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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 21.05.1929
- Strukturtyp
- Ausgabe
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- 1929-05-21
- Erscheinungsdatum
- 21.05.1929
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- Deutsch
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114, 21. Mai 1929. Redaktioneller Teil. Börsenblatt s. d. Dtschn. Buchhandel. vorhanden sein. Der Käufer wird gern wiederkommen, wenn er im Laden Sachlichkeit gewahrt findet, die der modernen Lebenshaltung entspricht. Erst in wenigen Buchläden wird solcher Geist spürbar. Das Sortiment hat seine Aufmachung kaum geändert. Es fällt neben den neuen Bauten der Großstadt meist als unmodern auf. Dieser Um stand ist betrübend und verständlich zugleich. Er findet seine Erklärung in rein wirtschaftlichen Momenten. Das Sortiment besitzt gegen wärtig die Mittel nicht für eine Neugestaltung der Räumlichkeiten im Sinne gegenwärtiger Ladenarchitektur. Den Ausbau der Fron ten und des Ladens muh der Buchhandel sich vorläufig noch ver sagen. Er kann hierin mit den andern Warenbranchen nicht konkurrieren. Gleichwohl wäre es falsch, hier mutlos die Waffen zu strecken. Mit den wenigen und eignen Mitteln, die zur Ver fügung stehen, gilt es zu versuchen, das Sortiment dem neuen Stile, den Forderungen eines besseren Kundendienstes anzugleichen. Über den Aufbau eines modernen Schaufensters ist an dieser Stelle oftmals diskutiert worden. Oberstes Gesetz wird es sein, schlicht und einfach zu dekorieren, vor allem sich vor jeder Überladung zu hüten. Klötze in geometrischer Form zusammengefaßt und abwechselnd mit Einzelwerken und Serien bestellt ergeben die beste Wirkung. Der Grundsatz kann nicht oft genug wiederholt werden: Nicht eine Auslage, ein Nebeneinander von Büchern darf der Sortimenter bieten, sondern jedes Buch sei gleichzeitig architek tonisches Element. Das Wichtigste im modernen Fenster aber sind — das haben andere Branchen schon lange erkannt — nicht die Waren selbst, sondern die Zwischenräume, Lust und Hintergrund. Erst sie lassen das Buch klar hervortreten. Sie bannen die Auf merksamkeit. Ist der ganze Boden mit Werken bedeckt, so wird die Zahl der optischen Eindrücke so groß, daß der Beobachter sich nur abgestoßen und beunruhigt fühlt. Liegen zehn Bücher dichtgedrängt aneinander, so sieht man keines eindringlich. Werden drei Bücher in geschmackvoller Anordnung geboten, jedes in ein eigenes Zentrum gestellt, so wird die Aufmerksamkeit eine größere sein und der ge schäftliche Erfolg ein besserer. Bis zu äußerster Konsequenz trieb vor kurzem eine Berliner Handlung dieses Prinzip und bis zu ver blüffendster Wirkungsstärke. Als Remarques Buch »Im Westen nichts Neues« erschienen war, stellte sie ein einziges Exemplar vor schwarzem Hintergrund ins Fenster. Die Macht des Raumes war eine so intensive, daß dies einsame Buch einen jeden ergriff. Hier war durch »nichts« mehr erreicht als durch Stapel unü mannigfachste Dekorationen. Dies ist der Triumph der Sachlichkeit; nicht Bei werk und überladene Aufmachung zieht die Menge an, sondern das Ding selbst, so wie es ist, propagiert sich, wenn es nur Gelegenheit hat, plastisch hervorzutreten. Den Schaufensterinhalt — wenn auch nicht die äußere Form der Front — wird der Sortimenter leicht in modernerem Geiste umgestalten können. Wenn er sich Beschränkung auferlegt und nicht den geschäftlich-falschen Ehrgeiz hat, sein ganzes Lager an Novitäten in der Auslage vorzuführen, ist manches schon gewonnen. Ein Wandel muß auch mit dem Verkaufslokal selbst vor sich gehen. Moderne Läden wirken dadurch schon, daß sie bei aller Nüch ternheit und Kühle den Geboten der Praxis vollendet gerecht wer den. Auch hier kann der Warenhandel dem Sortiment Vorbild werden. Die Wirkung der neuen Architektur basiert auf der Weite des Raumes. Das Sortiment besitzt nicht die Leistungsfähigkeit, große und weite Läden zu halten. Die Mieten sind zu hoch und die Ren tabilität des Buchgeschäfts zu gering. Der Durchschnitts-Buchladen ist im Platze beschränkt. Er hat sich mit diesem Schicksal, das in der Eigenart seines Betriebes begründet ist, abzufinden. Trotzdem mutz versucht werden, Platz zu schaffen und die Forderungen zeitgemäßer Ladengestaltung zu erfüllen. Die modernen Läden wollen dem Kunden nicht zuletzt ein ange nehmer Aufenthaltsraum sein. Das Sortiment der Gegenwart hat im engen Rahmen, der ihm bleibt, ein gleiches zu erstreben. Vorläufig er füllt der Buchladen diese Forderung nur in seltenen Fällen. Er ist meist Lagerstätte für Bücher, überfüllt und übersättigt mit Werken neuer und alter Literatur. Regale werden bis oben hin besetzt. Auf Tischen sind die Novitäten gestapelt. Kein freier Platz ist zu sehen. Man fühlt sich beengt von der Fülle der Bücher. Für Bequem lichkeit des Kunden ist selten gesorgt. Kaum gibt es einen Stuhl, auf dem man sich niederlassen kann zu geruhlicher Durchsicht der Werke. Allerdings erwartet, wer ins Sortiment kommt, Bücher. Der Käufer ist erfreut, große Auswahl zu finden. Aber der moderne Mensch verlangt auch freien Raum, Bequemlichkeit und Abwechslung. (Hier muß Abhilfe geschaffen werden.) In früherer Zeit war es der Stolz des Sortiments, ein Lager zu haben. Der Vorrat gab eine solide Grundlage und konnte manchen Gelegenheitswunsch befriedigen. Heute stellt das Lager ein totes oder 552 zumindest schwerbedrohtes Kapital dar. Das Publikum kauft Novi täten. Was vor wenigen Monaten publiziert wurde, ist nicht mehr aktuell. Es wird kaum noch gefragt. So bedauerlich diese Ge schmacksrichtung der Leser ist — der Buchhändler wird sie schwerlich zu ändern vermögen. Er muß zu eigenem Vorteil das Entstehen eines zu großen Lagers vermeiden und ältere Bestände abstoßen. Der Raum, der hierdurch gewonnen wird, ist rentabler. Er macht es möglich, die Auslage zu entlasten. Die Tische im Sortiment dürfen nicht monoton Stapel neben Stapel aufweisen. Hier ist eine Abwechslung zu schaffen durch freies Anordnen — durch leere Stellen oder Zwischenräume, die einmal etwas anderes zeigen als Bücher. Dadurch gerade wird die Auf merksamkeit der Käufer ausgeruht und gesteigert wieder zu den Werken der Literatur geführt. Auch durch die Anordnung der Regale kann manches gewonnen werden. Auch sie dürfen heute keinesfalls den ganzen Raum aus füllen. Es bedrückt den Kunden, wenn er ins Sortiment tritt und nur Bücher sieht. Gewisse Wandpartien müssen frei bleiben. Sie können mit Bildern geschmückt sein oder auch rein als Ruhepunkte wirken. Einzelregale statt der einheitlichen Wandständer geben gleich zeitig Gelegenheit, die Werke nach Literaturgruppen zu ordnen und den Raum günstig auszuwerten. Das Bild des Buchladens wird lebendiger. Außerdem ergibt sich dem Kunden Gelegenheit zu rascher Orientierung. Der Käufer fordert das heute. Er will nicht lange suchen und herumfragen, sondern sogleich Werke seines Interessen gebietes zusammenfinden. Die Auslagen müssen deshalb wie die Regale spezialisiert werden. Gerade die Unzahl der Werke verlangt nach klarer Übersicht. Es ist eine Form der Sachlichkeit, die hier Einzug halten muß. Jede Verwischung von Grenzen bedeutet Zeit verlust und damit Verminderung der Verkaufschance. Vor allem ist es wichtig, daß dem Kunden Gelegenheit gegeben wird, sich selbst zu orientieren. In Amerika weiß jeder Kunde, wohin er zu gehen hat, wo er findet, was er braucht. Ein Teil solcher Sachlichkeit täte auch dem deutschen Buchladen not. Der Käufer wäre dann nicht mehr nur auf den Sortimenter angewiesen, der oftmals gar nicht helfen kann. Es wäre die Möglichkeit gegeben, dem Buche selbst oder gewissen Buchgruppen direkt gegenüberzutreten. Die An ordnung der Regale kann ausschlaggebend sein für die Wirkung des Raumes und damit für die Wiederkehr des Kunden. Vor allem ist es wichtig, heute, in einer Zeit, die den Ruf vom Dienst am Käufer zu ihrem Schlagwort erkoren hat, auch für die Bequemlichkeit — nicht nur die Bequemlichkeit des Geistes: rasche Orientierungsmöglichkeit —, sondern für die Bequemlichkeit auch des Körpers zu sorgen. Gerade für den Buchhändler ist dieser Ge sichtspunkt außerordentlich wichtig. Der Sortimenter muß alles daran setzen, im Laden eine Atmo sphäre zu schaffen, die dem Buchkauf günstig ist. Es muß Gelegen heit sein, ein Buch zu finden, und dann, auch es wenigstens ober flächlich kennen zu lernen. Wer Dinge des täglichen Bedarfs kauft, kann sich von ihrer Qualität und Eigenart durch den Augenschein überzeugen. So offen liegt das Buch nicht da. Es ist zunächst Ding, und langsam nur findet der Kunde den Weg von außen nach innen. Jedem Buchkauf geht ein komplizierter Erkenntnisprozeß vorauf — wenigstens bei dem denkenden Leser. Sind die modernen Geschäftsbauten ganz auf Licht und Helle eingestellt, um die Ware sichtbar zu machen, so muß der moderne Buchladen das entsprechende Milieu schaffen, das Wert und Wesen eines Werkes gut erkennbar werden läßt. Die Sortimenter des 18. Jahrhunderts wußten ihre Läden zu Lesekabinetten umzugestalten, in denen sich zu zwang loser Lektüre alle Literaturfreunde zusammenfanden. Da standen Stühle in jeder Ecke, die zu geruhlicher, erster Lektüre einluden. Durch eine sachliche, scheinbar ungeschäftliche Atmosphäre gerade wurde die Kauflust gesteigert, weil sie organisch sich entwickeln konnte. Der Geist fand sich ungezwungen zum Geiste, der Mensch wahlver wandt zum Buche. Etwas ähnliches muß wieder gewonnen werden. Der klardisponierte Raum darf bei aller Kühle Bequemlichkeit nicht vermissen lassen. Der Kunde mutz ein gewisses Heimatgefühl be kommen und Gelegenheit haben, sich für einige Zeit jenseits all täglicher Hast niederzulassen. Die Modernisierung des Sortiments, die Gestaltung nach sach lichen und psychologischen Gesichtspunkten kann also mit einfachsten Mitteln begonnen werden. Zunächst ist Raum zu schaffen und ein Milieu, das unbelastet, klar und einladend wirkt. Wenn der Sorti menter es versteht, durch günstige Anordnung der Regale, durch Verzicht auf jede Überladung von Tisch und Fenster modernem Geiste Eingang zu verschaffen, so wird er auf die architektonische Umgestaltung seines Ladens verzichten können.
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