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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 03.12.1913
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1913-12-03
- Erscheinungsdatum
- 03.12.1913
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- Deutsch
- Sammlungen
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13252 Börsenblatt s. d. Tttchn «nchlmndkl. Redaktioneller Teil. 280, 3. Dezember 1913. es Musik, Kunst und Literatur betrifft. Auf dem Gebiete der Musik wird allerdings seitens sogenannter Förderer der Fehler be gangen, eine Verständnisheuchelei durch »billige Symphoniekon zerte für das Volk« großzuziehen. In der Kunst und Literatur wird die Unfähigkeit der Masse im Urteil immer noch auf den Mangel am Nacherleben, am Fehlen eines inneren Verhältnisses zum Werke zurückzuführen sein, und stets wird vergessen, daß ein Miß- oder Wohlgefallen vorhanden sein kann, ohne daß deswegen Verständnis für den literarischen, respektive künstlerischen Wert (Eigenart, Komposition, Technik usw.) vorhanden zu sein braucht. Daß ein solches Verständnis nur durch jahrelange tägliche ernste Beschäftigung und Übung erworben werden kann, kann nicht oft genug gesagt werden, und wenn von dieser Tatsache mehr Men schen überzeugt wären, so würden schwere Mißverständnisse, wie ein solches z. B. letzthin bei Thomas Manns Tod von Venedig geschah, ausbleiben. Um auf den Literaturpreis der Nobelstistung zurückzukommen, soll hier ununtersucht bleiben, wieweit die Zu erteilung des Preises ein glücklicher Gedanke war oder nicht. Soviel ist jedoch sicher, daß die betreffende Kommission alljähr lich ein angestrengtes Stück Arbeit leisten und ein geschicktes Urteil fällen mutz, um der Meinung in der Welt wenigstens annähernd gerecht zu werden. Die schwierige Aufgabe ist bisher immer gut gelöst worden, was jeder vorurteilsfreie ernste Literaturinteressent zugeben wird, mag in diesem oder jenem Falle auch die Wahl nicht glücklich scheinen. Zwei schwierige Fragen, die seit der Zu erteilung des Preises zu vielen Bedenken Anlaß gaben, sind durch die letzten zwei Verteilungen zufriedenstellend beantwortet wor den. Die erste, wieweit »moderne« Dichter Berücksichtigung finden, erhielt eine glückliche Lösung in der Ernennung Gerhart Hauptmanns, die andere, inwiefern die »außereuropäische« Dichtung Beachtung findet, in der diesjährigen Entscheidung für den indischen Skalden Rabindranath Tagore. Als die Zeitungen den Beschluß der Akademie bekanntgaben, war die Verwunderung allgemein, denn den Gerüchten nach war Rosegger so gut wie ausersehen. Der Fall zeigt an den tschechischen Protesten, wie verhängnisvoll das Verbreiten eines Gerüchts durch die Zeitun gen werden kann. Die Akademie trifft selbstverständlich nicht der geringste Vorwurf, unter Beeinflussung der tschechischen Proteste entschieden zu haben. Am besten beweist das die Tatsache, daß eine Gedichtsammlung Tagores »Gitanjali« bereits drei Tage nach Veröffentlichung der Entscheidung (am 17. November) in Stockholm in schwedischer Übersetzung erschien. Über Persönlichkeit und Schaffen des Erwählten ist kurz folgendes zu berichten: Tagore wurde 1861 in Kalkutta als Sohn einer vornehmen indischen Familie geboren. Sein Vater genoß den Ruf eines Heiligen, und seine nächsten Verwandten sind Künstler und Philosophen. Als Jüngling erhielt Tagore eng lische Erziehung und Schulbildung, und nach der Ansicht Sprach- gelehrter ist sein englischer Stil als klassisch zu bezeichnen. Seine erste Schaffensperiode fällt zwischen das 25. und 35. Lebensjahr; nach dieser Zeit zog er sich, angeblich tiefer Trauer wegen, in die Einsamkeit zurück und verlebte fünf Jahre als Eremit am Padma- flusse. Nach der Rückkehr widmete er sich ganz der religiösen Dichtung, der er bis zum heutigen Tage treu geblieben ist. Seine bekanntesten Werke sind: »OitauMi« (Gesangsopfer), »Mw l-aräsiwr«, »Mibeäz-a«, »Lllsxa« und eine Sammlung Novellen unter dem Titel »Klimpsss ok Rsugal Inka«. Tagores vornehm ster Interpret in Europa ist der Ire W. B. Deals, mit dem er erst den vergangenen Sommer in England verbrachte. Seine Werke sind bei der Indian Society und Macmillan in London er schienen. Was der Buchhändler durch den Verkauf der Bücher für eine Ernte halten wird, bleibt abzuwarten; wahrscheinlich aber eine sehr geringe, da das Interesse an Poesie immer noch verschwindend gering ist. Schweden gehört zu den Ländern, die von einer Theater zensur bisher verschont geblieben sind. Um so bedauerlicher ist es, daß neuerdings in einem Kreise, der sich Reichsverband für sittliche Kultur nennt, Anstrengungen gemacht werden, eine Zen- sur im nächsten Jahre einzusühren. Es ist nicht zu leugnen, daß sich in letzter Zeit die französische und deutsche zweifelhafte Farce in den Theatern Stockholms cingenistet hat und daß gute schwe dische Dramatik eigentlich nur in Deutschland gespielt wird. Das Streben der Sittlichkcitsprediger geht jedoch nicht darauf, zwi schen guter und schlechter Dramatik, sondern zwischen moralischer und unmoralischer zu scheiden, so daß Strindberg sich sicherlich eine Einreihung unter die unmoralischen Dramatiker wird ge fallen lassen müssen. Das schwedische Volk, das sich dank aus geprägter Naturliebe meist vor Kulturkränkeleien bewahrt hat, wird durch die Zensur in jenen Kreis von Völkern eingereiht werden, denen infolge ungeschickter Bevormundung Dezennien hindurch das ursprüngliche und natürliche Gefühl für gesund oder krank, häßlich oder schön zum größten Teile verloren geht. Darüber, wer Zensur ausüben soll, scheint man sich noch nicht recht im klaren zu sein; wie es aber auch sei: entweder die Polizeibehörde, die durch ihr Unvermögen sür Blamagen sorgen wird oder die gelehrten Herren, in jedem Falle wird der Vor wurf der Einseitigkeit nicht ausbleiben können. In der nordischen Kunst, durch »Dänische Maler« (Lange- wiesches Blaue Bücher) und die Ausstellungen Munchs usw. in Deutschland bekanntgemacht, verdienen auch einige schwedische Künstler Erwähnung. Im Verlage von Norstedt och Söner er schien eine Mappe, die »Svensk Konst« betitelt ist und eine Reihe farbig mustergültig ausgeführter Reproduktionen schwedischer Künstler bringt. Vertreten sind u. a. Anders Zorn, der immer noch die führende Stellung in der schwedischen Kunstwelt ein nimmt und dem seine letzte Ausstellung allein 90 000 Kr. an Eintrittsgeld einbrachte, fernerhin Carl Larsson, der Tiermaler Bruno Liljefors, Hesselbom u. a. Der Preis des einzelnen Blattes ist 5 Kronen. Bei der Gelegenheit sei erwähnt, daß Schweden in der Kunst eine schaffensreiche Periode hat, die sich vor allem in nationaler Kunst, soweit von einer solchen gesprochen werden kann, äußert. Nachfolger van Goghs bis Picasso treten nur ganz vereinzelt auf, und Lothe, der vor einiger Zeit in Stock holm ausstellte, mußte sich mit recht geringer Anerkennung zu frieden geben. Das Urteil über Kubisten, Futuristen und Expressio nisten schließt sich in künstlerischen Kreisen zum größten Teil an das des besten nordischen Kunstkenners, Jens Thiis, Direktors des Museums in Kristiania, an, der sich bei einem Vortrage äußerte, daß er sich erlaube, jenen modernen Künstlern recht mäßigen Bei fall zu zollen, und sich im übrigen in abwartender Stellung ver halte. Die Reklamekunst liegt hierzulande, trotz hoher Kultur des Kunsthandwerks im nördlichen Schweden, noch recht im argen, und die Anregungen, die in letzter Zeit gekommen sind, stammen von dem Werkbuude, der hier volle Anerkennung und Bewunde rung findet. Für die nächste Zeit ist eine Ausstellung des Wer- dandibundes in Stockholm geplant, die Künstler und Kaufleute Wohl ansporncn wird, die versäumte Verbindung von Kunst und Industrie nachzuholen, über das schwedische Kunsthandwerk (Slöjd) existiert eine erschöpfende Arbeit noch nicht, doch kann als ein guter Führer zu ihm die Herbsinummer von 1910 der engli schen Kunstzeitschrift Ltuckio, »keasant Lrt in stecken, llapp- ianä aoä leelanci« angesehen werden. Von neuen schwedischen Büchern seien genannt: »Gustav Janson, Segrare« (posthum), »Ossian-Nilsson, Lilla Benjamin«, »Marika Stjernstedt, Alma WittfLgels rykte«, »Wägncr, Helga Wisbeck«, »Sven Lidman, Tvedräktens barn« und Albert Engströms, des schwedischen Lud wig Thoma, Reisebeschreibung von Island: »^t Häcklefjäll«. Von norwegischen Büchern macht ein neues Theaterstück Gunnar Heibergs, betitelt »Paradesengen« (Das Paradebett), großes Aufsehen. Das Stück ist unverkennbar eine Satire auf die Familie Björnsons, der in dem Stücke der Vorwurf gemacht wird, aus dem Namen Björnson ein Geschäft gemacht zu haben. Es spielt im 3. Akte am Totenbette des Dichters, wo Erben und Kinemato- graphendirektor miteinander feilschen, für welche Summe die letzten Augenblicke des Dichters bei Anwesenheit der versammel ten Familie kinematographisch verwendet werden sollen. Man einigt sich schließlich auf 70 000 Kr., und der älteste der Söhne arrangiert die Szene, während der Dichter den letzten Atemzug tut. Die norwegische Presse verhält sich zum größten Teile ab lehnend gegen das Stück, dessen Erfolg mehr ein finanzieller als ein literarischer werden wird. Weihnachten soll es voraussicht lich in Kristiania aufgeführt werden. sFortsetzuag aas Seite 1ZL87.)
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