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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 11.11.1922
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- 1922-11-11
- Erscheinungsdatum
- 11.11.1922
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- Deutsch
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Oie neuen Lausbubenaeschichten kurzsichtigen Kleinpusch auf grausame Weise. Dieser jedoch ignorierte jedes Revanche-Gelüst und stellte sich harmlos. ...Einer, dem aus völlig unerklärbarcm Grunde eine Strafstunde zndiktiert worden war, begann während eines Extemporales mit fal scher Begeisterung und echtem Tenor die Marseillaise zu singen, da er genau wußte, wie inbrünstig der griechische Lehrer alles Welsche haßte. Ein paar übermütige, die stets zu Schabernack aufgelegt waren, stimmten aus vollem Halse in das gesteilte Lied ein, und nach und nach ließ sich die ganze Klasse Hinreißen und brüllte mit. Das Schweinchen wagte nicht, zu unterbrechen; als aber die erste Strophe beendet war, erhob er sich von seinem Stuhle und rief, un angenehm berührt und interpellierend: »Singen Sie doch was anderes, wenn sie sin gen wollen, aber nicht dieses abscheuliche Lied!« Oh, er war gut erzogen. — — Ein andermal, wir waren alte, große Bengel und hatten noch zwei Jahre bis zum Abitur, ein andermal hatte einer der fälsch licherweise Bestraften vier leere Konservenbüchsen unter allgemeinem Halloh am Stuhle des Lehrers befestigt — an jedem Bein eine. Aber wie durch ein Wunder: Kleinpusch nahm die ganze Stunde über nicht ein einziges Mal Platz und vereitelte solchermaßen das Gelingen des entzückenden Planes. Wir brannten darauf, das Schweinchen den Stuhl unter dem Pulte hervorziehen zu sehen, damit die Büchsen zur ersehnten Wirkung kämen; setzten alle Hebel in Bewegung, den Lehrer zum Platznehmen zu veranlassen. Vergebens. Kurz bevor die Stunde schloß, rief einer wie in Verzweiflung: »Schweinchen, setz dich doch endlich!« Er flehte förmlich. Das Schweinchen war aber weit davon entfernt, sich zu setzen — — cs mußte irgendwie Lunte gerochen haben und erst als ge läutet und die Stunde offiziell beendet worden war, sprach er unsicher in die Klasse hinein: »Nicht .Schweinchen'! — Das i st häßlich. — Früher hieß ich doch wenig st cns ,Das Radieschen' . . . « Hierauf stürzte er eiligst hinaus. Ein Brüller folgte. Berechtigt oder nicht? Wir haben nie danach gefragt. Wir haben gebrüllt, um zu brül len; selten, um zu ärgern. Die griechischen Stunden waren aber auch — beim Styx! — zu ledern. Jux ward getrieben, mußte getrieben werde», damit man vor Langerweile nicht zugrunde ging. Die albernsten Dinge tauchten ans Licht. Eines Nachmittags saß die Obersekunda vom Primus bis zum Ultimus mit Hüten auf dem Kopfe da. Die Wirkung war monumental, aber das Schweinchen schien nichts zu bemerken. Bis auf den heutigen Tag bin ich mir nicht im klaren darüber, ob es tatsächlich nichts sah, oder ob es bloß nichts sehen wollte. . . . Einem, der ständig Zngsticfel mit Schnallen trug, wurden in einer tödlich lahmen Stunde von Hintermann und Nachbarn die Stiefel ausgczogen. Diese traten dann die Wanderung an durch die Klasse. Unvermutet erschiene» sie über den Bänken und verschwanden wieder. Ihr Eigentümer lebte in Sorgen. Was sich an Gerümpel und Abfall unter den Bänken vorfaud, wurde hineingestvpft. Als der Jüngling mit den Zugstiefeln ohne Zugsticfel aufgerufen wurde, stieg er unhörbar, auf leisen Sohlen, aus der Bank und er ledigte seine Lektion in Socken. Der Feudentumult war groß gar, als der Klassenletzte den einen Stiefel in wildem Triumph hoch in den Lüften schwang, kannte die Ausgelassenheit keine Grenzen mehr. Kleinpnsch ignorierte derartiges. ... Oft gab er Strafarbeiten auf, die er sich am folgenden Tage nach Schluß der Stunde aufsagen ließ. Das ging in der Weise vor sich, daß der betreffende Betroffene mit zwei Exemplaren jenes Buches, worinuen das auswendig zu Lernende enthalten war, antrat, das eine Exemplar dem Professor übergab, der gewissenhaft nachlas — die Nase dicht auf den Buchstaben —, und aus dem anderen las der Schüler selbst die Strafarbeit vor. Zum Auswendiglernen wären die Arbeiten zu lang gewesen; denn Kleinpusch gab erschrecklich viel auf. Ihm fehlte das Verständnis dafür, was ein Schüler an Haus arbeiten zu bewältigen imstande war. So erinnere ich mich, daß er uns einst von Sonnabend zu Montag ein Stück Euripides ins Deutsche übersetzen lassen wollte, das minde stens sechs Druckseiten umfing. Ein handfester Brüller war die Antwort. Es mochte ihm cinleuchten, daß er uns ein allzu reichliches Pen sum zugemutet hatte, und er bestimmte, die erste Hälfte sei am nächsten Montag, die zweite am übernächsten zu liefern. Koch besaß die Dreistigkeit, am Montag, wo die erste Hälfte fällig war, sage und schreibe einen einzigen Satz als Skriptum ab zugeben. Als wir am Mittwoch die Hefte korrigiert zurückerhielten, fragte Klcinpusch gereizt, wie Koch zu solcher Unverschämtheit käme. Der verteidigte sich, indem er vorbrachte, es sei ja nur die Hälfte verlangt gewesen. »Na, und?« forschte Kleinpusch — im unklaren, wo Koch hinaus wollte. »Ich Hab' ein schlechtes Augenmaß, Herr Profes sor!« schloß der seine Rede. Kleinpusch, seine Wohlerzogenheit vergessend, hieß ihn einen »bodenlosen Affen« und gab den ganzen Abschnitt als Strafarbeit für den Donnerstag auswendig zu lernen. Außerdem sollte Koch die erste Hälfte bis zum selben Tage schrift lich nachholen. Er schrieb sie — korrigiert — von seinem Nebenmanne ab und machte vier Fehler hinein, damit der Schwindel nicht ausfalle, und die Strafarbeit? Grämte ihn wenig. Die Technik war geläufig. * Aus dem soeben erscheinenden Werk: Das paukerbuch, Geschichten vom Gymnasium, von Hans Reimann. Das schönste Weihnachtsgeschenk für jeden Schüler und Erwachsenen. Brosch, ca. 2.—, geb ca. 3.—. li/10 mit 4l)o/g. Schlüsselzahl des B.-V. Auslieferung durch Carl Fr. Fleischer. Paul Steegemann Hannover. l^l Das paukerbuch von Hans Neimann
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