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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 10.04.1911
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- 1911-04-10
- Erscheinungsdatum
- 10.04.1911
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Nichtamtlicher Teil. ^ 83, 10 April 1911. Nichtamtlicher Teil. Verleger und Dichter. Von A. Rutari, London. Als neulich das Jubiläum des Teubnerschen Verlages festlich begangen wurde, mußte ich einer Stelle im großen Lesc- faal des Britischen Museums gedenken, auf der mein Auge stets mit besonderem Hochgefühl weilt. Es ist jenes Bücher gestell, auf dem dicht nebeneinandergereiht Hunderte von gleichgebundenen Büchern in Quartformat stehen, ein jedes von ihnen mit dem Vermerk auf dem Titelblatte: Sumxtibns st t/xis 8. 6. Isnbnsri. Sind es doch die mustergültigen Textausgaben der griechischen und römischen Klassiker, die deutscher Gelehrtenfleitz erforscht und deutscher Verlegermut herausgegeben hat. Und was auch die großen Pressen der alten englischen Universitätsstädte Schönes gezeitigt haben, aus diesem Gebiete hat ihnen das Vaterland den Rang abgelaufen. Während an der Pleiße Könige und Fürsten durch eigene Abgesandte dem Teubnerschen Hause ihre Glück wünsche überbrachten, stand ich andächtig vor diesem Schrein, auf dessen Regalen ein Teil dessen aufgereiht steht, was dre Firma in jahrzehntelangem Schaffen zum Nutzen der Forschenden ans Licht geschürft hatte, und freute mich, daß es auch an der Themse einen Platz gebe, wo, wenn auch in aller Stille, deutscher Arbeit Ehre erwiesen werde. Und da sagen die Brüder Goncourt in ihrem Tage buche, daß es unglaublich wäre, wie beschränkt just die Leute seien, die mit dem Herausbringen der Geistesprodukte zu tun haben. Mag sein, daß sie damit auf die Jrr- tümer Hinweisen wollten, in die so mancher Verleger ge fallen, als ihm das Werk eines Neulings in der Lite ratur angeboren wurde dessen Wert er nicht zu er kennen vermochte. So etwas ist oft genug vorgekommen: Milton mußte schließlich froh sein, daß er fünf Pfund für das Verlorene Paradies bekam. Goldsmith saß in der Haft des Gerichtsvollziehers, bis Doktor Johnson von einem be freundeten Buchhändler zurückkam, der ihm nur 60 Pfund für den Pfarrer von Wakefield gegeben hatte, und Jane Eyre wunderte von Verleger zu Verleger, bis endlich Smith Eider den Mut hatten, den Roman zu erwerben, der den Grundstock ihres Verlegerruhms bilden sollte. Indessen haben auch die Verleger gemeinsam mit fast allen ihren Zeitgenossen darin gefehlt, daß sie die ersten Strahlen eines ausgehenden Gestirns nicht sogleich gewürdigt haben, so müssen sie doch manch andere guten Eigenschaften besitzen. Byron liebte es, seinen Verleger Murray den »Ana; der Buchhändler» zu nennen, und solch ein Sohn des Himmels und der Erde muß am Ende jeder Verleger sein, will er anders sein Ge schäft gut versehen, das darin besteht, Himmelsgaben in irdische Werte umzusetzen. Die Lebensgeschichte dieses John Murray ist soeben in neuer, etwas gekürzter Ausgabe erschienen und deutet schon in ihrem Titel »ti. Lnblisbsr anä bis krisnäs« an, daß Verleger und Dichter sich nicht immer wie Katze und Maus gestanden haben. Wie es kaum anders sein konnte, enthält dieses Buch zugleich ein gut Stück Geschichte des englischen Buchhandels und des englischen Geisteslebens zur Zeit der ersten vierzig Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die großen britischen Verleger Con stable, Blackwood, Longmans spielen darin eine Rolle; den Namen Scott, Byron, Thomas Moore begegnet man an vielen Stellen. Was aber dem Buche seine besondere An ziehung verleiht und was es durch seinen erzieherischen Wert allen Lebensgeschichten bedeutender Menschen einreiht, ist das Bild John Murrays selber, wie es aus Briefen und geschäft lichen Papieren plastisch sich darstellt. John Murray -der Zweite» war noch ein Schuljunge als sein Vater starb, der sein Patent als Seeoffizier anfge- geben hatte, um Buchhändler zu werden. Im Jahre 1795 verließ er die Schule und übernahm, zunächst unter Leitung eines alten Teilhabers im väterlichen Geschäft, die Führung der Geschäfte in Flcetstrcet. War er, um den Goncourts recht zu geben, kein Sterndeuter, so besaß er doch Charakter. Das strikte Gefühl der Rechtlichkeit, das das Haus Murray seit einem Jahrhundert auszeichnet, kam schon damals zur Geltung; Murray, jung und ehrgeizig wie er war, schien nie darauf bedacht, einen Nebenbuhler auszustechen, sicher nicht, ihn zu übervorteilen. Als das große schottische Verlags haus der Constables Ursache hatte, über die Art, wie seine Interessen von den Londoner Vertretern, den Longmans, gewahrt wurden, Klage zu führen, und ihre Vertretung dem jungen Murray antrugen, griff dieser nicht gierig darnach, soviel ihm das auch an Ehre und Gewinn eintragen mußte, sondern bemühte sich ernstlich, zwischen den Hadernden zu vermitteln. Man kann diese ernsten, dringenden Briefe nicht ohne Bewunderung lesen; ein blutjunger Mensch schreibt da an ältere Leute, die im Geschäft, sowie im Leben so viel erfahrener sein mußten, als er. Was ihm die Sicherheit des Worts gibt, ist das lies ihm innewohnende Gefühl, recht zu handeln. Dx uvAne leonsm. Der Charakter ändert sich nicht. Das ist derselbe Geist, der uneigennützig Frieden stiften will, wo doch der Hader der Parteien sein eigener Vorteil wäre, der in der späteren Entwicklung seiner Lauf bahn durch seine Geradheit das Erstaunen der Welt erregte. Als ihm nach der Überführung des großen Korsen nach St. Helena geheime Korrespondenz mit Napoleon angeboten wurde, lehnte er den Verlag ab, weil er nicht wünschte, böses Blut zu machen. Ec wußte dabei sehr wohl, daß er damit aus ein glänzendes Geschäft verzichtete; gab doch der Fürst Lieven zehntausend Pfund allein, um die paar russischen Briefe zu sichern, die in der Korrespondenz enthalten waren. Nicht anders handelte er an jenem denkwürdigen 17. Mai 18Lt, als sich in seinem ckrarvinA-room in Albemarlestreet die An gehörigen der Familie Byron versammelten, um mit ihm über das Schicksal der Byronschen Memoiren zu ver handeln. Byron hatte diese nicht lange vor seinem Tode Moore eingehändigt: -Sieh her!« hatte er gesagt, »das ist etwas, wosiir Murray einen Batzen geben wird. Es ist nicht derart, daß es zu meinen Lebzeiten veröffentlicht werden kann, aber wenn ich kalt bin, magst du damit machen, was dir gutdünkt.» In der Tat hatte Moore das Manu skript an Murray verkauft und zweitausend Pfund dafür erhalten. Nun aber erhoben die Angehörigen Bedenken, sie fürchteten den Skandal, zu dem die Veröffentlichung ohne Frage Veranlassung geben würde. Die Verhand lung war lang und hitzig; zwischen zwei Freunden des Dichters, Thomas Moore und Hobhouse, kam es beinahe zu einer Forderung; Murray aber, nachdem er alle seine recht mäßigen Ansprüche aus das Manuskript und auch Moores Quittung sür die zweitausend Pfund vorgewiesen hatte, gab den Wünschen der Byronschen Familie nach. Er trat an den Kamin, in dem ein lustiges Kohlenfeuer brannte, und schleuderte das Manuskript hinein. Da verzehrten die Flammen, worauf kaum minder gierig dis Wißbegierde der ganzen Londoner Gesellschaft gerichtet war, und mit ihm ging ein hübsches Stückchen Verlegerspekulation in Rauch auf. Aber hat Murray auf ein gutes Geschäft verzichtet, so hat er durch Liese Handlung den Ruhm seines Hauses er höht, und in jeder Literaturgeschichte Englands spielt heute der Kamin in Murrays ckrarviv^-room, nicht selten sogar von einer Illustration begleitet, eine Rolle.
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