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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 17.01.1931
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- 1931-01-17
- Erscheinungsdatum
- 17.01.1931
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- Deutsch
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x° 14, 17. Januar 1931. Redaktioneller Teil. Börsenblatt f. d. Ttschn Buchhandel. Bei der Begründung dieser Bestrebungen fehlen natürlich die üblichen »Milchmädchen«-Ersparnisberechnungen nicht, und die an geblich durch die Kleinschreibung erzielbare »Rationalisierung« wird gebührend gefeiert. Schade nur, das; immer nur die freilich un leugbare, wenn auch übertrieben dargestellte Zeitersparnis bei der Niederschrift (von Hand und mit der Schreibmaschine) eines Textes beachtet wird, als ob die Rechtschreibung lediglich diesem Ziel dienst bar sein müßte. So begrüßenswert gewiß jeder praktisch mögliche Zeitgewinn und jede Erleichterung bei der Herstellung eines Schrift stückes oder Druckwerkes wäre, so verkehrt wäre es, sie durch Er schwernisse im weiteren Gebrauch des Geschaffenen durch die Leser zu erkaufen. Ein Schriftstück oder Druckwerk wird doch nicht um seiner möglichst bequemen Herstellung willen so oder so ausgeftaltet, sondern lediglich für den leichtesten und sichersten Gebrauch des Lesers. Deshalb müssen die Bedürfnisse und die Bequemlichkeit des Lesers, die Erleichterung des Gebrauches für ihn in allererster Linie maßgebend sein für die Ausgestaltung auch der Rechtschreibung. Das aber wird von den Neuerern vollkommen übersehen. Mit einer geradezu kindlich anmutcnden Anmaßung verlangen sie — ausge rechnet im Zeitalter des »Dienstes am Kunden« —, daß Hunderte und Tausende von Lesern sich ihrer, der Schreiber, Setzer, Lehrer, Gebrauchsgraphiker usw. Bequemlichkeit unterordnen und Erschwer nisse in Kauf nehmen sollen, von denen die Urheber der Bewegung offenbar selbst keine rechte Vorstellung haben. Geht man sonach von den Bedürfnissen des Lesers aus, so er scheint die Einführung der Kleinschreibung aller Wörter gerade als das Verkehrteste, was man zur »Rationalisierung« unternehmen kann, denn selbst die Befürworter dieses Gedankens können nicht leugnen, daß dadurch eine starke Erschwerung des Lesevorganges eintretcn würde, von den vielen dann unvermeidlichen Mißverständ nissen gar nicht zu reden. Sie helfen sich über diese Bedenken frei lich sehr leichtfertig hinweg mit der Hoffnung auf baldige Ge wöhnung des Publikums. Sic machen sich aber offenbar nicht klar, daß wir ja keine Buchstabenschrift, sondern eine ausgesprochene Bilderschrift besitzen, indem wir gewohnt sind, geschlossene Wort bilder zu lesen und nicht etwa Buchstaben für Buchstaben schematisch hintereinander zu buchstabieren. Unsere ganze Kunst zu lesen be ruht ja nur auf der in Jahrzehnte langer Gewöhnung erfolgten Einprägung zahlreicher, sehr charakteristischer Wortbilder, deren jedes einen ganz bestimmten Begriff versinnbildlicht. Wem stünde nicht ohne lveiteres schon beim Hören des Wortes »Werk« dessen Wort umriß bildhaft vor Augen, mit breitem, wogendem Anfangsbuch staben und dem krausen Kopf des gemeinen k am Schluß! Die großen Anfangsbuchstaben sind nun in der Tat ganz wesent liche Bestandteile der uns von Kindheit an vertrauten und einge prägten Wortbildcr der Hauptwörter; entfernt man sie, so zerstört man zunächst das Wortbild dieser wichtigsten Bestandteile des ver wickelten deutschen Satzbaues gründlich, sodaß jeder Leser gezwungen wäre, in diesem Punkte vollständig umzulcrnen. Daß ein solches Um lernen, noch erschwert durch das Nebeneinander von Klein- und Großschreibung innerhalb einer Menschenalter dauernden Über gangszeit, eine Mehrbelastung unseres Volkes mit unproduktiver Arbeit sein würde, in einem Umfange, wie wir sie heute unter gar keinen Umständen auf uus nehmen könnten — schon rein wirtschaft lich nicht —, wird geflissentlich übersehen. Fast möchte es scheinen, daß wenigstens ein Teil der Befürworter einseitiger Kleinschreibung diese Schwierigkeiten wohl erkennt, sie aber zum höheren Ruhm politisch-weltanschaulicher Gesichtspunkte und bedingungsloser Gleich macherei geflissentlich in den Wind schlägt. Also sollen wir bei unserer bisherigen Rechtschreibung bleiben? Auch das möchte ich nicht bedingungslos befürworten, denn wenn man einmal den Ursachen aller Klagen über die Schwierigkeit unserer Nechtschretberegeln hinsichtlich der großen Anfangsbuch staben vieler Wörter nachgeht, so findet man, daß erst in weiterer Auswirkung der letzten amtlichen Neuordnung durch die »Regeln für die deutsche Rechtschreibung« von 1002, die auch in Österreich- Ungarn, der Schweiz und im übrigen Auslande Geltung erlangte, diese Klagen lawinenartig angeschwollen sind. Die heutigen amt lichen Regeln über die Großschreibung erscheinen zum Teil ver worren und vielfach nicht ganz folgerichtig, insbesondere vermisse ich in ihnen einen Hinweis auf die richtunggebende Bedeutung der Betonung gerade für die Großschreibung. Diese Regeln genau durch zuprüfen mag in erster Linie den berufenen Schulmännern über lassen bleiben. Immerhin könnte dem heutigen Wirrwarr auch schon Einhalt geboten werden, wenn nur diese amtlichen Regeln wortgetreu befolgt und nicht zum Teil durch eine leider bisher amt lich geduldete, ganz einseitige falsche Auslegung in entscheidenden Punkten in das gerade Gegenteil des Regel-Wortlautes umgebogen würden. Nur darauf soll an dieser Stelle hingewiesen werden, daß 48 nach übereinstimmendem Urteil zahlreicher Beobachter das größte Unheil und der größte Teil der heutigen Verwirrung auf das Schuld konto der amtlichen Hilfsregel zu setzen ist: »Im Zweifelsfalle schreibe man klein!« Mögen die Rechtschreiberegeln für die Großschreibung noch so einfach und selbstverständlich abgefaht sein, so wird doch niemals verhindert werden können, daß ein großer Teil unseres Volkes sie nicht vollkommen richtig anzuwenden lernt. Nur die geistig arbei tende Oberschicht aller Berufsstände wird die Regeln unter allen Umständen beherrschen lernen, die große Masse des Volkes wird sich in der Mehrzahl aller Fälle nach der Hilfsweise gegebenen Faust regel richten, die zurzeit lautet: »Im Zweifelsfalle schreibe man klein«. Diese Hilfsregel hat im Laufe der Zeit eine übergroße, ihr gar nicht zukommende Bedeutung erlangt, weil die bereits erwähnte falsche, aber amtlich geduldete Auslegung der Regeln über die Groß schreibung immer neue Widersprüche und Wirrnisse heraufbeschworen hat, die nur noch mit dieser groben Faustregel brutal niedergeschlagen werden konnten. Diesem Umstande haben wir es allein zu verdanken, daß man heute selbst in Kreisen, in denen man bessere Kenntnisse der Rechtschreibung erwarten sollte, eine fürchterliche Unsicherheit hinsichtlich der Großschreibung beobachten und häufig erleben kann, daß selbst zweifelsfreie Hauptwörter klein geschrieben werden. Demgegenüber hat mein Vater, Herr Berlagsbuchhändler Gustav Ruprecht, bereits im Jwhre 1912 in seinem, in fünfter Auflage leider seit Jahren schon vergriffenen Buche »Das Kleid der deutschen Sprache« gefordert, daß diese damals noch neue amtliche Hilfsrcgel umgewandelt werden müsse in die Bestimmung »Im Zweifels- falle schreibe man groß!« Diese Forderung geht von der Überlegung aus, daß es weit weniger schädlich sei, wenn hie und da einmal einige Wörter, etwa ihrer natürlichen Betonung folgend, groß geschrieben werden, auch wenn ihnen nach den Rechtschreibe regeln möglicherweise kein großer Anfangsbuchstabe zusteht, als wenn die Hauptwörter, also die Sinnträger des ganzen Satzbaues, klein geschrieben würden. Tie charakteristische Gestalt des Wort bildes mit großem Anfangsbuchstaben spielt nämlich bei den Haupt wörtern, die dem ganzen Satz Inhalt und Sinn verleihen, eine noch wesentlich größere Nolle als bei den sowieso mannigfaltiger Ab wandlung unterliegenden Wortbildern der Zeit- und Hilfswörter. Daß die Erkenntnis von der Richtigkeit der 1912 veröffentlichten Forderung meines Vaters allmählich an Boden gewinnt, ist daraus zu ersehen, daß, nachdem sie in der Literatur immer häufiger wieder holt ist, jetzt endlich auch die neueste Ausgabe des Duden die amt liche Hilfsregel »Im Zweiselsfalle schreibe man klein« mit einer Fußnote versehen hat, in der unter ausführlicher Begründung die Schädlichkeit dieser Regel dargelegt und ihre Umkehrung befürwortet wird. Es wäre wirklich dringend zu wünschen, daß sich einmal weitere Kreise für diese Umkehrung der amtlichen Hilfsregel ener gisch einsetzen und ihre Durchführung nun endlich überall, auch in den Schulen erwirken würden. Ich bin fest davon überzeugt, daß sich schon in kürzester Zeit eine segensreiche Bereinigung und Klärung des ganzen heutigen Großschreibungs-Wirrwarrs daraus ergeben würde, zumal wenn auch auf die Betonung des Wortes im Satz gefüge als auf ein wuchtiges Kennzeichen für die notwendige Groß schreibung hingewiesen würde. Zweifler möchte ich auf die äußerst interessanten und lehrreichen experimentell-psychologischen Versuche Hinweisen, die Marx Lobsien bereits vor dem und im Kriege im Psychologischen Institut der Universität Kiel angestellt und als Heft 149 der »Beiträge zur Kinderforschung und Heilerziehung« (Langensalza 1918) veröffentlicht hat. Im Zusammenhang mit anderen Untersuchungen hat er auf die Anregung meines Vaters hin auch die Lesbarkeit solcher Texte untersucht, bei denen sämtliche Wörter ohne jede Ausnahme, d. h. nicht nur die Hauptwörter, sondern auch alle Zeit- und Hilfswörter, mit großem Anfangsbuchstaben gedruckt waren, überraschenderweise konnte er damals den Nachweis führen, daß im Durchschnitt aller Versuchspersonen diese Texte leichter und um rund 1556 schneller gelesen wurden als Texte mit normaler Rechtschreibung. Erklärlich wird diese erstaunliche Tatsache dadurch, daß die gauz zu Unrecht wegen ihrer »krausen Form« verschrieenen Großbuchstaben der Frak tur jedem einzelnen Wortbild eine bildhaftere und somit charakteri stischere Gestalt verleihen, als es die Kleinschreibung vermag. Ich würde es für äußerst erwünscht halten, wenn Lobsiens im Trubel des Jahres 1918 vielfach wohl nur übersehene Forschungsergebnisse mehr Beachtung und endlich die ihnen zukommende Würdigung fän den. Diese erst rund zwei Jahrzehnte nach der letzten Neufassung unserer amtlichen Rechtschreibregeln gewonnenen neuen Erkennt nisse und Forschungsergebnisse über die große lesetechnische Be deutung der großen Anfangsbuchstaben und über die durch ihre ver mehrte Anwendung erreichbare Erleichterung des Lesens haben
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