Suche löschen...
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 01.09.1934
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1934-09-01
- Erscheinungsdatum
- 01.09.1934
- Sprache
- Deutsch
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id39946221X-19340901
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id39946221X-193409011
- OAI-Identifier
- oai:de:slub-dresden:db:id-39946221X-19340901
- Nutzungshinweis
- Freier Zugang - Rechte vorbehalten 1.0
- Lizenz-/Rechtehinweis
- Urheberrechtsschutz 1.0
Inhaltsverzeichnis
- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
- Jahr1934
- Monat1934-09
- Tag1934-09-01
- Monat1934-09
- Jahr1934
- Links
-
Downloads
- PDF herunterladen
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
X: 204, I. September 193 t. Redaktioneller Teil. Börsenblatt f. d. Dtschn Buchhandel. dennoch ist das Gedicht in jenen Raum gekommen, wo die Leuchter des Reiches aufgestellt sind, die den Glanz dessen tragen, was der Geist der Nation in sich erlitten und geklärt hat. Die jetzt geschehende Auferstehung der Deutschen drängt nach einer Dichtung, die das Wunder dieser Auferstehung zeige. Sic soll, wird gefordert, .Neues, Niegesagtes, Unvergleichbares sein, nicht mehr in Spiegeln abgetaner Bildungswelten sich Anbieten des, sondern den Mythos einer Rasse neu Erschaffendes. Wer segnete nicht die angekündigten Verkünder, aus deren Schrifttum uns das Angesicht unseres in eins zusammen gewachsenen Volkes anschauen wird? Ergeben wird sich, daß auch darunter nur jene Gesalbte sind, welche das Reine sagen, das in ihnen wahlverwandt und eins Gewordene. Der Denkende darf nicht auswcichen, sondern muß es aus sprechen: Dichtung hat dem Sinn zu dienen, keinen Zwecken. Kräfte, Säfte, Luft des angebrochenen Morgens mögen die Dichter bewegen, durchfließen, umwehen! Dahinter bleibt das Gesetz: Es gibt nur eine in sich seiende Dichtung. Sic steht unter dem Un bedingten. Hölderlin hat ein Feierlicd, das heißt »Gesang des Deut schen«, nicht »Gesang eines Deutschen« oder »Gesang der Deut schen«. Dichtung sucht die Gestalt. Kleist, der auch damals Zerbrochene, wird als größter vater ländisch bestimmter Dichter angerufcn. Er ist es nicht nur und nicht zuerst des partiotischen Stoffes zweier seiner Bühnenstücke wegen, vielmehr weil er diesen Stofs aus dein Zeitraum in das verewigende Gleichnis erhoben hat. Dort im Unbedingten, in der Gestalt, im Gleichnis, geht die in sich seiende Dichtung in das Sein der Nation ein, in ihr Ge meinsamsein, ihren Sinn. Das auszusprechen, dem darf der Denkende nicht ausweichen. Es wird und muß freilich jetzt vieles geschrieben werden, gelesen werden, gespielt werden, das als Kundgebung an sich seinen Auf trag und Wert hat, Antrieb, Ermutigung, Befeuerung in die Men schen wirft. Aufmarsch, Aufbruch, Ausbau sind die hinreißenden Gegenstände. Es kann gar nicht anders sein, als daß tausend Stimmen sich erheben, und nicht von ungefähr kommen der Chor und der Sprecher wieder auf die Rampe. Jeder, der einen tönen den Vers, ein erhebendes Gedicht, einen straffenden Marschtext, ein heldisches Stück schafft, hilft mit an der Neugeburt des Reiches. Den Gesalbten darunter wird das zusallen, das »Reich« im Reich zu bilden. Sachlich gesehen haben die so umschriebene Dichtung und das so gewertete Buch es zunächst schwer. Sie werden nicht vernom men. Die Umwandlung, welche naturgemäß im Lauten, in der Kundgebung vor sich gehen muß, hat keine Zeit und kein Organ zu sichten. Ja cs ist jetzt wohl notwendig und dienlich, daß jene Stimmen der Begeisterung zuerst gehört werden und wirken. Wir glauben an ein kommendes Nachher. Wenn die Nation die in sich eine, geschlichtete, verwachsene ist, wenn sic den be gonnenen geschichtlichen Prozeß durchgemacht hat, der die geklärte Wahlverwandtschaft ihrer Elemente bringt, dann wird es da sein, eine gereinigte Bereitschaft des Geistes. Denn der Geist muß der Begeisterung entsteigen. Inzwischen wird auch eine selbst großzügige Werbung für das streng geschaffene Buch nur beschränkt nützen. Wenn man weiß, was der deutsche Buchmarkt im jüngsten Zeitablauf vor dem Umbruch zum Erfolg brachte, was also das deutsche Volk verlangte und liebgewann, dann zerkrümelt die Erwartung eines raschen Gegenzugs. Auch die lauterste Revolution kann Instinkte nicht von heute auf morgen läutern. Und das Bücherlesen wurde vom deut schen Volk, auch von dem gebildet sich nennenden, instinkhast be trieben, oder snobhast. Das politisch-dichterische Schrifttum hat hier die zweite Zwi schenaufgabe, eine neue Grundhaltung auf gesäubertem Boden zu schaffen. Der Denkende darf auch nicht ausweichen vor dem Einge ständnis, daß die deutsche Dichtung und das deutsche Bol! (als Ge samtheit) einander fremd sind, in zwei getrennten Schichten, auf zwei verschiedenen Ebenen leben. Schon am sachlichen Beispiel wird es sichtbar, an der Art, wie sich der gestern noch modern gewesene Bücherleser zum Buch stellte. Er würdigte cs, von ihm gelesen zu werden, oder er lehnte es ab. Das war die Hoffart des Besitzenden, der sich zum Richter machte, weil er sein Geld dafür ausgab oder nicht. Ihm kam nicht zum Bewußtsein, vielleicht sei er dem Buch zu wenig würdig und werde von ihm abgelehnt. Am minderwertigsten wurde gemeinhin die Lyrik abgefertigt. Sie hatte den Dienst, gelegentlich durch zerstreutes Dasein in Zeit schrift und Zeitung eine kleine bequeme Gefühlsregung, einen Augenblick sinnigen Nachdenkens zu veranlassen. Das Nachher, der ausgcräumte, ausgeklärte Zustand könnte wohl die neue Leserschaft bringen, jene Zwischenschicht zwischen den zwei getrennten Ebenen aufzehrcn und die Flächen einander an nähern. Der Anspruch, das Gesetz der Dichtung darf nicht preis gegeben werden. Das Volk muß sich dann verändert haben, der Dichtung geöffnet. Ein Ereignis wird eingctretcn sein: Der Deutsche steht vor der deutschen Sprache wie vor entdecktem Land. Er sagt: Dich habe ich nicht so gesehen und gehört und erkannt. Du bist neu geworden. Ich habe nicht gewußt, wie reich ich war, weil ich dich besaß. Ich habe dich verkannt, gering gemacht, mißbraucht. Und wäre doch selber nicht, wenn du nicht gewesen wärest, du unsere Frau Muttersprache! Die Entdeckung wird der Nation das Feld ihres Gesichts er weitern und die Gabe neuer Deutung der Dinge schenken. Sic wird sich selbst entdeckt haben in ihrer Innenwelt. Dann kommt auch der Dichter, der die Geschichte der Er hebung zur Dichtung machen darf. Das Göttliche hat unter uns seinen Sitz im Raum des Denkens und des Gefühls wieder ein genommen. Die Deutschen werden wieder gläubig sein. Es sei gewagt zu sagen: Die Nation werde das Wunder der Gemeinsamkeit des Geistes erleben. Was hat der Buchhändler zu tun, jetzt, inzwischen, bis zu dem Nachher? Den Kräften der Umwandlung beizustehen, sich mit einzusctzen, daß das Reich nicht zerbreche, sondern werde und sich gestalte. Er hat deni Mann zu Helsen, der diese Gestalt vor uns hingestellt und die Kräfte der Gestaltung gelöst hat. Er ist mit verantwortlich, daß das Werk gelinge. Im Jnnenkreis gilt es, Jnsbesonderes zu tun. Etwas Ähn liches, was außen der Name Führertum meint, kann unter der Kundschaft der Bücherstuben gedacht werden. Wir wollen beschei dener, aber nicht weniger bedeutsam sagen: Zcllenträger eben der Dichtung, die unterdessen, ihrem stilleren Lichtkern nach, nicht weit hin sichtbar werden kann, dann im Nachher einmal leuchten soll. Das Reich braucht diese Dichtung und darum ihre Träger. Die Tendenz im Schrifttum. Von vr. HansLucke. Wenn wir hier das Wort Tendenz gebrauchen, so geschieht das, um eine oft oberflächlich angewandte und unklar verstandene Be zeichnung auf ihre wahre Bedeutung zurückzusühren. Der Gebrauch von Fremdwörtern führt ja geradezu eine Unklarheit des Denkens herbei. Denn die Fremdwörter erhalten allmählich eine so viel fältig schimmernde Bedeutung, daß man keinen bestimmten Begriff mehr mit ihnen verbinden kann. Man denke beispielsweise an das Wort Interesse. Ähnlich verhält cs sich mit dem Wort Tendenz. Wenn bei der Beurteilung eines Werkes die Bemerkung geäußert wird: »Das ist ja Tendenz!«, so ist damit immer ein abfälliges, verneinendes Urteil verbunden. Tendenzdichtung in diesem Sinne ist eine solche, die stark vom Zweck bestimmt wird und in der die Werbung für irgendein Gebiet, sei cs politischer, religiöser oder sonstiger Art, vorwaltet. Die Klassik und die Romantik mußten aus ihrer hohen und edlen Kunstauffassung heraus zu einer Ablehnung der Tendenz gelangen. Ausgesprochen politische Tendenzdichtung finden wir bei 787
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
- Doppelseitenansicht
- Vorschaubilder