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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 22.04.1931
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1931-04-22
- Erscheinungsdatum
- 22.04.1931
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- Deutsch
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Glück war Willy in der Nähe. Er stürzte sich sofort auf Ferdinand und hielt ihn fest. Aber wir mußten mit vier Mann alle Kräfte aufbieten, damit er sich nicht losriß und den Feldwebel erwürgte. Erst nach einer Stunde wurde er vernünftig und sah ein, daß er sich nur unglücklich machen würde, wenn er hinterherlief. Aber er versprach an Schrö ders Grabe, daß er noch mit Seelig abrechnen würde. Jetzt sicht Seelig an der Theke, Kosole sitzt fünf Meter von ihm weg, und beide sind keine Soldaten mehr. Das Orchestrion donnert zum drittenmal den Marsch aus der „Lustigen Witwe". „Wirt, noch eine Lage Schnaps", schreit Tjaden mit funkelnden Schweinsaugen. „Sofort", antwortet Seelig und bringt die Gläser. „Prost, Kameraden!" Kosole sieht unter gesenkten Brauen hervor. „Du bist nicht unser Kamerad", grunzt er. Seelig nimmt die Flasche unter den Arm. „Na, schön, dann nicht", erwidert er und geht zur Theke zurück. Valentin schüttet den Schnaps herunter. „Sauf, Ferdi nand, das ist das einzig Wahre", sagt er. Willy bestellt die nächste Runde. Tjaden ist schon halb besoffen. „Na, Seelig, alte Kompagniespinne", gröhlt er, „jetzt kriegen wir keinen Knast mehr, was? Trink einen mit!" Er haut seinem ehemaligen Vorgesetzten auf die Schulter, daß der sich verschluckt. Dafür wäre er ein Jahr früher vors Kriegsgericht oder in die Irrenanstalt gekommen. Kosole sieht vom Schanktisch in sein Glas und vom Glas wieder zum Schanktisch und zu dem dicken, dienstfertigen Mann an den Bierhähnen. Er schüttelt den Kopf. „Das ist ja ein ganz anderer Mensch, Ernst", sagt er zu mir. Mir geht es ebenso wie ihm. Ich kenne Seelig nicht wieder. Er war mit seiner Uniform und seinem Notizbuch so verwachsen, daß ich ihn mir kaum im Hemde vorstellen konnte, geschweige denn als Schankwirt. Und jetzt holt er sich ein Glas und läßt sich von Tjaden, der früher wie eine Laus vor ihm war, duzen und auf die Schulter kloppen. Verdammt, wie sich die Welt gedreht hat! Willy stößt Kosole aufmunternd in die Rippen. „Na?" „Ich weiß nicht, Willy", sagt Ferdinand verstört, „soll ich dem da nun in die Fresse schlagen oder nicht? So hatte ich mir das doch nicht gedacht. Sieh dir an, wie er herum dienert, dieser Schleimscheißer. Da hat man doch gar keine Lust mehr." Tjaden bestellt und bestellt. Ls macht ihm einen Heiden spaß, seinen Vorgesetzten für sich springen zu sehen. Seelig hat nun auch schon allerhand hinter sich. Sein Bulldoggenschädel glüht, teils von Alkohol, teils von Ge schäftsfreude. „Wollen uns wieder vertragen", schlägt er vor, „ich spendiere auch eine Runde Friedensrum." „Was?" sagt Kosole und richtet sich auf. „Rum. Ich habe da noch eine Pulle im Schrank stehen", sagt Seelig harmlos und geht sie holen. Kosole ist wie vor den Kopf geschlagen und starrt ihm nach. „Der weiß nichts mehr davon, Ferdinand", vermutet Willy, „sonst hätte er das nicht riskiert." Seelig kommt zurück und schenkt ein. Kosole faucht ihn an. „Weißt du denn nicht mehr, wie du Rum gesoffen hast vor Angst? Kannst ja Nachtwächter im Leichenschauhaus werden, du!" Seelig macht eine versöhnliche Handbewegung. „Ist doch schon lange her", sagt er, „ist ja schon nicht mehr wahr." Ferdinand schweigt wieder. Wenn Seelig einmal scharf antworten würde, wäre der Krach sofort da. Aber dieses ungewohnte Nachgeben verblüfft Kosole und macht ihn unentschlossen. Tjaden schnuppert, und auch wir heben die Nasen. Der Rum ist gut. Kosole schmeißt sein Glas um. „Ich lasse mir nichts spendieren." „Mensch", ruft Tjaden, „dann hättest du's mir doch geben können!" Er versucht mit den Fingern zu retten, was zu retten ist. Nicht viel. Das Lokal leert sich allmählich. „Feierabend", ruft Seelig und läßt die Rolläden herunter. Wir stehen auf. „Na, Ferdinand?" frage ich. Er schüttelt den Kopf. Er kommt mit sich nicht zu Rande. Das ist nicht mehr der richtige Seelig, dieser Kellner da. Der Wirt macht uns die Tür auf. „Wiedersehn, die Herren, angenehme Ruhe." „Herren", kichert Tjaden, „Herren — früher sagte er Schweine —" Kosole ist schon fast draußen, da wirft er zufällig einen Blick auf den Fußboden und sieht Seeligs Beine, die noch in den altbekannten Gamaschen stecken. Auch die Hosen haben noch Biese und Militärschnitt. Oben ist er Wirt, unten jedoch noch Feldwebel. Das entscheidet. Mit einem Ruck dreht Ferdinand sich um. Seelig weicht zurück. Kosole geht ihm nach. „Paß mal auf", knurrt er, „Schröder! Schröder! Schröder! Kennst du den noch, Hund, verfluchter? Da hast du was für Schröder! Schönen Gruß vom Massengrab." Er schlägt zu. Der Wirt kippt, springt hinter die Theke und greift nach einem Holzhammer. Er trifft Kosole auf die Schulter und ins Gesicht. Aber Ferdi nand weicht überhaupt nicht aus, so wild ist er plötzlich. Er schnappt Seelig, drückt ihm den Kopf auf die Theke, daß es klirrt, und läßt alle Hähne los. „Da, sauf, du Rumbock! Er sticken sollst du, ersaufen in deinem Sauzeug!" knirscht er. Das Bier strömt Seelig in den Nacken und schießt ihm durch das Hemd in die Hose, die gleich absteht wie ein Luft ballon. Er brüllt vor Wut, denn es ist schwer, heutzutage so gutes Bier wieder zu kriegen. Dann gelingt es ihm, sich hochzuwerfen und ein Glas zu fassen. Er stößt es Kosole von unten gegen das Kinn. „Falsch", sagt Willy, der interessiert in der Tür steht, „er hätte mit dem Kopf stoßen und ihm dann die Knie weg reißen müssen." Keiner von uns greift ein. Dies ist Kosoles Sache. Auch wenn er zuschanden geschlagen würde, dürften wir ihm nicht helfen. Wir sind nur dazu da, die andern zurückzuhalten, wenn sie Seelig beistehen wollen. Aber niemand will es mehr, denn Tjaden hat mit drei Worten die Sache erklärt. Ferdinands Gesicht blutet heftig; er wird jetzt richtig wütend und macht Seelig rasch fertig. Mit einem Schlag gegen die Kehle bringt er ihn herunter, kollert über ihn hinweg und haut seinen Schädel ein paarmal auf den Boden, bis er genug hat. Fortsetzung morgen!
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