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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 29.05.1920
- Strukturtyp
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- Band
- 1920-05-29
- Erscheinungsdatum
- 29.05.1920
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- Deutsch
- Sammlungen
- Saxonica
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der nächsten Kreisstadt Neustettin. Hier wurde ich am 9. Sep tember 1869 eingesegnet, und an diesem Tage denn auch die Be rufsfrage endgültig erledigt. Der von klein auf gehegte Wunsch nach dem geistlichen Stande war durch die mangelnden Mittel längst unterdrückt. Möglichst bald meinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, mußte das Ziel sein. Jetzt war in mir kein anderer Wunsch, als der, Buchhändler zu werden. Der gelegent liche Besuch der heimatlichen Buchhandlung hatte mich mit einer ehrfürchtigen Scheu vor den dort aufgespeicherten Geistesschätzsn erfüllt, auch die eigentümliche, nicht näher zu beschreibende, aber die Sinne gefangen nehmende Luft hatte es mir angetan. Ein Mitschüler, Sohn des dortigen Buchhändlers, gab uns gelegent lich etwas über die Geheimnisse des Buchhandels zum besten, wodurch mein Begehren nur gesteigert wurde. Leider waren die Bedingungen am Orte für unsere Verhältnisse nicht günstig: 4 Jahre Lehrzeit ohne Lehrgeld, aber auch ohne Entschädigung. Nun wurden die in den Zeitungen erscheinenden Lehrltngsgesuche von auswärtigen Buchhandlungen fleißig beachtet, und mancher Brief ging ab, aber leider überall mit demselben Ergebnis, höchstens daß hie und da die Lehrzeit auf drei Jahre ermäßigt wurde. — Die früher fast überall vertretene Gepflogenheit, einen jungen Mann 3—4 Jahre lang ohne Entschädigung in seinen Entwicklungsjahren auszunutzen, war jedenfalls eine Unbillig keit, zumal da ihm nach beendeter Lehrzeit in den meisten Fällen nicht gerade ein besonders glänzendes Los bevorstand. So blieb denn schließlich nichts anderes übrig, als das Angebot am Orte anzunehmen, in der Erkenntnis, daß der Un terhalt zu Hause doch noch am billigsten sei. Ich sah mich also schon im Geiste von Ostern 1870 ab in der heimatlichen Buch handlung wirken, wozu auch das Austragen der Zeitschriften gehörte usw. Da erhielt meine Mutter plötzlich folgenden Brief: Berlin, den 21. Februar 1870. Sehr geehrte Frau! Herr P . . . , der vor seinem Selbständigwerden einige Jahre in meinem Geschäfte tätig gewesen, war so freundlich, mir den zwischen Ihnen stattgehabten Briefwechsel mitzu teilen. In der Annahme, daß Ihr Sohn noch kein anderweites Unterkommen gefunden hat, sowie Herrn P.'s Empfehlungen und Ihren eigenen Briefen vertrauend, bin ich nicht abgeneigt, Ihren Hellmuth trotz der sehr erschwerenden Verhältnisse als Lehrling bei mir aufzunehmen. Die Bedingungen, die ich nach reiflicher Überlegung Ihnen stelle, sind folgende: Ihr Sohn lernt vier Jahre, bekommt aber während dieser Zeit zu seinem Lebensunterhalt im ersten Jahre 150 Thlr., im zweiten 180 Thlr., dann 210 und endlich im vierten 240 Thaler. Ich bin mir wohl bewußt, daß ich mit der Sorge um sein leibliches Wohl auch die Verantwortung für das sittliche Gedeihen Ihres Sohnes zu übernehmen habe und gewissermaßen Vaterstelle an ihm vertreten mutz Ihr sehr ergebener Fritz Borstell, Besitzer der Nicolaischen Buchhandlung (Brüderstraße 13). Eine gewaltige Aufregung wurde durch diesen Brief natür lich in unserer Familie hervorgebracht, und zumal bei mir, denn wo wäre wohl ein junger Mann, der nicht gern in die Fremde zöge und — in damaliger Zeit! — nach Berlin! Dazu die günstigen Bedingungen, die meinen Lebensunterhalt ermöglich ten. Zwar hielt der erfahrene Buchhändler am Orte mit seinen Bedenken nicht zurück, da unser Beruf am besten in einem kleinen Geschäft der Provinz erlernt werde; aber das wurde nicht be achtet, das Anerbieten war doch zu verlockend. Demnach wurde das Abkommen in der Heimat rückgängig ge macht und der Lehrvertrag mit Herrn Borstell abgeschlossen. Von meinen Mitschülern wurde ich sehr beneidet, und es mel deten sich später noch mehrere zu unserm Beruf. Nun kamen die Vorbereitungen zur Reise, da die Stelle zum 1. April angetreten werden sollte. Ach, die Aussteuer war nicht groß, immerhin wurde ein leidlich schwerer Koffer, den ich selbst tragen konnte, gefüllt. Eine Eisenbahn berührte unsere Gegend damals noch nicht, deshalb hieß es, sich nach einer ge 542 eigneten Fahrgelegenheit umsehen, da die Post als zu teuer nm im äußersten Falle in Betracht kam. Das Glück war mir hold, weil in den letzten Tagen des März in Neustettin ein Jahrmarkt abgehalten wurde. Durch eine Umfrage unter den Marktbe- schicken, wurde ein Bäckerwagen aus Polzin ermittelt, der mich ohne Kosten bis dahin (30 Kilometer) mitnehmen sollte. Hier wohnte ein Onkel von mir, Besitzer eines größeren Bades, der mich eine Nacht beherbergte. Nächsten Tages benutzte ich stolz die Post bis Schievelbein, von wo ab mich endlich die Eisen bahn weiterbringen sollte. Zwar war ich als 8jähriger Knabe aus meiner Vaterstadt einmal mit meinem Onkel, der öfter aus Bromberg mit zwei Wagen für seine Bäckerei das berühmte Wei zenmehl holte, dorthin mitgenommen worden und hatte bei dieser Gelegenheit in der Ferne einen Eisenbahnzug gesehen, aber eine nähere Betrachtung war mir noch nicht vergönnt gewesen. Nun sollte ich selbst damit fahren! Der Betrieb, zumal die Loko motive, Räder und Schienen, die ich mir ganz anders vorge stellt hatte, setzten mich in Erstaunen. Selbstverständlich benutzte ich die 4. Klasse, die damals noch sehr einfach, ohne Bänke (24 Mann oder 4 Pferde) eingerichtet war; aber als Sitzgelegen heit diente ja mein Koffer. Die Unterhaltung war sehr lebhaft und gemütlich, wobei auch ich über das Ziel meiner Reise Aus kunft geben mußte und manchen schätzenswerten Rat erhielt. Musikalische Unterhaltung fehlte dabei nicht, Handharmonika und Maultrommel spielten teils einzeln, teils zusammen. So kam ich nach meinem nächsten Ziel: Stettin, wo ich mich wiederum bei einem Onkel einlud, der mich ebenfalls freundlich ausnahm. Meine liebe Tante Pflegte mich besonders gut. Am nächsten Morgen geleitete mich mein Onkel nach dem Bahnhof, gab mir gute Lehren auf den Weg und — drei bare Taler. Einen sol chen Reichtum hatte ich noch nicht besessen, ich fühlte mich Mir ein Krösus und beschloß, dieses Geld jedenfalls fest zu halten. Ehe ich nun nach Berlin kam, hatte ich noch einen Auf enthalt zu nehmen in — Bernau! Hier war nämlich ein guter Freund unserer Familie Gutsverwalter. Anscheinend freute sich auch dieser über mein plötzliches Erscheinen und gab sich viel Mühe, mir die Sehenswürdigkeiten des Städtchens zu zeigen, von denen ich allerdings nichts weiter in der Erinnerung behalten habe als einen altertümlichen Turm. Zum Abschied am nächsten Tage versorgte er mich noch mit einem mächtigen Mundvorrat und entließ mich mit den besten Wünschen. Also nun endlich geradeswegs nach Berlin! Mein Lehr herr hatte mir einen Plan zugesandt, auf dem der Weg vom Stettiner Bahnhof bis zur Brüderstraße rot cingezeichnet war, außerdem genaue Verhaltungsmaßregeln gegeben. Demnach sollte ich von der Jnvalidenstratze ab mit den, Omnibus (oben 1 Groschen) durch die Friedrichstraße, U. d. Linden, Schloß- brücke bis zum Schloßplatz fahren und hier absteigen. O, was gab's da für den Sohn der Provinz alles zu sehen! Aber es trieb mich doch vor allem nach dem Ort, in dem ich nun in die Welt des. Buchhandels eingeführt werden sollte. Ich kletterte also am Schlotzplatze vom Omnibus herunter und pilgerte in die Brüderstratze bis Nr. 13. Dort Platzte ich nun mit meinem Koffer in das Geschäft hinein. Empfangen wurde ich von einem freundlichen älteren Herrn, der mich gleich in das Arbeitszimmer rechts vom Laden führte. Hier war noch ein zweiter Herr, der mich ebenfalls begrüßte. Es mag nachmittags gegen 6 Uhr ge wesen sein. Die Herren waren in einiger Verlegenheit wegen meiner Unterkunft. Ich sollte nämlich bei dem einen verheirateten Gehilfen wohnen, der mich aber vorläufig nicht aufnehmen konnte, da seine Wohnung in einem neuen Hause noch nicht fertiggestellt war. Wohin nun also mit mir? Da fiel mir meine Tante, eine Oberlehrerswitwe, ein, die seit Jahren hier wohnte, und deren Sohn Lehrling bei Rudolph Hertzog war. Fernsprecher gab es damals noch nicht, deshalb ging ich zu meinem Vetter ins Geschäft, der über den plötzlich aufgetauchten Provinzler nicht sehr erbaut gewesen sein mag, um wegen vor läufigen Nachtlagers in seiner Familie anzufragen. Die Mög lichkeit wurde zugesagt, und so wanderte ich nach Geschäftsschluß mit meinem Vetter und Koffer zur Wohnung meiner Tante nach der Linienstraße. Die Überraschung meiner Verwandten über diesen unerwarteten Besuch war nicht gering, aber in ihrer
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