Hugo von Abercron als Major (I. R. 16 Köln) Lin Leben in zwei Zeitaltern Das Bild eines preußischen Offiziers nordischen Stammes in Stil und Haltung, in Tat und Äußerung, in Weltanschauung und Pflichterfüllung tritt hier mit seltener Unmittelbarkeit dem Leser nahe. Der Adel ist für Abercron keine äußere Form, er ist ihm Naturausdruck. Schon frühzeitig beherrschen ihn schöpferische Kräfte. Als Kadett und dann wieder als junger Offizier des Oldenburger Infanterie-Regiments unter seinem Regimentskommandeur von Hindenburg*), der ihm auch noch als Generalfeldmarschall und Reichspräsident ein stets kameradschaftlich verbundenes Vorbild und nahe blieb, wird er durch seine Freude am Pferdesport ein berühmter Rennreiter und kommt als geborener Sportsmann plötzlich zur Ballonschiffahrt. Um die Jahrhundertwende wird er jener berühmte Luftpionier, der bis zum Weltkriege im Einvernehmen mit der Heeresleitung und zum Segen deS deutschen Heeres ebenso wissenschaftlich streng wie persönlich unbehindert wirken kann. Bald ist er als Luftpionier weit über Deutschlands Grenzen hinaus führend in allen Luftsportverbänden und bei den großen Ballonwettfahrten, die Gordon Bennett in Amerika auöschreibt, tätig. Die Ballonluftschiffahrt wurde um 19 io herum von dem Flugzeug von der motorisierten Luftfahrt überholt. Aber Abercrons Taten und Forschungen kamen dieser neu aufsteigenden Lufteroberung durch seine Luftkunde zugute. Seine Vorlesungen an der Marburger Uni versität trugen ihm den Dr. h. c. ein. Als der Krieg auöbrach, zog Abercron als Regimentskommandeur mit seinem geliebten Kölner Regiment, den Hacketäuern, an die Westfront und machte den Weltkrieg als Regimentskommandeur vom Anfang bis zu Ende im Westen mit. Seine Erinnerungen an den Krieg auf Grund von Kriegstagebüchern zeigen, wie ein Regimentskommandeur den Krieg sah und erlebte, sein Regiment im Krieg führte, seine Soldaten erlebte in Kampfeötoben und Kameradschaft. Dadurch heben sich Abercrons Kriegöerinnerungen aus den Kriegsbüchern einmalig heraus. In der ungeheuren Kriegöliteratur sind es die ersten Kriegöerinnerungen eines Änfanterie-Regiments-KommandeurS. Bald nach dem Zusammenbruch widmete sich Hugo von Abercron wieder der Ballonluftfahrt und erreichte, daß trotz aller Verbote des Diktats von Versailles der Gedanke des Aufbaus einer neuen Luftwaffe in die Tat umgesetzt wurde. Man beachte die hochinteressanten Schilderungen mit Vogelschau-Photos seiner wissenschaftlichen und abenteuerlichen Freiballon fahrten vor und nach dem Kriege bis in die neueste Zeit. Abercron erzog junge Flugführer wissenschaftlich und praktisch. So war cS auch selbstverständlich, daß er frühzeitig den Anschluß an die Gefolgschaft Adolf Hitlers fand und daß er als Direktor des wissenschaftlichen VortragsinstitutS Urania in Berlin bis in die jüngste Zeit am Neuaufbau Deutschlands Mitwirken konnte. *) Hindenburg nannte ihn „Mein Hujo". 4336 Nr. 206 Montag, -en 6. September 1988