X- 128, b. Juni 1934. Fertige Bücher. Börsenblatt f. ö. Dtschn Buchhandel. 2451 8io 8t Iioii? Sie hat mich meist geärgert, denn sie fordert dort fast nur oberflächliches Tatfachenwissen. Und doch kommt mir gerade diese simple Frageformel in den Sinn vor dem wertvollen Buche „Aue dem Reich der Blumen" von H. von Bronsart, das der Verlag Wvlfgang Jeß in Dresden auf den Markt gebracht hat. Hier aber hat sie eine tiefere Bedeutung. „Wußten Sie schon?" . . . Nein, ich wußte noch nicht oder doch viel zu wenig von dem, was mich gleichwohl seit langem erfreut, anregt, tröstet, entzückt. Und vielen, ja den meisten Zeitgenossen, mögen sie sich dem animalisch, vegetativ und geistig Schönen sonst auch noch so verbunden fühlen, wird es gerade mit den Blumen ähnlich ergehen. Sic, die Blumen, wachsen und blühen in unserer Landschaft, in unseren Gärten, in unseren Stuben und verschonen uns das Dasein. Wir aber, die Menschen, wissen nicht oder nur selten, woher sie kamen, wer sie uns brachte, seit wann wir sie besitzen und was alles sie im Laufe der Zeiten für unser Geschlecht bedeutet haben. Bronsart erzählt vom Werden des Blumengartens im Wandel der Jahrhunderte. Er sagt uns, was Ägypten, Babylon, Indien, Persien, Griechenland, Byzanz und Rom zu unserem Blumenflor beitrugen, was den Arabern und Türken an Gartenkultur zu danken ist, wie Mönche, Ritter und Bürger in den Kulturländern des Abendlandes aus den ver schiedensten Gründen diesen Blumenflor Stern um Stern, Farbe um Farbe gesammelt und bereichert haben. Welch ein Weg vom Arzneiwert zum Schmuckwert und schließlich zum Seltenheitswert der Blume im Bewußtsein der menschlichen Gesellschaft! Welches Gegenspiel realer und idealer Kräfte auch auf diesem Gebiet der Kulturgeschichte! Ist aber das Gesamtbild schlicht, ohne jede aufdringliche Gelehrsamkeit entworfen, so erfahren wir in gleich einfacher Sprache alles Besondere über die einzelnen Blumen-Jndtviduen des HauSgartenS, über ihren Weg in die europäische Kulturwelt, über ihre physiologische Art und ihr Verhältnis zu Boden und Klima. Es folgt ein Kapitel über die Topfpflanzen, die dem ZivilisationSmenschen desto lieber wurden, je mehr er sich von der Natur entfernte und ab geschnitten fühlte. Es folgt schließlich ein Bericht über Blumenzüchtung, über natürliche und künstliche Veränderung der Blumenrassen und Sorten und über das Gesetz der Vererbung als Grundlage für die Praxis der Veredlung und Kreuzung. Alles ist mit Liebe vorgetragen; auch das schwer Verständliche so anschaulich, daß die Grundtendenz keinen Augenblick lang abgcschwächt oder überdeckt wird: die Tendenz, Schönheit, die sonst nur naiv hingenommen, gekostet und oft auch mißbraucht wird, durch das Wissen um ihre Verbundenheit mit Kultur und Sitte, um ihre Symbvlkraft und die ungeahnten Möglichkeiten ihres weiteren Wachstums bewußt zu machen und damit noch wunderbarer erscheinen zu lassen. Wer die rund 200 Seiten gelesen, die 14 zum Teil farbigen Abbildungen be trachtet hat, weiß, daß er dieses Buch von den Blumen wieder und wieder in die Hand nehmen wird. Ihm bleibt außer dieser Gewißheit nur Dank an den Autor und die Frage an den Mitmenschen, von der wir hier ausgingen: „Wußten Sie schon?" Karl Holl in der „Frankfurter Zeitung" vom 22. April 19Z4. Aus dem Reich der Blume Unsere Blumen in Garten und Haus in Vergangenheit und Gegenwart von H. von Bronsart Mit vielen Abbildungen im Text und 14 zum Teil farbigen Tafeln. Oktav. Kartoniert RM 4.50 / In Leinen RM 5.50 Wolfgang Jeß Verlag in Dresden