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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 17.04.1871
- Strukturtyp
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- Band
- 1871-04-17
- Erscheinungsdatum
- 17.04.1871
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- Deutsch
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Was nun die zur Zeit des Krieges erschienene Literatur selbst angeht, so ist die Quantität derselben allerdings immer noch bedeutend, die Qualität aber mit Ausnahme einiger wissenschaftlichen Neuig keiten auf dem Gebiete der Medizin und Naturwissenschaften gleich Null. Juridica fehlen gänzlich, ebenso wissenschaftliche Theologie, überhaupt die gediegenen Werke aller Fächer. Die Politik und das gesellschaftliche Elend sind die Angelpunkte, um die sich die ganze Literatur dreht; dabei tritt eine blinde Wuth und andrerseits ein Chnismus zu Tage, der uns so recht den sittlichen Verfall auch der heutigen französischen Literatur zeigt. Wo sind die geistigen Capacitäten, die selbst im tiefsten Unglück als Schriftsteller eine würdige Haltung bewahren? Etwa Victor Hugo, der in seinem Hochmuth allem Bestehenden den Vernichtungskrieg erklärt? Wo sind heutzutage Männer, welche es an edler Begeisterung den be fähigte» Männern der ersten Revolution, wie Rouget de Lisle u. A. gleichthun können? Die heutige Poesie der Revolutionspartei athmct nur nüchternen Egoismus oder hohle Phrasen; wie wirkte Mirabeau zündend durch seine Wahrheiten, und welches Ansehen ge nießt dagegen sein rhetorischer Schatten Gambetta! Nicht eine durchschlagende, die Volksmassen erhebende literarische Erscheinung in dieser Zeit! wahrlich, ein schlechtes Zeichen! Jetzt hätten die Lieblingsschriftsteller des Volkes etwas leisten sollen auf ihrem Ge biet, statt dessen finden wir nur eine ganz kümmerliche Ausbeute von Almanachs, Siegeshymnen voll vielen Weihrauchs und mit Wenig Gedanken, Gebetbüchern, Kinderschriften, Spottschriften auf Badinguet, Theaterstücke nicht zu vergessen, Schriften über Behand lung der Verwundeten, Gesundheitsregeln, die verschiedenartigsten Pläne Paris zu deblockiren, eine wahre Fluth von Pamphleten und Caricaturen und eine Menge neurrstandener Journale, die sich in seltsamen Titeln wie z. B. Oöpsvllv-Lallun, Leols äe I'llvwms, 6ri ciu psuplo, 6aribaläi äekenseur ckes xenples, milrail- leiiss u. s. w. gegenseitig überbieten. Wäre die Sache nicht zu bitter ernst, man könnte lachen über die Art und Weise, wie die französische Literatur Stellung zum Kriege genommen hat, aber die Wahrnehmung ist wie gesagt eine traurige, der Ausfall an gediegener französischer Literatur ist ein be deutender und speciell der Buchhandel überall wird hart davon be troffen, am meisten natürlich in Paris selbst. Die dortigen Buch händler haben bis jetzt den Ausfall zweier sehr wichtiger Absatz- quellen erlitten, die Zeit der Geschenke zu Neujahr und den Schul bücherverkauf, zwei wichtige Momente im dortigen Geschäft, ganz abgesehen vom Darniedcrliegen des Handels während der ganzen Zeit. Das Commissionsgeschäft ist vollständig zerrüttet, da alle Ver bindungen um Paris zerstört oder erschwert sind, und die neue Um- sturzpartei thut das Ihrige, die Rückkehr geordneter Zuständemöglichst zu verzögern. Dem Pariser Buchhandel thut jetzt vor allen Dingen Ruhe noth, sich zu erholen, und die Möglichkeit, mit den Provinzen und dem Auslande wieder in Verbindung zu treten. Was das letztere angeht, so nimmt allerdings der Handelsstand in Frankreich theilweise eine merkwürdige Haltung Deutschland gegenüber an, indessen wenn es wahr ist, daß der ernstgemeinte tiefe Haß, wie die glühende Liebe, stumm ist, so brauchen wir den jetzigen Versicherungen der Franzosen, wonach sie allen Verkehr mit uns abbrechen wollen, nicht zu viel Gewicht beizulegen. Der Nationalhaß als Waffe in Zeiten offenen Kampfes hat eine gewisse Berechtigung; wird er aber als bleibeudeJnstitutivn in Friedenszeiten aufgestellt, so verstößt er gegen die ewigen Gesetze der Humanität, er isolirt die als Nachbarn auf einander angewiesenen Völker und hemmt die Culturentwicklung, und die Bessergcsinnten, die Gebildeten sagen sich in richtiger Würdigung desselben sehr bald von ihm los, um in friedlichem Umgänge, in der Beobachtung der durch Verstand und Erfahrung gebotenen Regeln des Verkehrs die Zufriedenheit mit sich selbst wiederzufinden, deren Jedermann bedarf, will er sich in seinem Berufe und als Weltbürger Wohlbefinden. Das ist eine Erscheinung, die uns die Weltgeschichte wiederholt geboten hat, und auch nach der Katastrophe des vorigen Jahres wird sich der Riß zwischen Deutschland und Frankreich in gleicher Weise schließen; wir wünschen es gewiß Alle lebhaft und keiner von uns wird zögern, die Hand der Versöhnung zu bieten oder zu nehmen, und in den Kreisen unseres speciellcn Berufes ist dies auch zum Theil bereits von beiden Seiten geschehen. Der Buchhandel, man darf es wohl sagen, besteht aus den erwähnten Bessergesinnten, und so geben wir uns der festen Erwartung hin, daß unsere Kollegen in Frankreich, sobald es die Verhältnisse gestatten werden, sich wieder mit uns vereinigen zum gemeinsamen Dienste im Interesse der Wissenschaften und des Handels. Es sind ihnen, mit denen wir früher einen so lebhaften Verkehr unterhielten, durch die Wendung des Schicksals tiefe Wunden geschlagen, die wir Mitempfinden, denn unsere Interessen sind mit den ihrigen verknüpft; wohlan denn! suchen wir gemeinschaftlich einen Ersatz dafür in der Wiederauf nahme der alten Beziehungen! der Buchhandel soll über den Parteien stehen, er kann als mittelbarer Beherrscher der Presse viel dazu beitragen, die Strömungen der öffentlichen Meinung zu regeln; es ist eine der schönsten Aufgaben des Buchhandels, sich den verwerflichen Ausbrüchen einer thörichten Leidenschaft in der Presse entgegen zu stemmen und nach besten Kräften dafür zu wirken, daß die Dämme, in welchen sich der große Strom des friedlichen Culturzustandes un aufhaltsam fortbewegt, nicht durchbrochen werden. Dessen wolle man doch ja in Paris eingedenk sein! Berlin, am Charfreitage 1871. Otto Mühlbrecht. Protest. . Der Stadtrath zu Leipzig hat laut Bekanntmachung vom 29. März 1871 als Kuratorium der Eintragsrolle die von deutschen Regierungen in den Jahren 1825 und 1826 der Cotta'schen Buch handlung ertheilten Privilegien auf Goethe's Werke in der Rubrik 0 der Eintragsrolle eingetragen. Welchen Zweck die Cotta'sche Buch handlung in Stuttgart damit verfolgt, das ist nicht abzusehen, so wenig, wie der Eintrag sich vor dem Gesetz rechtfertigen läßt. Laut Bundesbeschluß vom 6. November 1856 waren alle ertheilten Pri vilegien nur bis 7. November 1867 gültig. So bestimmt man dies für alle damals zum Deutschen Bunde gehörigen Länder behaupten muß, so kann es gar keinem Zweifel unterliegen, daß der Bundes beschluß in denjenigen Ländern, woselbst er publicirt wurde (Preußen, Sachsen rc.) volle Gültigkeit hat. Demnach verloschen die Cotta'schen Privilegien auf Goethe's Werke am 7. November 1867, was denn auch so allgemein anerkannt wurde, daß mehrere Ausgaben von Goethe's Werken seitdem von verschiedenen Verlegern gebracht Wurden, ohne daß man seitens der Cotta'schen Buchhandlung etwas dagegen unternehmen durfte. War aber das Privilegium 1867 er loschen, so konnte ein Eintrag desselben in die Rolle nicht stattsinden. Unterzeichneter protestirt daher gegen die Versuche, die erloschenen Privilegien zur Geltung zu bringen. Leipzig, 12. April 1871. Philipp Reclam jun. Miscellen. Der Antrag unseres Börsenvorstandes an den Bundesrath, eine Erneuerung der literarischen Verträge mit Frankreich und England unter Hinzuziehung von Sachverständigen und nur auf wesentlich anderen Grundlagen zu bewirken, ist gewiß allseitig im deutschen Buchhandel freudig begrüßt worden. Ich glaube aber, daß der deutsche Buchhandel im Interesse der deutschen Autoren und in seinem eigenen berechtigt ist, beim Bundesrathe und speciell beim Hrn. Reichskanzler Fürsten Bismarck zu beantragen, daß das deutsche Reich vor allem mit jenen Staaten literarische Verträge ab schließt, wo der Vortheil eines solchen Vertrags mehr auf deutscher
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