Oie neuen Lausbubengeschichten „Das Paukerbuch", Umschlagzeichnung von George Grosz Hans Reimann: Professor Kletnpusch Unser griechischer Lehrer hieß Kleinpusch, Professor Manfred Klcinpusch. Sein Spitzname war das »Schweinchen«. Seit Jahren trug er ihn; wir wußten nicht, weshalb. Wahr scheinlich hatte das Wort »Schweinchen« dereinst Gelegenheit geboten zu großem Spaße. Er stand schon hoch in den Jahren, sein rötlicher Schädel glänzte wie eine Billardkugel, aber sein grauer Bart wallte hinab bis über den dritten Westenknvpf. Die beiden unteren sah man stets offen. Er war von mittlerer Größe, trug jahraus, jahrein graue An züge und Schlipse von derselben Farbe.. Die Hosen waren stets zu kurz, weshalb er sie ziemlich weit hinunter ließ — so weit, daß das Gesäß bis in Höhe der Kniekehlen sank. Seine Stiesel knarrzten pathetisch, wenn er durch die Klasse schritt. Aber das ereignete sich selten; denn er fühlte sich auf dem Katheder geborgen wie in einer Festung und wagte sich nur in dringenden Fäl len in das verdächtige Tal der Schüler. So imposant das Schweinchen aussah mit seiner Denkerstirn und dem schütteren Wallbarte, so schüchtern und scheu mar er auch. Und er besaß einen seltsam ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Hatte er ein Versehen begangen oder irgendeine Torheit, so ließ er den unausbleiblichen Brüller, den die Klasse einstimmig ver anstaltete, ruhig über sich ergehen und steckte ihn ein wie eine Quit tung. Um so mehr geriet er in die Wolle, wenn ein unmotivierter Brüller die Langweiligkeit einer Stunde durchdonnerte. Tie Brüller bildeten unser beliebtestes Mittel, Mißfallen zu äußern. Ihr Vorteil war, daß sie den Lehrer kränkten und dabei außerstand setzten, von seiner Exekutiv-Gewalt Gebrauch zu machen, wirkte doch die gesamte Schülerzahl daran mit. Wenn also Strafe ver hängt werden sollte, so war sie über alle zu verhängen, über einen wie den andern. Kleinpusch ließ jeden berechtigten Brüller über sich erbrausen; darin war er sehr vernünftig. Auch war ihm Höflichkeit nicht abzusprechen und eine erkleckliche Dosis netter Manieren, sofern man darüber hinwegsehen will, daß er sich während schriftlicher Arbeiten ununterbrochen die Nase auf das sorgfältigste zu putzen und die Gelehrten-Ohren von überflüssigem Schmalz zu säubern pflegte. Vermöge einer kleinkalibrigen Locken nadel, deren amouröser Ursprung in Kleinpuschs Studentenjahren ver ankert lag. Aber er war ganz höflich. Als er einmal mitten im Unterrichte tüchtig niesen mußte, rief einer laut und herzlich: »Pröstchcn, Herr Professor!« Kleinpusch schrieb den Aberwitzigen nicht ins Klassenbuch, obwohl er ihn an der Stimme erkannt hatte, sondern erwiderte: »Ich danke schön. Aber das nächste Mal verbitt' ich mir das!« , An der Stimme erkannt hatte, sagte ich. Ja; denn Klein pusch sah miserabel. Er trug zwei Brillen übereinander und setzte beim Lesen oben drein einen Zwicker auf die Nase. Dies verlieh ihm ein grimmiges und scharfrichterlich-abschrecken des Aussehen. Aber es war nicht weit damit her. Wer das Schweinchen ohne seine Brillen betrachtet hatte — er setzte sie bisweilen ab, um den Schweiß der Finger von ihnen zu wischen —, der wußte genug. Ohne Brillen sah er aus wie ein Schnürstiefel ohne Senkel: un vollständig, harmlos, friedsam, unbedeutend. Seine hin und wieder ausbrechende Strenge und Bestrafungswut ist durch Gutmütigkeit zureichend erklärt: das Schweinchen wollte sich den Anschein geben, als sei mit ihm nicht gut Kirschen essen, und statuierte des öfteren ein Exempcl. Meist an Unschuldigen, die sich den Kops zerbrachen, warum gerade sie gepackt wurden. Diese unschuldig Betroffenen rächten sich mitunter, mit dem so genannten Ehrgefühl im Leibe, in tückischer Weise und foppten den Das paukerbuch von Hans Reimann