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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 28.04.1931
- Strukturtyp
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- 1931-04-28
- Erscheinungsdatum
- 28.04.1931
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- Deutsch
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^ »7, 28. April I93l. Künftig erscheinende Bücher. Börsenblatt f. d. Dtsch» Buchhandel. 2777 Er will nicht. Draußen schlägt der Hund an. Die Frau geht jetzt durch die Gartentür, zurück zu ihren Eltern. „Will sie denn wieder hierher?" frage ich. Er nickt. Ich frage nicht weiter. Das muß er selbst abmachen. „Solltest doch mitkommen", versuche ich noch mal. „Später, Ernst." „Steck dir wenigstens eine Zigarre an." Ich schiebe ihm die Kiste hin und warte ab, bis er eine nimmt. Dann gebe ich ihm die Hand. „Ich besuche dich wieder, Adolf." Er bringt mich an die Hoftür. Ich winke nach einiger Zeit zurück. Er steht immer noch am Gitter, und hinter ihm ist wieder das Dunkel des Abends, wie damals, als er aus- stieg und von uns ging. Er hätte bei uns bleiben sollen. Jetzt ist er allein und unglücklich, und wir können ihm nicht helfen, so gern wir es auch täten. Ach, im Felde war das einfacher; — wenn man da nur lebte, war alles schon gut. * II. Ich liege aus dem Sofa, die Beine lang ausgestreckt, den Kopf auf der Lehne und die Augen geschlossen. Im Halb schlaf gehen mir die Gedanken wunderlich durcheinander. Das Bewußtsein verschwimmt zwischen Wachen und Traum, und wie ein Schatten läuft die Müdigkeit durch meinen Schädel. Hinter ihr weht undeutlich ferner Geschützlärm heran, leise pfeifen Granaten, und blechern kommt das Läuten von Gongs näher, die einen Gasangriff melden; — aber ehe ich mich nach meiner Maske tasten kann, weicht die Dunkelheit lautlos zurück, die Erde, an die ich mich gepreßt habe, zerfließt vor einem warmen, helleren Gefühl, sie wird wieder zum Plüschbezug des Sofas, der sich gegen meine Wange drückt, unklar und tief spüre ich: zu Hause, — und das Gasläuten der Gräben zerschmilzt im gedämpften Klappern des Geschirrs, das meine Mutter vorsichtig auf den Tisch stellt. Dann huscht die Dunkelheit erneut näher und mit ihr das Murren der Artillerie. Nur weither, als kämen sie über Wälder und Meere, höre ich Worte hineintropfen, die sich erst allmählich zu einem Sinn fügen und zu mir Vordringen. „Die Wurst ist von Onkel Karl", sagt meine Mutter in das leise Grollen der Geschütze hinein. Die Worte erreichen mich grade noch am Rande des Trichters, in den ich niedergleite. Mit ihnen huscht ein sattes, selbstbewußtes Gesicht vorbei. „Ach, der", sage ich ärgerlich, und meine Stimme klingt, als hätte ich Watte im Munde, so wogt die Müdigkeit weiter um mich herum, „dies — dämliche — Arschloch" —. Dann falle ich, falle, falle, und die Schatten springen zu mir herein und überfluten mich in langen Wellen, dunkler und dunkler — Aber ich schlafe nicht ein. Es fehlt etwas, das vorher da war, — das gleichmäßige, leise, metallische Klirren. Langsam fühle ich mich zum Denken zurück und öffne die Augen. Da steht meine Mutter mit blassem, entsetztem Gesicht und starrt mich an. „Was hast du denn?" rufe ich erschreckt und springe auf. „Bist du krank?" Sie wehrt ab. „Nein, nein — aber daß du so etwas sagen kannst —" Ich denke nach. Was habe ich denn nur gesagt? Ach so, das mit Onkel Karl —. „Na, Mutter, sei doch nicht so empfindlich", lache ich erleichtert. „Onkel Karl ist wirklich ein Schieber, das weißt du doch auch." „Das meine ich ja gar nicht", antwortete sie leise, „aber daß du solche Ausdrücke gebrauchst —" Mit einmal fällt mir ein, was ich da im Halbschlaf ge sagt habe. Ich schäme mich, weil mir das grade bei meiner Mutter passieren mußte. „Es ist mir so herausgerutscht", erkläre ich entschuldigend, „man muß sich wirklich erst ge wöhnen, daß man nicht mehr draußen ist. Da herrschte ein rauher Ton, Mutter. Rauh, aber herzlich." Ich glätte mir die Haare und knöpfe den Waffenrock zu. Dann suche ich nach Zigaretten. Dabei sehe ich, daß meine Mutter mich immer noch anblickt und daß ihre Hände zittern. Ueberrascht halte ich inne. „Aber Mutter", sage ich er staunt und lege den Arm um ihre Schulter, „so schlimm ist das doch wahrhaftig nicht. Soldaten sind nun mal so." „Ja, ja, das weiß ich", erwidert sie, „aber du — du auch —" Ich lache. Natürlich, ich auch, will ich rufen, aber ich schweige plötzlich und lasse sie los, so trifft mich etwas. Ich setze mich auf das Sofa, um mich zurechtzufinden. Vor mir steht die alte Frau mit ihrem bangen, ver sorgten Gesicht. Sie hat die Hände gefaltet, müde zer- arbeitete Hände mit weicher, runzeliger Haut, auf der bläu lich die Adern hervorstehen; Hände, die für mich so geworden sind. Früher habe ich das nie gesehen, früher habe ich über haupt vieles nicht gesehen, denn ich war noch zu jung. Aber jetzt begreife ich, weshalb ich für diese schmale, verhärmte Frau anders bin als alle Soldaten der Welt: ich bin ihr Kind. Ich bin es immer für sie geblieben, auch als Soldat. Sie hat im Kriege nur einen Knäuel gefährlicher Bestien gesehen, die ihrem bedrohten Kinde nach dem Leben trachteten. Aber ihr ist nie der Gedanke gekommen, daß dieses bedrohte Kind eine ebenso gefährliche Bestie für die Kinder anderer Mütter war. Ich senke den Blick von ihren Händen auf meine eigenen. Damit habe ich im Mai 1917 einen Franzosen erstochen. Das Blut lief mir widerlich heiß über die Finger, während ich in besinnungsloser Angst und Wut immer wieder zustach. Nach her mußte ich mich erbrechen, und die ganze Nacht durch habe ich geweint. Erst morgens konnte Adolf Bethke mich trösten; ich war damals grade achtzehn Jahre alt, und es war der erste Angriff, den ich mitmachte. Langsam drehe ich die Hände nach außen. Bei dem großen Durchbruchsversuch Anfang Juli habe ich damit drei Leute erschossen. Sie blieben den Tag über im Drahtverhau hängen. Ihre schlaffen Arme baumelten im Luftdruck der Granateinschläge, und oft sah es aus, als drohten sie, aber manchmal auch, als flehten sie um Hilfe. Später habe ich ein mal auf zwanzig Meter eine Handgranate geworfen, die einem englischen Hauptmann die Beine wegsetzte. Er schrie furchtbar, den Kopf hatte er mit anfgerissenem Munde hoch gereckt, die Arme ausgestemmt, den Oberkörper gebäumt wie ein Seehund; aber dann verblutete er rasch. Und jetzt sitze ich hier vor meiner Mutter, und sie weint beinahe, weil sie nicht fassen kann, daß ich so roh geworden bin, einen unanständigen Ausdruck zu gebrauchen. Fortsetzung morgen! H
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