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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 01.02.1923
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- 1923-02-01
- Erscheinungsdatum
- 01.02.1923
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x° 27, 1. Februar 1923. Fertige Bücher. Börsenblatt f. o. Dtschn. Buchhandel, gg? Peter Dörfler und das Ende des Expressionismus von Privatdozent Dr. Günther Müller-Göttingen (Abdruck aus dem „Hamburger Korrespondent" vom 12 Dezember 1922) Abkehr vom Literatentum, vom Großstadtethos, von expressionistischer Spiegelung der Nervenstränge ist eine heute viel erhobene Forderung der Zeit. Gewiß war es eine Eroberung, als ckier Naturalismus zu Ende des vorigen Jahrhunderts die Großstadt als ein reiches Stoff gebiet entdeckte, als weiter der Impressionismus die technischen Mittel vervollkommnete, die zur breiteren Gestaltung dieses neuen Stoffes ge eignet sind. Und der Expressionismus kämpfte sich zwar in bewußtem Gegensatz zu seinen Vorgänger » zur Herrschaft, aber im letzten Grunde wurzelt auch er in dem geistigen Boden, der den Naturalismus erwachsen ließ. Auch für ihn ist die neu- von außen und innen zersetzte, nervöse, heimatlose Geistigkeit die selbstverständliche Voraussetzung. Sie ist es sogar in noch stärkerem Maße für ihn als für den Naturalis mus. Denn dieser hatte doch noch für die Berechti gung seiner Welt gegen andere „Haltungen" zu Kümpfen; sein Zynismus war geboren aus dem Erlebnis, daß eben nicht nur Idylle wirklich ist, daß eine neue so ziale Wirklichkeit erstanden war, die sich weder mit Spielhagens Pathos, noch mit Heyses Formwillen, noch mit Kellers Gelassenheit bändigen ließ. Der Expressionismus aber wollte nur dem neuen „Außen" das „Innen" gegenüverstellen. Er wollte nicht mehr das Sichtbare spiegeln, er wollte die seelische Struktur der neuen, für ihn einzig wirklichen Welt ausdrücken. Er gibt das Zentrale, wo die anderen in den peri pheren Schichten blieben. Mit innerer Notwendigkeit wurde der Expressionis mus weitergedrängt mit dem Versuch, seine Welt metaphysisch zu orientieren. Da aber stellte sich heraus, daß diese materialistische Welt auf zu schmalem Grunde stand, daß der extreme psychologische Realismus nur einen Bruchteil der ganzen Realität gesehen hatte, daß ihm bei jeder größeren Synthese der Atem aus ging. Nicht ohne Ergriffenheit wird man die ver zweifelten Bemühungen so starker Talente wie Werfel und Hasenclever verfolgen, von ihrem Sprungbrett aus gültigen Grund zu erschwingen. Es ist die Peri ode der expressionistischen Ideologie, die nun — Ironie der Geschichte — auf die Humanitätsidee der Klassiker zurückgreisen möchte, die von Liebe zur Menschheit schwärmt und doch nicht die Kraft für die Liebe zum einzelnen Menschen findet. Am die Substanzlosigkeit zu überwinden, strebt die jüngste Generation in Arnolt Bronnen, Bert Brecht, Hanns Henny Jahn nach einer Synthese von Ex pressionismus und Naturalismus. Das ist vielleicht die notwendige letzte Stufe einer Entwicklungsreihe. Aber sie ist nur logisch richtig. Im Vitalen, im Wesentlichen ist sie schon überholt, denn die geistige Unzulänglichkeit der Voraussetzungen ist dargetan; nicht durch Literaturhistoriker und Rezensenten, son dern durch die Entwicklung. Diese „Jüngsten" sind geistige Greise, die mit seniler Kurzsichtigkeit auf die nächste Vergangenheit starren. Nur ihre Lungen haben Iugendkrast, und es ist ja gewiß erfreulich, einmal wieder laut schreien zu hören. Aber auch Bronnen würde einen Elefanten schwerlich darum für einen ihm überlegenen Dichter halten, weil er neuer Roman „Der ungerechte Heller" (Verlag Kösel L Pustet Kempten 1922. 502 Seiten) tritt nicht etwa programmatisch auf, und wer ihn rein als Dichtung genießen will, der braucht dazu keine theoretischen, keine geistesgeschichtlichen Erwägungen. Das Werk ist so erfüllt von elementarem Leben, so durchaus in der gemäßen Form ge staltet, daß es ohne jede theoretische Rechtfertigung aus eigener künstle rischer Kraft fesselt und erfreut. Aber es hat - darüber hinaus die große Bedeutung, zu zeigen, daß wir irrten, wenn wir an unserer Literatur verzweifel ten, weil die Großstadt-Literaten sich in eine Sackgasse verrannt haben Es bestätigt auch aus diesem Gebiet, daß Industriealisierung und Materialisierung zu weiten Volkskretsen keinen Zugang gefunden haben, und wenn jetzt diese Volkskreise ihre gesunden Kräfte zu dichterischer Produktion zu fassen vermögen, so ist das ein weihnachtliches Zeichen der Zeit. Es ist gewiß Kern Zufall, daß Dörfler aus dem vom Industriealismus weniger zersetzten Süden Deutsch« lands stammt. Sein neuer Roman spielt unter den Lechbauern in der Zeit um 1860. Innig verwurzelt sind seine Menschen in der Heimaterde, ihre Gestal tung ist gleich entfernt von ideologischem Spiritualis mus und borniertem Materialismus. Dieser Aegid Ratgeber, der sich vom lernbegierigen Bauernjungen durch mannigfache innere Kämpfe hindurch zum Müller entwickelt, diese Wasenmeisterin, die in furcht barer Ehe ihren Mann erschlägt, dieser Ingenieur, der mit frecher Lebenslust sich aus allen Schwierig keiten herausredet, dieser Vorsteher, der durch die Dörfer kutschiert und aus sicherem Instinkt für das Recht jedem Streitsüchtigen, der von ihm Rat er bittet, den richtigen Weg zeigt, das sind prachtvoll-, lebengesättigte Gestalten, deren in einander ver schlungene Lebensläufe sich mit kräftiger Spannung entfalten, dte zwischen Himmel und Hölle stehen, ohne daß über Himmel und Hölle geistreich geredet würde. Leidenschaften Kämpfen in diesem Werk, aber nicht solche, die durch künstliche Reizmittel er regt sind, sondern naturhaftmenschliche. Und ebenso ist die Natur hier nicht künstlich gesteigert oder blaß symbolisiert. Sie verwebt sich in ihrer un geschminkten, großartigen Wirklichkeit sinnvoll und notwendig in dte Schicksale der Personen. Mit hinreißender Gewalt ist die tollkühne Floßfahrt Aegids und des Ingenieurs auf dem winterlichen Lech oder das Hochwasser, das die neugebaute Säge mühle bedroht, oder der Sturm im Walde gedichtet. Gebannt folgt man diesen „Naturschilderungen". Ebenso organisch sind Probleme wie Tradition und Umsturz, Individualismus und Gemeinschaft, Mittel- alter und Gegenwart in diesen kleinen Kosmos ein bezogen. Besonder^ Erwähnung verdient schließlich, mit welch keuscher Glut das erotische Element be handelt ist. In der Fränze, die den Aegid schon kindlich-mädchenhaft liebt, eh ihm diese Erlebnis schicht erschlossen ist, hat Dörfler eine weibliche Ge stalt ganz eigener Prägung geschaffen. Naturhaftigkcit der Leidenschaft, Geschehnis statt Ansprache, Realität statt Ideologie, Objektivität jede Bronnensche Vorlesung in Grund und Boden trompeten könnte, statt Exzentrizität, das sind Kennzeichen von Dörflers geistiger Haltung. Diese Sachlage mutz man sich vergegenwärtigen, wenn man die Er schcinung des Dichters Peter Dörfler in ihrer großen geistesgeschicht- lichen Bedeutung verstehen will. Freilich auch nur dann, denn sein Wenn wir Abkehr vom Literatentum und vom dünnschichtigen, ner vösen Grobstadtethos fordern, so hat dieser Volksdichter einen Weg zur positiven Erfüllung der negativen Forderung betreten. Peter Dörfler liest in diesen Tagen in Trier, Luxemburg, Stuttgart. Tübingen, Schwäbisch-Gmünd in literarischen, dramatischen und akademischen Ge sellschaften aus seinen Werken vor. Weitere Vortragsreisen folgen. Die Weite Dörflers' Der ungerechte Heller / Die Verderberin / Der Roßbub / Judith Fmsterwalderin / Neue Götter / Stumme Sünde / Der Weltkrieg im schwäbischen Himmelreich / Erwachte Steine / reichlich bestellen, in's Schaufenster stellen And aus den Ladentisch stapeln! Prospekte verteilen! Siehe Zettel! Verlag Josef Kösel <L Friedrich Pustet, Komm.-Ges. München, Verlagsabteilung Kempten. 114»
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