MMMfLdmDnMMVllMaM Nr. 43. Leipzig. Mittwoch den 20. Februar 1935. 1V2. Jahrgang. ,,/VUt größtem Anteil kabe ick dieses vuck durckgelesen... von 8eite ru 8eite stärker gefesselt durck das Icklickte wakre Viesen der 8ckreiberin..urteilt -^gnes Siegel über die hängenden Armen, ohne sich zu verbeugen, steht er einige Augenblicke schweigend da. Dann fängt er an zu singen. Er verwechselt dauernd die Melodie und die Worte, ob wohl er gar nicht aufgeregt ist, und behält beim Singen eine todernste Miene und die schlaffe Haltung. Nur bei den Schlußworten „Da steht vor dir, Kaiser, dein treuer Soldat" hebt er beide Arme in die Höhe. Das Tragi komische dieser Worte fällt niemandem auf. Nach einem anhaltenden Beifall kommt endlich der Chor auf die Bühne. Der erLte Während der Frühstückspause werde ich zum Direktor gerufen. Ein Herr sitzt ihm gegenüber. Ich sehe nur seinen Rücken und denke: ein „Herr", kein „Genosse"! — Eine lange Auseinandersetzung wegen der Maschinen beginnt. Ich versuche, den Sinn der Worte beider Parteien schnell zu erfassen und fühle dabei ein großes Staunen. Der Herr, ein älterer, großer, blonder Deutscher, hat ein so merk würdig ruhiges, sicheres Auftreten. Jede seiner Bewe gungen scheint sich nach einem geordneten, abgerundeten Plan wie ein Uhrwerk abzuwickeln. Dazu sehen meine staunenden Augen die so wohltuend wirkenden Farben und die vornehme Einfachheit seiner Kleidung. Manchmal vergesse ich in meinen Betrachtungen die Gegenwart und ertappe mich auf dem Gedanken: so haben wohl die Neger im Urwald die ersten Weißen bewundert. Als ich den Raum verlasse, kommen zwei unserer Laufmädchen in roten Kopftüchern auf mich zu. „Ge nossin Gorjanowa! Haben Sie den Nemetz (Deutscher) 6 gesehen? Was hat der für einen schönen Mantel? Einen Schlips hat er, mit Pünktchen! Wie ist er dick und ruhig!" Der erste deutsche Herr bleibt, ohne es wahrscheinlich selber zu ahnen, während der nächsten Tage der Mittel punkt der meisten Gespräche. Die Arbeiter sagen mir: „Die haben drüben bestimmt genug zu essen!" Die Ar beiterinnen bewundern die guten Stoffe, das ruhige Wesen. „Nicht wie bei uns! Wir sind im Vergleich zu ihm wie Verrückte! Wir zappeln bei jedem Wort!" Die alten Ingenieure sagen traurig: „Der braucht sich nicht zu fürchten! Der arbeitet hier, verdient viel Geld, fährt nach Hause und kann dort gut und ruhig leben und in einer schönen Wohnung seine Zigarre rauchen!" Unsere jüngeren Ingenieure, besonders die Juden, zeigen für den Ausländer ein gefchäftiges Interesse. „Wenn man bei dein arbeitet, kann man ihn bitten, einem Sachen aus dem Ausland mitzubringen", ist ihre Meinung. Sogar unsere heftigen Kommunisten finden sich trotz des ihnen geziemenden Hasses gegenüber dem Vertreter der „kapitalistischen Welt" nicht ganz zurecht. „Ach! Hätte ich solche Schuhe!" höre ich von einem unserer „politischen Erzieher". „Eure Werke werden doch nach fünf Jahren solche Kleinigkeiten als Massenerzeugnis Her stellen", sage ich mit so todernstem Gesicht, daß er den Tonfall nicht merkt und plötzlich laut aufseufzt: „Wir müssen noch warten, bis Ostern und Pfingsten auf einen Tag fallen!" „Wie denken Sie, Genossin Gorjanowa?" fragt mit besorgtem Gesicht eines der Mitglieder des Arbeiter- niocl.un6cn-vckl.-46 6/u.o.ci.. eckun uno ccikri6 96