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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 28.01.1911
- Strukturtyp
- Ausgabe
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- 1911-01-28
- Erscheinungsdatum
- 28.01.1911
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- Deutsch
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1168 Börsenblatt f. d. Dtschn. Buchhandel. Nichtamtlicher Teil. ^ 23. 28. Januar 1911. mit leichter, aber nicht freier Leihgelegenheit. Infolge der glänzenden Entwicklung seiner Bibliotheken, die für alle wissen schaftlichen Bedürfnisse sorgen; infolge der ähnlichen Entwicklung oer technischen und Handelsschulen, die den industriellen und kommerziellen Bedürfnissen entgegenkommen, infolge des Klassen- geistes, der gewissen Studien einen honorigen Charakter vorbehält und die anderen an die Volksbibliotheken verweist (Morel S. 103), kann Deutschland sich in dieser Beziehung getrost mit England messen.« Ein hervorstechender Punkt bei den deutschen Bibliotheken ist der, daß man Bücher leiht. Das Ausleihen ist bedeutend mehr in Anwendung als das Lesen am Platze. Wünscht ein Gelehrter, gleichviel an welchem Orte, ein Werk längere Zeit zu studieren, so findet er bei der Auskunftstelle in Berlin und bei den sich gegenseitig ergänzenden Bibliotheken ganz Deutschlands jede mög liche Erleichterung beim Entleihen. Das moderne Deutschland, das Deutschland der Handels schulen und technischen Schulen, das Deutschland, das in der an gewandten Chemie und Physik so sehr hervorragt, hat erkannt, was die englisch-amerikanische krss librurz' zu bedeuten hat. So bald der Deutsche aber etwas sieht (sagt Morel S. 105), ahmt er nach. Aber er regelt und vervollkommnet auch. Heute eröffnet also Deutschland, meint Morel, freie Biblio theken, denen noch der hierarchische und kassifikatorische Geist aus geprägt ist. An Kraft dazu fehlt es in Germanien nicht. Die Aufgabe ist übrigens nicht so groß wie in Frankreich, da Deutsch land schon dreißig große Bibliotheken hat und die Leichtigkeit des Entleihens, z. B. in Berlin, von der Mühe des Lesens an Ort und Stelle beinahe enthebt. Für die Studenten, Professoren und wissenschaftlich Tätigen, die überall in Deutschland großartig be dient werden, ist durch die ausgezeichnete Organisation der Uni versitäten, technischen Hochschulen usw. bezüglich der wissenschaft lichen Lektüre vorzüglich gesorgt. Bleibt das Volk. In Deutschland ist das Volk Volk und nicht die Nations Morel S. 105.). Strenge Hierarchie, man vermischt sich nicht. Deutschland wird ohne Zweifel, wie Morel vermutet, das letzte zivilisierte Land sein, — wenn es nicht Frankreich ist — das freie Bibliotheken haben wird. Aber Deutschland weiß es, der Mavgel ist nicht vergebens hervorgehoben worden; man macht also in ganz Deutschland öffentliche Bibliotheken auf. Das Wort »Bibliothek« wird aber nach Morel als Privileg der Doktorklaffe reserviert. Das Volk muß sich mit einer Bücherei, mit einer Lesehalle begnügen. Diesen und anderen für Deutschland nicht ganz unrühmlichen Ausführungen läßt Eugen Morel Mitteilungen über verschiedene deutsche Volksbibliotheken und Lesehallen folgen, worunter sich auch die Büchereien der »alten französischen Stadt Straßburg« befinden. Wenn in Deutschland, wo die Gelehrsam keit und der Buchhandel so hoch entwickelt sind, die volkstümlichen Büchereien nicht den glänzenden Anstrich haben wie in England, so liegt dies, wie Morel richtig bemerkt, an den billigen und guten deutschen Büchern, an den reichlich vorhandenen prächtigen Biblio theken in vielen großen und kleinen Städten, von denen dreißig deutsche aus drei französische kommen, an dem Bestehen unzäh liger Gesellschaften, die unter Mitgliedern und Nichtmitgliedern Bücher verbreiten, und an vielen anderen Gründen, die die Er richtung von öffentlichen Bibliotheken nicht so dringend er scheinen lassen wie in den neuen Städten in den Wüsten Amerikas. Das dritte Kapitel der Morelschen lübruiris xudligue ist der Bibliothek in Verbindung mit der Unterrichtsmethode gewidmet. Das Kapitel ist sehr interessant. Der Unterricht der Jugend durch die Bibliothek hat in Deutschland allerdings nicht die Wichtigkeit, die er in Amerika gewonnen hat. Daß sich aus den Abteilungen für Jugendliche in den Bibliotheken ein allgemeines Unter richtssystem wie in Amerika entwickeln wird, ist in Deutschland vorerst wohl nicht zu erwarten. Wenn Morel die Nützlichkeit der Büchereien als Unterrichtsmittel unterstreicht, so unterläßt er nicht, auf zwei Einwände hinzuweisen, die manchen Gutgesinnten davon abhalten können, sich für Bibliotheken zu interessieren. Der erste Einwand betrifft den Mißbrauch des Buches. Unser Wissen ist schon viel zu viel Buchwissen. Alle die Kinder, die nur aus Büchern gelernt haben, wissen nichts. Der zweite Einwand ist die Zerstreuung. Zehn Bände werden durch- flogen, aber kein einziger wird gründlich studiert. Morel hält diese Einwände für unbegründet, gibt aber zu, daß im zweiten tatsächlich eine Gefahr liegen kann. Was Morel über die Wahl der Lektüre durch das Kind selbst, über die Einrichtungen und Maßnahmen der Bibliotheken zu unterrichtlichen oder erzieherischen Zwecken für das Kind sagt, wird in den Kreisen deutscher Biblio thekare, Pädagogen und Eltern äußerst wenig Zustimmung finden- Den französischen Bibliotheken widmet Morel das fünfte Kapitel seines Buches. Wir haben keine Bibliotheken in Frank reich, hatte Morel behauptet. Belehrt, sagte er: wir haben zu viel davon. Und um nicht mißverstanden zu werden, änderte er das Wort und sagt jetzt: Frankreich hat keine öffentliche Bücherei (lübrairis publigus Morelschen Stils, S. 141). Frankreich hat einige Elemente der öffentlichen Bücherei, behauptet Morel, die aber sehr zerstreut, ohne Zusammenhang, embryonal, unausgenützt sind . . . andere Elemente fehlen völlig; das Ganze existiert bis heute nicht. Die Elemente sind: Zeitungen und Zeitschriften, Bücherverleihung, rsksrsnos: das, was man in Frankreich Lese saal nennt; ein Hauptzubehör ist der Lesesaal für Kinder. Was hat Frankreich nach Morel? Journale? Absolut nichts der gleichen in Frankreich. Die Cafes, oder die zuvorkommenden Kauf leute . . . Der Saal des großen Hotels? Die Bücherverleihung? Gibt es in Frankreich, aber in rudimentärem Zustande. Von einem Lesesaal kann nicht die Rede sein, weil man im Lesesaal nicht liest, höchstens kostbare Werke, die nicht verliehen werden und nur im Lesesaal einzusehen sind. Neun Zehntel der gelesenen Bücher werden entliehen und zu Hause gelesen. Alte oder seltene, rein wissenschaftliche Bücher gibt es in den französischen Biblio theken im Überfluß. Die Summen für den Bücherankauf der französischen Bibliotheken sind lächerlich gering, die modernen nichtfranzösischen Bücher fehlen sogar in der Nationalbibliothek, in der Universitätsbibliothek in Paris. Der Unzulänglichkeit der französischen Bibliotheken als solchen hat Morel den ersten Band seines vor zwei Jahren erschienenen Werkes (Uidiiotbsgues, 2 vols. Llsreurs äs I'ianos) gewidmet. Die einzige Pariser Bibliothek, die einen schwachen Begriff von dem Leben und den Aufgaben einer wirklichen öffentlichen Bibliothek geben kann, ist die Nationalbibliothek. Dies ist aber gar nicht ihre Aufgabe; sie soll ihre Bücherbestände nicht durch den fortwährenden Gebrauch des Publikums aufzehren, sondern sie erhalten; sie ist gar nicht darauf eingerichtet, dem großen Publikum, dem ersten besten über irgend etwas sofort Auskunft zu geben. Dazu sind auch ihre Räume zu beschränkt, wenngleich man daran ist, einen Saal für die Öffentlichkeit zu bauen, der acht Millionen kosten soll. Die Nationalbibliothek ist aber die leibhaftige Demonstration für die Notwendigkeit einer großen öffentlichen Bibliothek in Paris, deren Aufgaben die National bibliothek nicht erfüllen kann. Die Abnützung ihrer Bücherschätze, deren sich eine freie öffentliche Bibliothek rühmen dürfte, ist für die Nationalbibliothek eine Gefahr. Sie ist jetzt ohnehin schon zu sehr eine Volksbibliothek. Da sie bei allen Lücken einspringen muß, die sich bei der Universitätsbibliothek, bei den Pariser städtischen Bibliotheken, bei den Bibliotheken der Mädchenlyzeen, bei den Bedürfnissen der Zeitungen, die sich keinen großen Larousse leisten können usw. usw, hat sie oft genug nicht einmal Platz für fremde Gelehrte, die von weither gekommen sind, um Studien zu betreiben, die sie nur in der Nationalbibliothek machen können. An sonstigen Staatsbibliotheken sind in Paris zu nennen die Universitätsbibliothek, hauptsächlich deren erste Sektion, die Bibliothek der Sorbonne; die Bibliothek des Arsenals; die Bibliothek Mazarin; die Bibliothek Sainte-Genevisve. Geben diese Bibliotheken, fragt Morel, wenn »sie sich verständigen«, wenigstens die Gewähr, daß man die Bücher erlangt, die man zu haben wünscht? Die in den Pariser Bibliotheken aufgestapelten Reichtümer sind nach Morel fast als die größten der Welt zu bezeichnen. Es sind alte Reichtümer, und es ist zu bedauern, daß sie nicht vermehrt, nicht auf dem Lausenden erhalten, nicht ver wertet werden. Paris und die Nationalbibliothek haben gegenwärtig beschämend niedrige Ankaufsbudgets. In ihrem modernen Teil ist die Nationalbibliothek nur eine Bibliothek zweiten Ranges und wird darin sogar von Straßburg übertroffen. Nicht zu sprechen von Rußland, fügt Morel hinzu, das mit französischem Gelbe seine Bibliotheken reicher ausstattet als Frankreich die seinigen. (Schluß folgt.)
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