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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 05.06.1930
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- 1930-06-05
- Erscheinungsdatum
- 05.06.1930
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F« 128, 8, Juni 1930. Redaktioneller Teil. Börsenblatt f. d. Dtschn Buchhandel. »Von Gelehrten / die eine ungiickliche Ehe gehabt« folgendes: » . . . Der Braunschweigische Superintendent v. Nicolaus Medler hatte auch die schöne Methode, daß er seine Frau lieber mit Schlägen als Worten regieren wollte, er muß eine lustige Haushaltung ge- fiihret haben: denn man liefet von ihm, daß er zuweilen seine Frau mit bloßen Degen verfolget, welches ohne Zweifel sein Studenten- Reifer wird gewesen seyn. Vielleicht hat der die Pommerische Bibel zu seiner Handbibel gebrauchet, darinnen die Worte: und er soll dein Herr seyn, also übersetzet sind: und hei schall deck te pinigen / und te schlaen. Daher der Jurist Fridlibius Anlaß genommen zu statu- iren, daß ein Mann wider sein Gewissen handle und eine schwere Tod- Sünde begehe, wenn er seine Frau nicht zuweilen, zumal wenn sie nicht pariren will, wacker abprügele. Aber dieser Rath wird in Moscau mehr Gehör finden, als in Teutschland und andern Neichen«. Gerade dieser Bericht macht deutlich, daß zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Sage von der Narrenbibel noch nicht ausgebildet war, sondern um diese Zeit durch die Verwechselung der Stellen im nieder- und hochdeutschen Text sich vorbereitete. In solchen Ver wechselungen und Übertragungen steckt der Anfang der Sagenbildung von der Narrenbibel. Das Nichtauseinanderhalten verschiedener Drucke nötigte dazu, eine entsprechende Überlieferung dazu zu er finden. Jene Erzählungen sind so ganz in derselben Weise psycho logisch bedingt, wie die Überlieferung von dem Entstehen des Druck fehlers in der Hunniusbibel. Die Narrenbibelsage ist also wohl im zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts geprägt worden, und zwar wahrscheinlich von Theologen, gleichzeitig aus dem Bedürfnis an schaulicher Beispielsbildung für Predigt- und Unterrichtszwecke. Und so wird sie auch Lessing durch seine weitgehenden theologischen Studien und Beziehungen gelegentlich gehört haben. Sicherlich hätte er sie jedoch in seinen Arbeiten einmal verzeichnet, bei seiner besonderen Neigung für Bücherkuriositäten, wenn er nicht von Anfang an von dem legendarischen Charakter der Erzählung überzeugt gewesen wäre. Die Vermutung, ein Exemplar der Wolfenbütteler Bibliothek sei einmal auf irgendeine Weise herausgenommen worden, ist recht unwahrscheinlich, da im Gegenteil der Fürstlichen Bibliothek ständig Zuweisungen aus den privaten Sammlungen des welfischen Hauses zugeführt wurden, und die Entfernung einzelner Stücke, sei es um ihrer Kostbarkeit, sei es um einer Eigenart willen in der Geschichte der Bibliothek nicht nachzuweisen ist. Viel bemerkenswerter ist, daß aus dem 19. Jahrhundert keine Berichte von Reisenden mehr vorliegen, die von jenem seltsamen Bibeldruck dort zu berichten wissen. In dem erst vor wenigen Jahren neu aufgefundenen eigen händigen Journal der Elisa von der Necke aus den Jahren 1791 und 1793/1795, veröffentlicht 1927, kommt auch eine Stelle vor, in welcher die Tagebuchschreiberin eine Besichtigung der Bibliothek in Wolfenbüttel am 12. August 1791 schildert"). Sie erzählt bei dem Besuch sei »die Bibel mit dein Gebote: du sollst ehebrechen vor gezeigt« worden! Also taucht hier eine neue merkwürdige Druck fehlerbibel in den Beständen der Bibliothek auf, und von einer Narrenbibel ist keine Rede mehr. Doch diese sogenannte Ehebrecher bibel war gleichfalls in Wolfenbüttel nicht aufzufinden und hat es wohl dort niemals gegeben, wie sie im übrigen auch in der Literatur sonst nirgends angeführt wirb. Vielleicht liegt hier die letzte Version einer »närrischen« Druckfehler-Bibel vor? — Diesen Ergebnissen sei noch einiges über andere Druckfehler bibeln hinzugefügt, die im Zusammenhang mit den vorstehenden Un tersuchungen ermittelt wurden. Denn solche nicht fingierten, aber fehlerhaften Drucke bildeten den günstigen Ausgangspunkt für die Erfindung von Büchersagen wie die von der Narrenbibel und ließen sich verbreiten und fortentwickeln. Neben der schon eingehend behandelten Bibel des Hunnius wäre hier eine 1670 in Nürnberg bei Christoph Endters verlegte Bibel zu nennen, in der im Brief Judae V. 23 das Fegefeuer eingeschoben ist. Der Vers lautet dort demnach in der geänderten Lutherübersetzung: »Etliche aber mit Furcht selig machet und rücket sie aus dem Fegfeuer«. Dieser Bibeldruck befindet sich noch heute z. B. in der Wolfenbütteler Biblio thek, und man scheint es hier einmal in der Tat mit einem Fall zu tun haben, in dem ein katholischer Buchdrucker seine eigene dog- T. 3 (1750) p. 400. ^ ^ ") Johann Adam Bernhard, Kurtzgefaßte Curieu8s UiZtorie derer Gelehrten . . . Frankfurt a. M. Bei Johann Maximilian von Sand 1718. ") Elisa von der Recke, Mein Journal. Elisas neu aufge fundene Tagebücher aus den Jahren 1791 und 1793/95. Hrsg, u. erläutert von Johannes Werner. Leipzig (1927), S. 29. malische Auffassung beim Bibelsatz zum Ausdruck gebracht hat"). Es dürfte sogar sehr wahrscheinlich sein, daß zwischen dieser Fege feuerbibel und der Hunniusbibel insofern ein Zusammenhang be steht, als die Existenz der letzteren die andere hervorgerufen hat. Sowohl Vogt wie Widekind und Clement führen in ihren Ver zeichnissen den Druck aus. Ferner weiß Widekind noch von einem sonderbaren Bibeldruck mit einem bemerkenswerten Fehler. In der 1545 bei Hans Lufft in Wittenberg gedruckten Bibel steht der Druckfehler 2. Petrusbrief Kap. 2, V. 7 statt die schändlichen Leute, die schändlichen Lüste"). Hier liegt offensichtlich ein gewöhnliches Versehen vor, und darum hat sich auch an diesen Druckfehler keine legendarische Überlieferung angeschlossen. Bei Betrachtung der Druckfehlerbibeln ist im Auge zu behalten, daß die herrschende Lehre von der Verbalinspiration dem Bibel druck besondere Aufmerksamkeit zuwandte und Fehler gewissenhafter zu vermeiden suchte als bei anderen Drucken. Die theologischen Zeitschriften des 17. und 18. Jahrhunderts gehen deshalb auch nur mit einer gewissen Zaghaftigkeit an den Nachweis von Druckfehlern in der Bibel, und nur wenn der reine Text Luthers eine gar zu grobe Entstellung erfahren hatte. So brachte zum Beispiel die im 18. Jahrhundert wichtige theologische Zeitschrift »Hessische Heb- Opfer, theologischer und philologischer Anmerkungen«, gedruckt in Gießen bei Johann Philipp Krieger 1735 ff., eine Anzahl derartiger Druckfehlernachweise. Bemerkenswerterweise werden die hier er wähnten Druckfehlerbibeln an dieser Stelle aber nicht genannt, da sie der theologischen Erklärung offenbar keine besonderen Schwierig keiten machten. Ein Aufsatz über einen Druckfehler in der deut schen Bibel Luthers zu Prediger Salomo Kap. 3 V. 22 befindet sich im »Heb-Opfer« 8. Stück (1735) mit einer allgemeinen Betrachtung über die »unterschiedenen Gründe wie der Ursprung solcher Druck fehler entdeckt und gewiesen« wird"). Verschiedene Nachweise von Druckfehlern oder Abweichungen in den deutschen Bibeln folgen im 9. Stück des Heb-Opfers von einem andern Verfasser"). Auch die späteren Teile der Publikation bringen noch solche Nachweisun gen"), ohne daß aber die »Narrenbibel« oder eine ähnliche dabei auftaucht. — Den allgemeinen Standpunkt zur Druckfehlerfrage im 18. Jahrhundert spricht Friedrich Christian Lesser in seiner »3>po- grapdia jubi1sn8, das ist: Kurtzgefaßte Historie der Buchdruckerey . . .«, Leipzig 1740 aus in einem Abschnitt, der »von denen Eigen schafften derer Buchdrucker« handelt: »Nicht alle Druck-Fehler sind den Buchdruckern zuzurechnen, wofern sie sonst die gehörige Sorg falt zu möglicher Vermeidung derselben angewendet. Offt fällt die Schuld auf die Bücher-Schreiber selbst, welche offt so unleser lich schreiben, daß es aussiehet, als ob es die Hühner gekratzet, also daß es offt unmöglich zu errathen, was ein solcher undeutlich schreibender Verfasser mit solchen Eulen- und Meer-Katzen ähn lichen Zügen haben will. Offt hat auch der Corrector Schuld daran, wenn er aus Übereilung oder Unwissenheit viel Fehler stehen lässet«-'). Zusammengefaßt bieten unsere nachträglichen Feststellungen fol gendes Bild. Druckfehlerbibeln kommen im 16. und 17. Jahrhundert vor mit solchen Textabweichungen von der ursprünglichen Luther übersetzung, daß sie durch ihre Merkwürdigkeit auffallen mußten. Im allgemeinen war den Theologen der Wortlaut des Luthertextes vollkommen gegenwärtig, und es lag nun nahe, bei entdeckten, nicht nur formalen sondern den Sinn verkehrenden Abweichungen die Frage nach der Ursache durch Annahme einer bewußten, meist aus dogmatischen Überlegungen gemachten Fälschung zu beantworten. Diese Annahme führte von selbst zu einer entsprechenden Entstehungs geschichte. Außerdem war auch der vorlutherische niederdeutsche Bibel text in Vergessenheit geraten, und so konnten Verwechselungen der verschiedenen Bibeldrucke entstehen, die im Zusammenhang mit den tatsächlich vorhandenen Druckfehlerbibeln den Boden für Bücher sagen bereiteten. Aus solchen psychologischen Voraussetzungen ist dann ") Biblia, das ist: die gantze Schrifft . . . Deutsch Herrn Doct. Martin Luthers mit den Summarien Herrn Johann Sauberti . . . Sambt einer Vorrede Herrn Johann Michael Dilherrns. Nürn berg. In Verlegung Christoph Endters, Buchhändlers Anno 1670. 1221 S. 2" Vgl. Widekind a. a. O. 485 und Vogt a. a. O. S. 105. ") Vgl. Widekind a. a. O. S. 473. ") Ernst Friedrich Neubauer, Curieuse Anmerkung von einem allgemeinen Druckfehler . . ., a. a. O. S. 865 ff. u. 872 ff. ") Johann Gottlieb Biedermann, Unvorgreifliche Gedanken über die Ursachen einiger Abweichungen in unfern deutschen Bibeln, a. a. O. S. 959 ff. ") Vgl. z. B. im 13. Stück (1737) S. 222 oder im 26. Stück (1741) S. 508 ff. ") Lesser a. a. O. S. 354 Anmerkg. 525
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