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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 05.06.1930
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- 1930-06-05
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- 05.06.1930
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128, 5, Juni 1930. Redaktioneller Teil. Börsenblatt f. d. Dtschn Buchhandel. Don der „Narrenbibel" und anderen Druckfehlerbibeln. Von Oberbibliothekar vr. Heinrich Schneider in Lübeck. Unter der sogenannten »Narrenbibel« versteht man bekanntlich einen Bibeldruck, der nach einer gewissen Überlieferung im 16. Jahrhundert entstanden sein und 1. Buch Mosis Kap. 3, V. 16 den böswilligen Druckfehler »er soll dein Na —rr sein« statt »er soll dein He — rr sein« getragen haben soll. Über die neueren Nachforschungen nach dieser Bibel hat zuletzt der kürzlich verstorbene Professor Otto Zaretzky in Köln, der sich schon früher eingehend mit dieser buchgeschichtlichen Merkwürdigkeit beschäftigt hatte, in der »Zeitschrift für Bücherfreunde« berichtet*). Er konnte dabei der von mir vertretenen Auffassung beipflicht§n, nach der jener Druck niemals existiert hat, und die Geschichte von der Narrenbibel also zu den Büchersagen gehört. Nach meinen Untersuchungen verdankt die Sage einer Glosse in der Lübecker Bibel von 1494 ihren Ur sprung-). Als dieses Ergebnis erstmals der Öffentlichkeit unterbreitet wurde, rechnete ich vor allem auch auf Ergänzungen, die meine Dar legungen weiter stützen oder vielleicht angreifen würden. Bisher sind mir jedoch nur allgemeine Zustimmungen und keine derartigen Nachträge zur Geschichte der Narrenbibelsage bekannt geworden. Nur der Direktor der Universitäts-Bibliothek in Nancy, vr. Alois Kolb, hat in einer Besprechung meiner Arbeit in der »lisvue äss LibliotdequeL«, ^nntze 37 (1927), p. 48, und später freundlicherweise auch brieflich einigen Einwänden Ausdruck gegeben^). Er ist der Meinung, das; gewisse sprachliche Gründe der Behauptung entgegen ständen, die Narrenbibel bedeute letzten Endes nichts anderes als eine »närrische« Bibel, »un emplaire eurieux pur un qusleonque«. Es will ihm nicht recht einleuchten, daß man die wegen der in Frage stehenden Stelle tatsächlich merkwürdige Lübecker Bibel (dort »dich oft zu peinigen und zu schlagen«) »Nar- ren«-Bibel genannt habe. Wenn das Wort »Narr« nicht an der betreffenden Stelle stehe, wäre man wohl zu einer merkwürdigen, sonderbaren u. dgl. Bibel gekommen, nicht aber zu einer wirk lichen »N a r r e n bibel«. Weiter ist vr. Kolb der Ansicht, daß es notwendig sei, noch zu beweisen, wo Lessing, der dem Schauspieler Müller die Geschichte von der Narrenbibel erstmals erzählte, die Kenntnis dieser Sage hergehabt habe, wenn in der Wolfenbütteler Bibliothek eine wirkliche Narrenbibel fehlte*). Demnach sei noch offen, ob in der Literatur die Sage nicht schon vor Müller ihren Niederschlag gefunden habe. Außerdem sei es ja nicht ausgeschlossen, daß das Exemplar der Wolfenbütteler Bibliothek durch seine be sondere Merkwürdigkeit auch ein besonderes Geschick gehabt haben könne und vielleicht früh auf irgendeine Weise (»vielleicht durch Verfügung des herzoglichen Besitzers«) herausgenommen worden sei. Schließlich betont er, daß selbstverständlich die ganze Überlieferung nur an die Lutherübersetzung, nicht aber an die ältere nieder deutsche Übertragung angeknüpft werden könne. Nicht nur diese Bedenken, sondern auch einige Feststellungen, die ich inzwischen selbst zur Uberlieferungsgeschichte noch machen konnte, scheinen mir wichtig genug, hier in einem Nachtrag zu meinen ersten Ausführungen das Problem noch einmal anzuschneiden. Vor allem ist es mir gelungen, die Überlieferung der Sage durch Ermittlung früherer Erwähnungen weiter nach rückwärts zu verfolgen. Die Entwicklung der Tradition war von mir als verhältnismäßig sehr jung bezeichnet worden, denn der früheste Bericht über die Narrenbibel, der mir zunächst bekannt geworden war, geht auf den Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Aus einigen weiteren, mir jetzt vorliegenden Erwähnungen der Narrenbibel in Werken aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts ist es möglich, den Anfang der Traditionsgeschichte um fast hundert Jahre zurückzu rücken. Der in diesem Zusammenhang bedeutungsvollste Hinweis auf die Narrenbibel wird in zwei von einander abhängigen Erzählun gen gegeben, die von einer anderen Druckfehlerbibel berichten und vergleichsweise die Narrenbibelgeschichte heranziehen. Da solche anderen, noch heute nachweisbaren Bibeldrucke mit Druckfehlern hier anschließend betrachtet werden sollen, sei zunächst von dem *) Otto Zaretzky, Das Rätsel der Narrenbibel. In: Zs. f. Bücher freunde, N. F. Bd. 19 (1927) S. 79/80. 2) Heinrich Schneider, Die Lübecker Bibel von 1494 und die »Narrenbibel«. In: Bücherei und Gemeinsinn, Hrsg. v. Willy Pieth, Lübeck 1926, S. 114 ff. u. Börsenbl. f. d. Deutsch. Buchhandel, Mittlgn aus d. Antiquariat, Nr. 266, v. 15. Nov. 1926. 2) Auch an dieser Stelle danke ich Herrn Or. Kolb für seine wertvollen Auskünfte. *) Vgl. meinen Aufsatz über die Lübecker Bibel, a. a. O. S. 117. Hauptbericht mit einer größeren Ausführlichkeit ausgegangen. In seiner Lübecker Kirchen-Historie erzählt Caspar Heinrich Starck bei dem Bericht über die Berufung des 0. Nicolaus Hunnius in das Pastorat an St. Marien zu Lübeck folgendes^): Die eigentliche Ursache, warum Hunnius von Wittenberg nach Lübeck gegangen sei, führe der vormalige Oberhofprediger und Kirchenrat zu Gotha Johann Heinrich Feustking »einem gewissen, recht sonderbahren und merkwürdigem Zufalle zu, der eapable sey, auch das allerreineste Gewissen eines Theologi zu betrüben ... Es wurde Anno 1623 eine Deutsche Bibel in der Schurerischen Buch-Handlung zu Wit tenberg gedruckt, worüber unser Hunnius als Professor die Ober- Aufsicht und Correctur hatte. Es trug sich aber zu, daß der Drucker in der Offizin ein Päbstler war, welcher denn ganz listiger und boßhafftiger Weise nach der letzten Hunnianischen revision eines und ander für sich änderte, das mit dem Sinn des H. Geistes nicht übereinkam. Absonderlich wurde der Spruch cks ^nZelo eal^ptieo ^poe^ XIV. 6 von dem Bösewicht erschrecklich depraviret. Denn zur Kränckung unser Evangelisch-Lutherischen Religion satzte er seit währenden abdruckens an Statt des Worts ewig, wie es Hunnius bey der letzten correctur gehabt hatte, das Wort neu hinein und druckte unterschiedliche exemplarien, davon ich selber noch eines besitze also abe, daß es hieße: Ich sähe einen Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein neues Evangelium etc. Sobald dieser Bibel-Druck Anno 1624 seine Endschafft erreichet, und das Merck nunmehro vor aller Menschen Augen zu liegen kam, so funden sich auch zugleich solche exemplaria, worinnen die enorme Verdrehung dieses Biblischen Spruchs zu finden war. Wer hatte nun hieran Schuld? Der Catholische verschmitzte Buchdrucker war entwichen und kunte also seines leichtfertigen Handels halber nicht vorstehen. So fiel denn der gantze Verdacht auf den redlichen Hunnium«. Starck fügt weiter hinzu, daß auch viele angesehene zeitge nössische Theologen, wie z. B. v. Hotz in Dresden, diesen Verdacht nicht ganz fallen lassen wollten, denn der Bruder des Hunnius, Helf- rich Ulrich Hunnius, sei zum Katholizismus übergetreten, weshalb man vermuten konnte, auch Nicolaus Hunnius sei in seinem Herzen der römischen Konfession geneigt gewesen. Ein solcher Verdacht habe den ehrlichen Protestanten so sehr gekränkt, daß er gern seine Professur in Wittenberg aufgegeben habe und dem Ruf nach Lübeck gefolgt sei"). Der Verfasser der Lübeckischen Kirchengeschichte selbst schenkte dem Bericht des 0. Feustking keinen Glauben. Jedoch kommt er zu folgendem Schluß: »Unläugbar ist es wohl, und kan nicht ver neinet werden, daß, gleichwie andere dergleichen Bücher, und Bibeln mehr, darinn boßhafftige Hände und Gemüther ein und ander Wort freventlich verdrehet, zu finden sind und sonderlich unter den Bibeln diejenige bekannt ist, in welcher eine Buchdruckerinn zu Nürnberg für den beyden Buchstaben HE in dem Spruche: Er soll dein HERR seyn, durch eine vermaledeyete Verfälschung zween andere NA, Er soll dein NARR seyn hineingeschoben, also auch noch exemplaria von einer solchen Wittenbergischcn Bibel mit dem neuen Evangelio an statt des ewigen Evangelii allerdings vor handen seyn, und kan auch ich selber, wann jemand so curieux ist und diese Rarität zu sehen verlanget, ihn damit gar leichte aus meiner kleinen Bibliothec contentiren«. Zu dieser für uns in der ganzen Erzählung wichtigsten Stelle gibt Starck dann in einer An merkung an, woher seine Kenntnis von der Narrenbibel stammt: »Daß Herr Erdmann Neumeister von dieser Bibel selber ein exemplar mit seinen Augen gesehen habe, versichert er in seiner Heiligen Wochen-Arbeit I. Id. p. 542«. Mit dem Zitat ist eine Predigt sammlung des Hamburgischen Pastors Erdmann Neumeister unter dem von Starck genannten Sammeltitel gemeint, die in Hamburg erschienen ist'). Was hat nun Neumeister dort von der Narrenbibel gesagt? In einer Predigt, die sich insbesondere mit dem weiblichen Ge schlecht befaßt, kommt er zu dem Ausruf: »Ich rufe Gott an zum 6) Caspar Henrich Starck, l-vbeea I^vtlrerano-Lvan^eliea, das ist . . . Lübeck Kirchen-Historie, (Th. V), Hamburg: Theodor Christoph Felginer 1724, S. 752 ff. Den ersten Hinweis auf diese Stelle verdanke ich meinem Kollegen Herrn vr. Paul Hagen in Lübeck. °) Uber die Theologen Nikolaus Hunnius (f 1643), Johann Heinrich Feustking (f 1713) und Matthias Hotz von Hotznegg (f 1645) vgl. Allg. Deutsche Biogr. Bd. 13, S. 416, Bd. 6, S. 755 u. Bd. 12, S. 541. ?) Uber Erdmann Neumeister (f 1756) vgl. Allg. D. Biogr. Bd. 23, S. 543 ff. Neumeisters Bedeutung liegt auf dem Gebiet des Kirchenliedes und der geistlichen Lyrik. (Goedeke, Grundriß III S. 314). Die »Heilige Wochenarbeit, bestehend in Predigten . . .« Th. 1: »aus den 22 ersten Büchern des A. T.« erschien in 1. Ausl. Hamburg 1717. 523
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