Suche löschen...
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 01.06.1921
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1921-06-01
- Erscheinungsdatum
- 01.06.1921
- Sprache
- Deutsch
- Sammlungen
- LDP: Zeitungen
- Zeitungen
- Saxonica
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id39946221X-19210601
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id39946221X-192106019
- OAI-Identifier
- oai:de:slub-dresden:db:id-39946221X-19210601
- Nutzungshinweis
- Freier Zugang - Rechte vorbehalten 1.0
- Lizenz-/Rechtehinweis
- Urheberrechtsschutz 1.0
Inhaltsverzeichnis
- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
- Jahr1921
- Monat1921-06
- Tag1921-06-01
- Monat1921-06
- Jahr1921
- Links
-
Downloads
- PDF herunterladen
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
^ 125. 1. Juni 1921. Redaktioneller Teil. Börsenblatt f. d. Dtsch». Bnchhand-t. Wohltuend nach all dem Trubel war schon die Ruhe der Um gebung. Nach Austausch der Eindrücke aus den letzten Tagen begann das Gespräch sich anderen Gegenständen zuzuwenden. Wrockhaus war ein Plauderer allerersten Ranges. Er hatte die Gabe, treffend, fast realistisch zu schildern, aber nie mit ätzender Schärfe, eher mit leichtem Humor würzend. So erzählte er auch an diesem Abend viele Einzelheiten aus seinem Leben. Ich habe bei solchen Gelegenheiten nach und nach einen überblick seines ganzen Lebens aus seinem eigenen Munde mir bilden können. Gern sprach er über seine Jugend, den Ausenthalt in der Er ziehungsanstalt Schnepfenthal bei Friedrichroda, wo schon sein Vater als Knabe geweilt hatte. Nach einem kurzen Studium in Heidelberg hatte er seine einjährige Dienstzeit bei den Straß burger Ulanen geleistet. Vor allem erzählte er gern von der lustigen Buchhändlerzeit in Wiesbaden bei Jurany L Hensel, wo Otto Petters sein Vorgesetzter war. Aus dieser Wiesbadener Leit hat sich zwischen beiden eine treue Freundschaft fürs Leben entwickelt, die erst mit dem Tode endigte. Häufig wohnte Petters später bei Albert Brockhaus, wenn er in Leipzig war. Es lassen sich kaum verschiedenartigere Charaktere denken als diese beiden. Petters ist bei aller buchhändlerischen Tüchtigkeit eigentlich bis an sein Lebensende schäumender Most geblieben. Brockhaus erhielt sich Wohl das Verständnis für diese Lebensauffassung, er selbst strebte aber schon bald ernsterer Richtung zu. Ein längerer Auf enthalt in Paris und London vollendete seine Ausbildung als universaler Buchhändler. Seine Erzählungen aus seiner Lon doner Zeit waren besonders humorvoll, so die Schilderung des bekannten großen Antiquars Quaritch und vor allem die köst liche Geschichte, wie er den Erfinder des »Vater doset« kennen lernte. Brockhaus' Sinn für Humor kam auch oft in seinen Meden zur Geltung; ich denke da an die letzte Rede, die er als Erster Vorsteher Kantate 1907 bei dem Essen hielt. Er sprach von seinem Rücktritt und bezeichnete den Börsenverein als »lustige Witwe«, die sich an dem heutigen Tage nicht dem ersten Besten, sondern dem besten Ersten in die Arme geworfen habe, seinem Freunde Ernst Bollert, dem nunmehrigen Ersten Vor steher. An jenem Essen hatte ich im Aufträge meiner Vorstands lollegen noch einige Abschiedsworte an Brockhaus gerichtet. Als nun am nächsten Morgen das Stenogramm unserer Reden uns in die Vorstandssitzung hineingereicht wurde, bat mich Brockhaus, ihm zu gestatten, daß er die Superlative in meiner Rede streich«, dem ich selbstverständlich zustimmte. Später bemerkte ich, daß er mtchts gestrichen hatte, und auf meine Frage, warum er das un terlassen, erwiderte er: »Ich habe nichts gefunden, es mutz jedenfalls an dem Ton gelegen habe, mit dem Sie sprachen, wenn ich Superlative zu hören glaubte. Wir müssen darauf achten, daß die Vorstandsmitglieder nicht eine Versicherungs gesellschaft aus gegenseitiges Weihrauchstreuen bilden«. Brock haus war eben ein Feind jeglicher Phrase und jeglicher Pose. Auch nach seinem Austritt aus dem Vorstand nahm Block haus lebhaften Anteil an den Vorgängen im Börsenverein, so vor allem bei Beratung der von Karl Siegismund entworfenen Verkaufsordnung. Beide hatten noch zwei Jahre im Vorstand zusammen gearbeitet. Brockhaus erkannte in Siegismund den kommenden Mann und bezeichnete ihn wiederholt als Vollerts Nachfolger in der Vorsteherschast. Die größte Schöpfung wäh rend der Vorsteherschaft Siegismunds, die Deutsche Bücherei, hatte in Brockhaus einen wirksamen Förderer. Er war vom König in die Erste sächsische Kammer berufen worden, wo er eine vielseitige Tätigkeit entwickelte. Dem gemeinsamen energischen Eintreten von Brockhaus und dem Oberbürgermeister von Leip zig, vr. Ditlrich, ist es zuzuschreiben, daß die Regierung die Mittel bewilligte, die die Errichtung der Bücherei ermöglichten. Als in schwerer Kriegszeit im Jahre 1918 Siegismunds Amtszeit als Erster Vorsteher endigte, die satzungsgemäß nicht zu ver längern war, erschien der öffentlichen Meinung im deutschen Buchhandel das Ausscheiden Siegismunds als eine Gefährdung wichtigster Interessen. Das deutsche Wirtschaftsleben war so verworren, daß nur die kundige Hand des rastlos tätigen bis- herigen Vorstehers, der alle Beziehungen zu den verschiedenen Behörden kannte, Unheil abzuwenden imstande schien. Im Wahl ausschuß waren die Meinungen geteilt. Es wurden Stimmen laut, die in dem Verbleiben Siegismunds als Zweiter Vorsteher eine Beugung der Satzungen sahen. Die sämtlichen Mitglieder des Wahlausschusses waren frühere Vorstandskollegen von Brock haus gewesen und wandten sich nun in ihrem Zweifel an ihren alten Führer mit der Bitte um Rat. Brockhaus erschien in der Sitzung und entschied sich für das Verbleiben Siegismunds. In großzügiger klarer Weise entwickelte er seine Gründe: »Außer gewöhnliche Zeiten verlangien außergewöhnliche Maßnahmen. Wenn ein solcher Mann wie Karl Siegismund noch zu haben wäre, könne der Wahlausschuß es nicht verantworten, wegen kleinlicher Bedenken auf ihn zu verzichten«. Im Januar 1914 starb der Vater vr. Eduard Blockhaus. Auf Wunsch des Sohnes schrieb ich die Biographie für das Adreßbuch. Während dieser Arbeit hatte ich wiederholt Gelegen heit, tiefe Einblicke in das Gemüt von Albert Brockhaus zu tun. Mit unendlicher Liebe und Verehrung hing er an seinem Vater, vr. Eduard Brockhaus war eine ganz andere Natur als der temperamentvolle, leichtbcwegliche, redegewandte, hinreißend liebenswürdige Sohn; aber was ihn vor allem auszeichnete und was er mit seinem Sohne gemein hatte, war treue Pflicht erfüllung und unbestechliche Wahrheitsliebe. Beide Männer ga ben der Wahrheit die Ehre, auch wenn ihnen dieses Bekenntnis Schaden bringen mochte. Daß ich diese Eigenschaften als Grund zug im Wesen seines Vaters hervorgehoben habe, hat ihn be sonders erfreut. Wie viele hervorragende Menschen suchte auch Albert Brock haus Erholung in neuer, wenn auch anders gearteter Tätigkeit. Er war ein leidenschaftlicher Sammler japanischer Kleinkunst, sogenannter Netsuke. Im Laufe der Jahre habe ich seine Samm lung aus kleinen Anfängen zu einer der größten und schönsten in Europa anwachsen sehen. Er war Wohl der beste Kenner dieser Kunst, wovon sein großes Werk über diesen Gegenstand beredtes Zeugnis ablegt. Aber auch hiermit ist seine Tätigkeit noch nicht erschöpft; er führte einen ausgedehnten Briefwechsel mit seinen Freunden, zu denen auch viele seiner Autoren ge hörten. Ich erinnere an Sven Hedin, der in seinem, Albert Block haus gewidmeten, tief empfundenen Nachruf feststellt, daß er nie mandem mehr Briefe geschrieben, und von niemand mehr Briefe erhalten habe, als von Albert Brockhaus. Auch ich habe von Blockhaus viele Briefe, die mir ein teures Besitztum sind. Die ganze große, liebenswerte Persönlichkeit spiegelt sich in ihnen Wider. Brockhaus beherrschte den Briefstil, in knappen Sätzen wußte er den Kern der Dinge herauszuschälen; auch hier war er frei von jeder Phrase. Ein schwerer Schicksalsschlag war ihm im November des Jahres 1917 der Tod feiner Gatlin. Die gemeinsame Sorge um den im Felde stehenden einzigen Sohn hatte die Gatten noch inniger verbunden. Brockhaus hat diesen Verlust nie überwun den. Von dieser Zeit an mied er mehr und mehr größere Ge selligkeiten; er beschränkte sich auf den Verkehr mit wenigen Freunden und zog sich oft, auch wegen seiner schwankenden Ge sundheit, auf seinen Landsitz bei Dresden zurück. Seine öffent liche Tätigkeit hatte seit der Revolution durch Auflösung der Ersten Kammer ihr Ende gefunden. Ein Lichtblick und eine große Freude war es ihm, als die Hauptversammlung des Börsenvereins ihn Kantate 1919 zum Ehrenmitglied ernannte. Aus seinem Dankschreiben an den Ersten Vorsteher des Börsenvcreins führe ich die das ganze Denken und Empfinden des Schreibers kennzeichnenden Worte hier an: »Nun, wo die gewaltigen Kämpfe endgültig hinter uns liegen, die 40 Jahre lang für die Abschaffung des Kunden rabatts und damit um die Fortexistenz eines leistungsfähigen Sortiments geführt werden mußten, nun, wo der Börsen verein achtunggebietend und mächtiger als je die Lebens interessen von Verlag und Sortiment und Zwischenhandel ver treten kann und vorbildlich schützt, nun scheint Ihnen der Zeitpunkt gekommen, die Männer zu ehren, die diese neue Periode vorbereitet haben und an deren Spitze ich sechs Jahre lang stehen durfte, die Herren Vollert, Ruprecht, Rauhardt, Müller, Francke, Winkler, Hartmann, Ehlermann, Siegismund, Scllier und Voerster. 757
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
- Doppelseitenansicht
- Vorschaubilder