Walter Bauer über Gerrit Engelke E^ung, frei, stolz und schweigsam, so wanderke Gerrit Engelke im Frühjahr 1914 von Hannover nach Blankenese zu Richard Dehmel, um ihm seine Gedichte zu zeigen. Er war drciundzwanzig Jahre alt und stand allein; seine Eltern waren nach Amerika ausgewandert. Sein Brot verdiente er als Maler aus den Gerüsten. Am Tag stand er auf den Leitern und trug eine Mütze aus Zeikungs- papier. Aber die Abende und die Sonntage gehörten den großen Geistern der Welt. Dehmel schickte ihn zu den „Werkleuten aus Haus Nyland". Nach einem schönen Sommer, den er mit Jakob Kneip ver brachte, ging er nach Dänemark; der Krieg warf ihn nach Deutschland zurück, fortan war er Soldat. Siebenundzwanzig Jahre war er alt, als er aus dem Rückmarsch verwundet wurde und wenige Tage vor dem Waffenstillstand in einem englischen Lazarett starb. In diesen vier Jahren wurde Engelke aus dem hymnischen Jünglingsleben in sein Mannestum gerissen, ob er wollte oder nicht. Er tat das Seine an der Somme und bei Verdun. Vor den atemlos schmetternden Tatsachen des Krieges konnten so leichte und schwebende Gebilde wie Verse nicht bestehen. Er schwieg. Nur zuweilen brach es aus ihm, wie in dem melancholisch aufbegehrenden Anruf des Todes: „Mich aber schone, Tod! Mir dampft noch Jugend blukstromrot..2m Winter 1917 lernte er Heinrich Lersch kennen; in ihm fand der Verschlossene einen von Leidenschaften glühenden Freund, dessen „unverhüllte Zuneigung" ihm wohl Lat. Das Ende des Jahres brachte ihm auch die Begegnung mit der Frau, die er liebte. Kaum zehn Monate blieben Engelke für die Aussage seiner Liebe. Die Briese reichen vom Novem ber 1917 bis zum 7. Oktober 1918. 2n diesen Briefen bis zum letzten ist er alles: seliges, aufgehobenes Kind, feuriger, vom Unmaß des Glückes zur Schwärze des Leidens stürzender Jüngling, ernster, wissend lächelnder Mann, der die Einwände und Bedenken der geliebten Frau prüfte. In ihnen klingt manchmal ein Ton innigster Beschwörung, der in den Briefen van Goghs so ergreift, wenn er von seinen unermüdlichen Versuchen schreibt. Während ste in den feurigen Schein marschierten, schrieb Engelke, zärtlich, aufwühlend, beschwichtigend. Am 7. Oktober schrieb er aus einem kleinen Erdloch; der Major hatte gesagt, in drei bis vier Tagen sei Waffenstillstand. In jenen grauen, von Herbst wolken und Flugzeugen erfüllten Tagen des Rückmarsches wurde er verwundet. Ein Jahr nach seinem beschwörenden Ruf an den Tod starb er, und die Gesänge, in seinem Herzen lebend, zerfielen mit ihm. Lersch stimmte ergreifend die Totenklage um den Sänger an, der kaum zu seinem Lied den Mund geöffnet hatte: „Es erschlug ihn eine Granate in jener Nacht; was tut es, daß wir seines Werkes ersten Keim in den Händen halten... Uns schlittert das Buch in den Händen..." Aus einem Aufsatz im Hannoverschen Kurier vom zo. z. 1937 ? II I. I. I 8 7 VLKI.^6 I. L I ? 2 I 6 40>>8 Nr. 221 Freitag, den 24. September 1937