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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 22.12.1932
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- 1932-12-22
- Erscheinungsdatum
- 22.12.1932
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MsmbMfL-mDelltslMViMMä Nr. 288 (N. 138). Leipzig, Donnerstag den 22, Dezember 1932. 99. Jahrgang. NeÄMioueUer Teil. Die 3agd nach dem neuesten Buch. Als hier am 6. Dezember (Nr. 284) unter dem Titel »Laßt Läden locken» eine Veröffentlichung der »Frankfurter Zeitung« glossiert wurde, die den Buchhändlern empfahl, nicht immer nur neueste Bücher ins Schaufenster zu legen, meinten wir, die Zei tung solle nur auch den Lesern sagen, sie uröchtcn doch nicht immer nur das neueste Buch verlangen. Und schon erfüllt sich unser Wunsch: die »Frankfurter Zeitung« bringt, wahrscheinlich ganz unabhängig von unserer Glosse, im Feuilleton vom 17. De zember einen ausführlichen Aufsatz »Die Jagd nach dem neuesten Buch«, der sich mit erfreulicher Deutlichkeit gegen die »Tempo- Tempo-Leser« und ihre Sucht nach dem Allerneuesten wendet. Was da gesagt wird, ist dem Buchhandel zwar nicht neu. Aber es er scheint doch erwünscht, auch hier auf den Artikel hiuzuweisen, zu mal bei dieser Gelegenheit einige Jrrtümer berichtigt werden können. Die Zahlen nämlich, um damit zu beginnen, die in dem Ar tikel benutzt werden, sind durchaus irreführend, weil hier zweierlei Material durcheinandergeworsen ist. Die Ziffer der Neuerschei nungen für Januar/September 1932 wird richtig mit 14 752 an gegeben. Dann aber heißt es, das letzte Vierteljahr werde erst noch die große Überschwemmung bringen, und nun wörtlich: »das soeben eingetrofsene Verzeichnis, das auch den Oktober einbe zieht, nennt 29 804 Neuerscheinungen«. Wie, fragt der staunende Laie: also sind im Oktober allein 15 052 Bücher erschienen? Nun, selbst der Laie wird das nicht glauben, und auch der Verfasser des Artikels hätte stutzen sollen. Woher aber die ganze Ver wirrung? Sie ergibt sich aus der leicht mißverständlichen und (wie man hier sieht) irreführenden Veröffentlichung einer Statistik der »Deutschen Bücherei«, die bekanntlich neben den Neuerschei nungen des Buchhandels auch alle amtlichen Drucksachen, Privat drucke usw. miterfaßt. Nicht zu leugnen, daß auch diese Ziffern für den internen Gebrauch wichtig sind — sie sollten aber nur mit größter Vorsicht verbreitet werden, da die Presse sich allzu leicht solcher Fassaden-Zifscrn annimmt, ohne die Hintergründe zu kennen oder zu prüfen. Tatsächlich stieg die Zahl der Neu erscheinungen von 14 752 aus 16 918 im Oktober und auf 18 957 im November, sodaß fürs ganze Jahr mit einer Höchstziffer von 21 000 gerechnet werden kann. Darin würden Neuauflagen mit etwa 3000 mitenthalten sein. Noch eine zweite Zahlenangabe bleibt richtigzustellen: »Wir haben heute die Fabrikanten für den Büchertisch«, schreibt die »Frankfurter Zeitung« sehr richtig, »Konfektionäre der Saison, die Erwitterer des Quartalsgeschmacks, der Kriegs-, Ehe-, Land straßen-, Revolutions-, Gesellschafts-Bücher haben möchte. Es ist kein Trost, daß diese Erzeugnisse vom nächsten Jahr hinweg gefegt werden, denn inzwischen haben die Erzeuger viel Geld ver dient und die Verschluderung der deutschen Sprache beschleunigt, denn inzwischen leiden die Besten Not und edelstes Gedanken gut bleibt ungehoben. Wieviele von den gut und gern zwölf- bis sünfzehntausend Büchern schöngeistiger Literatur, die uns dieses Jahr bringt, mögen das Papier wert sein, auf dem sie gedruckt werden! Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß Deutschland zwöls- bis sünfzehntausend vollwichtige Dichter beherbergt, so wenig es die gleiche Zahl berufener Maler und Komponisten hat». Ganz gewiß nicht! Aber woher kommt die Zahl der 12—15 000 Bücher schön geistiger Literatur im,Jahr? Nach der Statistik des Buchhandels erschienen von Januar bis September 1932 nur 1940 Werke der Schönen Literatur, von denen obendrein 406 Neuauflagen waren, sodaß sich l534 Neuerscheinungen ergeben. Selbst wenn man die Jugendschristcn mit 656 bzw. 469 Werken hinzunimmt, konimt man nicht zu jenen Phantastischen Zifsern der »Frankfurter Zei tung«. Diese Jrrtümer mußten richtiggestellt werden — wobei natürlich die Frage offen bleibt, ob nicht auch die niedrigeren Ziffern noch immer als unerwünscht hoch erscheinen. Mit Recht macht der Verfasser die Bücherkäuser daraus auf merksam, daß sie selbst durch ihre Novitätenjagd das Buch ver teuern. Und dann fährt er fort: »Verleger, Autoren und Buchhändler sagen ln einer in Deutsch land seltenen Übereinstimmung: Wir finden, daß sich der Bücher- käufer nicht richtig verhält. Er will das neueste Buch, nur das neueste. Er hat vielleicht den Mut, noch eine getüpfelte Krawatte zu tragen, wenn die Mode schon gestreikte befohlen hat, aber er hat nicht den Mut, ein Buch aus dem vorigen Jahr zu verschenken. Der Buchhändler hütet sich, Reserven in sein Lager zu tun, der Verleger Mt die Auslagen klein, der Dichter dekomnit Eilbriese, er solle sich mit dem Roman sputen, es komme daraus an, die Leichen der Zeit an der Stirnlocke zu fassen'. Dieser Zustand ist des Volkes der Dichter und Denker nicht würdig, er ist barbarisch. Die Jagd nach Neuheiten entwertet unser Schrifttum und ist ein« Ungerechtigkeit und Mißachtung gegen das Wertvolle, das nicht oben schwimmt und der Jahre bedarf, um das Geheimnis, das in jedem guten Buche ruht, zu offenbaren. Das Buch des schöpferischen Geistes und der hohen Form wird niemals ein Schlager und eine Neuheit sein können, schon deshalb nicht, weil es der Mehrheit nicht die FrenndAchkeit erweist, ihr zu Willen zu sein und sie zu be stätigen. Es ist eher «in rebellisches Buch. Es gräbt sich «in, wächst, blüht und reift. Sein Eigentum, das eines seltenen, eines gesen deten Menschen, wird Eigentum dessen, der es innerlich besitzt und immer wieder liest. Paul Valöry hat kürzlich geschrieben, drei Millionen Lesern zu gefallen, dazu gehöre viel, aber eS gehöre weni ger dazu, als nur hundert Personen zu gefallen. Und ferner: Das Neue hat unwiderstehliche Reize nur sür d i e Geister, die von einem bloßen Wechsel ihre stärkste Anregung erwarten.« Der Mahnung an die Buchhändler, gegen die Vernachlässi gung guter älterer Bücher durch geeignete Schaufenster und Emp fehlungen anzulämpfen, folgt dann noch ein besonderer Appell an die Leser: »Dem Publikum aber wäre zu sagen, daß es sich selbst schädigt, wenn es hinter dem Allerneuesten herläust, daß es Gefahr geht, sich bei den Beschenkten zu blamieren, denen es einen kurzlebigen Schmö ker in die Hand drückt, daß es beiträgt zur Zerrüttung deutscher Kultur und Sprache, wenn es die Schnelldichter begünstigt, und daß es mit seiner Abkehr von dem ln seiner Schönheit und seinem Geheimnis ruhenden Buch«, dem jungbleibenden Buche, dem Le be ns buch, dem Dichter di« Treue bricht, die der Kämpfer sür den Geist erwarten darf. Man hört und erlebt eS: Kür abgestanden und abgetan gelten manchen Leuten Bücher, in denen noch nicht tele phoniert wird, in denen der Held nicht mit dem Flugzeug oder Auto fährt. Sie glauben, die Menschen, die das Auto »och nicht kannten, hätten ihnen nichts zu sagen und ihre Dichter seien vergilbt. Als ob. trotz aller Zeitströmungen und zivilisatorischen Neuerungen, nicht die .ewigen Gefühle' die gleichen geblieben wären, als ob die Über lagerungen des Menschen durch das Schicksal andere geworden wären, weil heute Schicksal auch am Fernsprecher und Im D-Zug entschieden wird. Darum also lesen sie Gottsr. Keller und C. F. Meyer nicht mehr. Stifter nicht mehr, Fontane, Storm und Naabc nicht mehr, Otto Ludwig nicht und nicht 909
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