Ottomar Enking üebMg Fahre Ottomar Enking wird am 28. September 19Z7 siebzig Jahre alt. Als Sohn eines holsteinischen Rektors und einer skandinavischen Mutter geboren, schon als Kind un endlich belesen, als Sekundaner zum Unwillen der Schule bereits aufgeführter Dichter eines Lieb habertheaters, studierte Enking zunächst Jura, dann Philosophie und Geschichte, wurde aber Schau spieler. Nach zwei Jahren ver ließ er die Bühne und gewann als Schriftleiter in Wismar einen tiefen Einblick in alle Schönhei ten, aber auch in alle Gefahren des deutschen Kleinstadtlebens. So entstand die „Familie P. C. Behm", die ihn berühmt machte. Aber wie schon Goethe darüber geklagt hat, daß sich das Publi kum niemals von dem Eindruck eines erfolgreichen Erst lings losreißt, sondern alles Spätere nach ihm beurteilt, so sah sich auch Enking zu seiner Verwunderung fortan einfach als Verherrliche«: der Kleinstadt bettachtet, die er niemals blind bewundert hat. Daß er vielmehr die Pro blematik der Kleinstadt tiefer erfaßt hat als irgendein deut scher Dichter vor ihm, ging schon aus der „Familie P. C. Behm" ebenso deutlich hervor wie aus vielen folgenden Werken. Auch blieb Enking gar nicht in der Kleinstadt, sondern verließ Wismar bereits 1904 und wurde Schriftsteller in Dresden. Dort erhielt er einen Lehrauftrag für Litera turgeschichte an der Staatlichen Akademie für Kunstgewerbe und hat als Mann vom Bau jahr zehntelang die empfängliche Ju gend in die Schönheiten der deut schen Dichtung eingeführt. Kei nen Augenblick aber rastete sein Schaffen. Gerade durch die be rufliche Beschäftigung mit den Meisterwerken der anderen wurde der Dichter Enking zu immer höhe ren Leistungen angespornt. Vor dem Epigonentum sicherte ihn der glückliche Umstand, daß er erst zu lehre» begann, als er seinen eigenen Stil schon gefunden hatte. Wohl aber ist das Schaffen des Meisters auf diesem Wege immer reifer, ruhiger und abgeklärter geworden. Er ringt nicht mehr um die vollendete Leistung, sondern sie ist ihm zur Selbstverständlichkeit geworden. F.W. Hendel Verlag zu Meersburg am Bodensee und Leipzig 4006 Nr. 220 Donnerstag, öen 23. September 1937