen beim Durchmarsch ein vorspringendes Firmenschild mit der doppelseitigen Aufschrift »lübrairie«. Da regte sich doch in uns noch so etwas vom alten Buchhändler, wir be schlossen daher hineinzugehen in den bescheidenen Laden, dar Handwerk zu grüßen und dem feindlichen Kollegen friedlich ein Buch abzukaufen und uns bei der Gelegenheit über den belgischen Buchhandel zu unterrichten. Im Laden erschien eine Frau mit einem Kind auf dem Arm und einer Anzahl um sie herum und blickte uns ängstlich an. Auf unsere Frage nach Büchern brachte sie nach langem Kramen einige Schreibhefte zum Vorschein. Als wir ihr begreiflich machten, daß wir gedruckte Bücher haben wollten, erklärte sie rundweg, die hätte sie nicht. Jetzt erst entdeckten wir, daß in der ganzen Librairie nirgend wo ein Buch zu sehen war. Ob nun die Literatur aus Angst vor dem Zensor verschwunden war, oder ob der stolze Titel Librairie wirklich nur in den Schreib- und Schulheften seine Existenzberechtigung hatte, haben wir nicht weiter untersucht, sondern sind, ohne uns als ehemalige Kollegen zu erkennen zu geben, rein militärisch sachlich hinausgegangen. Das war hier draußen in unserer Provinzecke die erste und bisher ein- zige Begegnung mit dem ausländischen Buchhandel. Vielleicht möchten Sie nun etwas über die beliebtesten Bücher in dieser Kriegszeit von draußen wissen? Auch das wissen Sie viel besser als wir von drinnen, wenn Sie in Ihr Börsenblatt sehen und die gigantischen Auflageziffern gewisser zeitgemäßer Bücher Nachlesen. Natürlich haben wir Buch händler hier eine Bibliothek eingerichtet. Ehrensache! Aber ehrlich gesagt, viel gelesen wird beim Landsturm nicht. In den langen Wintermonden auf Wache und in den Quartierstuben war das Licht schlecht und das Petroleum knapp, so daß der Lesehunger nicht gestillt wurde, und jetzt, wo das Licht besser und die Tage länger sind, ist das Lesebedürfnis knapp und knapper geworden. Nun rächt sich der übergangene Lesehunger. Nicht einmal Zeitungen werden noch viel gelesen. Das In teresse konzentriert sich da mehr und mehr auf die kurze inhaltsschwere tägliche Mitteilung der amtlichen Nachrichten vom Kriegsschauplätze als auf das einzig Reelle in der Flucht der Vermutungen und Prophezeiungen der großen und kleinen Propheten, die sich alle immer und immer wieder als apokryph erwiesen haben. Liebevolle Kollegen haben mich in rührender Weise mit Literatur versorgt, und ich habe mich redlich bemüht, es ihnen
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