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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 21.08.1926
- Strukturtyp
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- 1926-08-21
- Erscheinungsdatum
- 21.08.1926
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- Deutsch
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X- 194, 2l. August 1926. Redaktioneller Teil. vörsrnblatt f. d. Dtschn. Buchhandel. schreiten, sich wieder einsiihlen in die verlassenen Gehäuse seelischen Lebens, die einstens doch viel bedeuteten. Vielleicht dringt man bis an die Schwelle vor, an der die Kindheit endigte und die spähende Schau der Erwachsenen begann. An diesem Punkt schicksalsreicher Verknüpfungen wird oft ein Buch die richtunggebende Kraft. Mit 14 Jahren las ich den Roman von Friedrich Huch, Pitt und Fox. Zum ersten Mal wurde mir klar, was lesenswert ist, erfuhr ich unmerklich, doch unwiderstehlich die Macht des gefarmten Wortes, entscheidende Zusammenhänge zwischen den Menschen und die Wesenheit der dunklen Unterschwingungen des Satzbaus taten sich mir auf. Dieses Werk wurde bestimmend für meinen Geschmack und meine Richtung. Die Menschen des Romans wandelten sich zu leib haftigen Begleitern, die weiter lebten, Meinungen abgaben, Urteile fäll ten. Sie tauchten oft in meinen Gesprächen auf, und manchmal glaubte ich im Dunkeln das stille, feinknochige Gesicht Pitts zu sehen, wie es die Ironie dieses Lebens bewußt genießt, oder das rote Gesicht Faxens, das, ein wenig taktlos grinsend, Bescheid weiß. . . . Unvergeßlich bleibt die Gestalt Elfriedens, die man rastlos unter den Frauen sucht. Sa begleiten mich diese Menschen. Ich treffe sie nicht nur im Roman, den ich seither oft gelesen habe. Immer aber war das Buch wie eine Landschaft, die, trotzdem sie unvergeßlich im Gedächtnis haftet, immer wieder voll von neuen Einzelheiten ist, so oft man sie neu betritt. H. S. IX. Es sind nun bald 20 Jahre. Ich war auf der Suche nach einer Bürostellung. Mein Vater hatte geschäftlich Unglück gehabt und sein ganzes Vermögen verloren. Seit kurzem bekleidete er eine schlecht besoldete Stellung, die kaum dazu ausreichte, das Nötigste für die siebenköpfige Familie zu beschaffen. So war ich, als die Älteste von fünf Geschwistern, vor die Notwendigkeit gestellt, dem Studium zu entsagen und durch Büroarbeit zum Unterhalt der Familie beizutragen. Ich litt schwer unter den veränderten Verhältnissen und der Aussicht, in einem Beruf tätig sein zu müssen, für den ich nichts übrig hatte. Dazu kam, daß ich um diese Zeit unter heißen Kämpfen meine erste Liebe hatte begraben müssen. Dunkel lag die Zukunft vor mir. Nie mand, so schien es mir, hatte Schwereres durchzumachen als ich. Uber mir schlugen die Wellen der Trübsal zusammen, und die Selbstbemit- leidung wuchs mit jedem Tage. In dieser Stimmung betrat ich einmal das Warenhaus Tietz und suchte die Buchabteilung auf. Dort konnte man mit Muße alles be trachten, sich freuen an den geliebten Büchern. Plötzlich blieb mein Auge an einem Buchtitel hasten: »Hemmungen des Lebens«. »Hemmungen«! Das war etwas für mich. Hemmungen waren überall — in mir und um mich. Ich ließ mir das Buch geben, blätterte darin. Schon die Kapitelüberschriften: Trauer, Sorge, Der Andere in uns usw. reizten mich aufs höchste. Ich erstand das Buch für den letzten Rest Meiner Barschaft. Und daheim stürzte ich mich drauf los und las es in wenigen Stunden zu Ende. Was ich da las, das war etwas -ganz Neues, unerhört Kühnes für mich, ein Brechen mit allen Vorurteilen und Konventionen, ein rücksichtsloses Zugerichtsitzcn gegenüber dem eigenen Ich. Da gab's keine Selbstl>emitleidung, kein unfruchtbares Klagen und Trauern, sondern Bejahung und Überwindung aller Nöte des Lebens. »Sei lieber brutal gegen dich als sentimental!« Wie brannte mir das Wort aus der Seele! Und das andre: »Weh dem, der zur Erde ge wandt in Sack und Asche geht«. Ich weiß heute nicht mehr alle Einzelheiten dieses meines ein schneidendsten Erlebnisses mit dem Buch. Jedenfalls ahnte ich damals nicht, von welcher Tragweite es für mich werden sollte. Heute aber — nach 20 Jahren — kann ich mit vollem Bewußtsein und voll Dank barkeit gegen das Geschick, das mir dieses Buch in die Hände spielte, sagen: Daß ich mich nicht »unterkriegen« ließ, daß ich auch in den schwersten Zeiten meines Lebens immer wieder das sieghafte »Dennoch« fand, das verdanke ich mit in allererster Linie jenem Buch. H. Z. X. In welch wahrem Sinn ein Buch als Erzieher wirken kann, möge ein kleiner Ausschnitt aus meinem eigenen Leben zum Ausdruck bringen: In der Wahl meiner Eltern war ich leider nicht vorsichtig genug, sodaß Ich sozusagen eine Niete, oder wie sich der Münchner aus zudrücken pflegt, einen Kasperl gezogen habe. — Viele Geschwister, die Mutter meist krank, der Vater mit den mißlichen Verhältnissen rin gend und hadernd, so verging der erste Teil meiner Jugendzeit. Schon im dritten Schuljahr hatte ich einen starken Hang zum Lesen. Da es bei uns zu Hause jedoch keine Bücher gab, so griff ich schon als kleiner Knirps zur Zeitung, deren Inhalt mir ja fast verständnislos war. Anvergeßlich aus jener Zeit bleiben mir die »Propyläen«. 1036 In meinem 14. Lebensjahre fiel auch mir, wie wohl den meisten Jungen, die berüchtigte Schundliteratur wie Nick Carter, Nat Ptnker- ton und wie sie noch alle heißen, in die Hände. Die 10 Psg.-Hefte wurden natürlich verschlungen mit einer Spannung van einem Heft zum anderen, was wohl die Phantasie erregte, ohne irgendwelchen geistigen Nutzen zu bringen. — Mein Vater verbranme wohl die Hefte, wenn er sie erwischte, aber er sorgte nicht, mir eine für mein Alter zukommende Lektüre zu verschaffen. Der Hauptgrund mochte wohl der gewesen sein, daß gute Bücher auch früher schon Geld kosteten, und Geld war eben nicht da. So wuchs ich heran, und da kam der große Krieg und für mich die Zeit, in der ich jenes Buch zu lesen bekam, dem ich so viel zu verdanken habe und das so einschneidend auf mein Leben gewirkt hat. Als Neunzehnjähriger kam ich hinaus als Operationsdauer an die Front. Der Umgang mit Menschen aller Art und meistens von nicht gerade zartester Beschaffenheit wirkte eher ungünstig als günstig auf mein ganzes Denken und Fühlen. Ich frönte natürlich auch dem Rauchen und Trinken, wie fast alle andern. Da erhielt ich eines Tages von einem Kameraden, der bemerkte, daß ich gerne lese, ein Buch, betitelt »Helmut Harringa«. Ein Buch so einfach und schmucklos, ohne jegliche Bilder. Ich las es, und der Inhalt wirkte derart auf mich, daß ich mit einem Schlag ein anderer Mensch wurde. Ich mied die schlechten Kameraden, entsagte dem Rauchen und übermäßigen Trinken. Heute zähle ich fast 30 Jahre und bin immer noch Nichtraucher. Ich lernte die Frauen schätzen und ehren, während ich vorher verächtlich über sie gesprochen habe, und daß ich hierin anderen Sinnes wurde, dem habe ich es wiederum zu ver danken, daß ich heute glücklich verheiratet bin und ein herziges Kind mein eigen nenne. Ich habe inzwischen noch viele Bücher wie z. V. van I. C. Heer, Zahn usw. gelesen, und wenn ich sie auch zu meinen Lieblingsschrift stellern erkoren habe, so konnte mir doch kein Buch mehr das geben, was mir jenes schmucklose und doch für mich so inhaltsschwere Buch »Helmut Harringa« gegeben hatte. Erst dann hat man den Inhalt eines Buches erfaßt, wenn man eben das herausfindet, was einem zu Nutzen ist. Möchten doch alle, denen es finanziell möglich ist, mtthelfen, ganz besonders der Jugend Gelegenheit zu geben, sich durch billiges Geld ein wertvolles Buch (natürlich inhaltlich gemeint, nicht mit »Leöereinband und Goldschnitt«) zu erwerben, denn ein gutes Buch ist ein treuer Kamerad fürs ganze Leben. A. D. XI. Als Junger Knabe fon 11. Jahren bekam ich sämtliche Bände fon Karl Mai zu lesen. Dieselben erwekten in mir einen gewissen Drang nach Abenteuer in weiter Ferne. Und je mehr ich las je größer wurde in mir das ferlangen hinaus in die Fremde. Als ich aber mit Karl Mai s Bänden fertig war zu Lesen bekam ich durch Zufall fon Schoppen hau er einen Band zu Lesen. Anfangs Lies ich ohne eigentlich zu fer stehen, als ich aber in der Fremde war und das SCHicksal mich manchmal hart Prüfte so wüste und auch durch mein inneres wurde ich an Schoppcnhauer erinnert, so lernte ich immer mehrferstehen, was es Heist, auch mit Her Seele zu Leben und nicht blos mit dem Körper. Sa kam ich mit Karl Mai s Bänden in die Materiele Welt hinaus, und mit Schoppenhauer s Band in die Innere Seelische Welt hinein, und ich wurde somit, mit Lesn der Bücher der beiden Schriftsteller ein ganzer Mann, das ein anderer nach Hun derten so Jahrn die EN Leben Würde nicht werden kann. Teile Ihnen mit, was ich jederzeit beweise daß kein Land mehr auf Erden ist wo nicht mein Fuß darauf stand, und woselbst ich nicht Arbeitete, denn nur mit Ehrlicher Arbeit Hab ich gelesen kommt man weiter, das auch bei mier der Fall war. Spreche heute durch Bücher Vünf Sprachen perfekt in Wort und SCHrift, und lernte den Beruf als Hotelportier: dessen ich nur den Büchern zu verdanken habe. Halte weitere aus- führung für Zwecklos, und beteilige mich himit an Ihrem Wetbewerb. D. S-, Portier. Hänge, und lege auch Ihre Plakate im Hotel hier aus, um Ihre Sache auf das beste zu unterstüzen. D. S. XII. über das Lesen als Bildungsfaktor, ja als wichtiger Kulturbestand teil wohl eines jeden Volkes ist an andrer Stelle ja schon viel gesagt morden. — Ich möchte hier vom Buch im Leben des Einzelnen, speziell im Leben der heutigen Jugend sprechen. Unsere Stellung zum Buch ist eine andere als die des aus gereiften, sozusagen bereits »abgebrühten« Erwachsenen. Wir wollen vom Buch immer etwas »haben«, wallen immer in ein enges Ver hältnis zum Autor treten, ein positives Resultat irgendwelcher Art erhalten; und darum werden wir enttäuscht jedes Buch, sei es noch so fein psychologisch, so stilistisch ausgezeichnet, aus der Hand legen,
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