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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 18.12.1922
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- 1922-12-18
- Erscheinungsdatum
- 18.12.1922
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X- 293, 18. Dezenrber 1922. Redaktioneller Teil. Börsenblatt f. d. Dtschn. Buchhandel. Auf meine Franc nach seinen Eindrücken und Gedanken bei der letzten Geburtstagsfeier weis; er nur dankbar die Fülle des freundlichen Gedenkens zu rühmen, das ihm zuteil geworden ist. »Ich habe so viel bekommen, das; ich mir sagte: jetzt geht's nicht mehr. Ich bin ein dankbarer Mensch und hätte mich eigentlich verpflichtet gefühlt, alles zu beantworten. Aber es geht nicht, auch der Gesundheit wegen nicht und außerdem hat mich das Alter vergeßlich gemacht. Eine beson dere Freude hat mir aber ein junger Dichter aus Stuttgart -gemacht, Schwarzmeycr, der alle meine Gedichte von überallher zusammen gestellt und sinnreich verbunden hat. So ist ein schöner Zusammen hang hineingekvmmcu, ich Hab' mich außer meine Gedichte stellen können »lud gedacht: sic sind doch recht musikalisch«. Schwester Agathe holt das fleißig gearbeitete Manuskript herbei, und ich freue mich an der eigenartigen poetischen Huldigung. Ich spreche im Anschluß daran von der ehrenvollen Auszeichnung, die die Heidelberger Universität dein Meister hat zuteil werden lassen. Bereitwillig wird auch dieses Doku ment mir vorgelegt, und ich bringe Thoma »»eine besonderen Glück wünsche zum Ehren-Senator dar. Dann bringe ich das Ge spräch auf seine eigene Person, auf seine Werke und seine menschliche» Beziehungen. Zunächst will ich wissen, welche seiner Werke ihm selbst am höchsten steheu. Thoma hat da aber offenbar keine sehr ausge prägte Vorliebe. »Ich mag sie alle, oder ich »nag sie alle nicht. Aber die unscheinbaren sind mir meist lieber. Es gibt Bilder von- mir^ die ein geivisses Aufsehen gemacht haben, die mir aber nicht so aus dem Herzen gekommen sind, »vie jene anderen. Der .Kindcrreigen' ; B. ist so sehr beliebt, aber ich kann nicht sagen, daß er mir lieber ivärc als andere, die weniger beachtet und reproduziert worden sind«. Schwester Agathe meint: »Es ist merkwürdig; wenn ihm eine von seinen früheren Sachen zu Gesicht kommt, die er schon fast vergessen hat, freut er sich allemal »vie ein Kind«. Thoma sagt dazu: »Ja, das ereignet sich jetzt mit früher weggeworsenen Sachen, die jetzt wieder an mich kommen, »veil ich sie unterzeichnen soll. Und da muß ich sage», wenn sie auch oft nachlässig gemacht sind, es ist nie etwas Gemeines daran, und sie sind mindestens technisch anständig gemacht«. Und dazu höre ich weiter, daß er eigentlich immer unerhört billig verkauft hat, daß er nur noch wenige Bilder in seinem Besitz hat, meist Fa milienporträts, und daß er von diesen nichts mehr abgeben will. Im übrigen arbeite er jetzt schon lange nicht mehr als Maler, darum habe er soviel geschrieben. Ich frage nach seinen Beziehungen zu pudern Künstlern und höre, das; er Liebermann nie persönhch kennen gelernt hat, das; er aber mit Kalckreuth gut bekannt war und ihn als Menschen wie als Künstler außerordentlich schätzt. Ich entsinne mich 'dabei, daß Trllbner, so oft er im Gespräch mit mir aus Thoma kam, sich etwas unzufrieden und abgünstig über ihn geäußert hat. Ich erwähne das und frage nach dem Grund, füge gleich hinzu, daß Trübncr der Meinung gewesen zu sein scheine, Thoma habe in Karlsruhe nicht genug für ihn getan. Thoma meint, nicht ohne ein gutmütig sarkastisches lächeln: »Ich habe für mich selber nichts getan, was sollte oder konnte ich da für andere tun? Es war nicht »neine Art. Ich war immer sehr zurückhaltend und habe mich nirgends vorgedrängt. Ich weis; wohl, daß Trübncr in seiner Seele mich als das Hindernis seiner Karls ruher Laufbahn empfunden hat; er meinte »vohl, wenn ich nur wollte, so könnte ich ihn» die Wege ebnen. Aber ich war ja wirklich einmal wegen Trübncr beim Großherzog, bin aber dort gar nicht gut ge fahren. So mußte ich cs »vohl aufgebcu . Klug und sei» wirft die Schwester ein: »Mein Bruder »var sehr harmlos und hat auch andere für harmlos gehalten. Er hat nur seiner Arb-eit gelebt und" alle In trigen standen ihn» so fern. Er selbst hat auch allerlei bittere Er fahrungen gemacht; aber er ist dadurch nicht bitter geworden«. Und Thoma fügt, »nit voller Herzensgute im ganzen Ausdruck, hinzu: -Meine Art »var, immer zur Versöhnung zu rvirkcn, gerade unter den Künst lern und ihren verschiedenen Richtungen. Wie damals die zwei feind lichen Richtungen der Karlsruher Künstlerschast in Baden-Baden eine Ausstellung erösfneten und wir nachher gemütlich beisammen gewesen sind, da Hab' ich eine launige Neide gehalten und gesagt: ,Wjr »vollen uns fortan daraus einigen: »vir »vollen getrennt malen und vereint verkaufen!'«. Das Thema »Ausstellungen« führt uns aus andere Organe der Kunstpslege, *z. B. auf die K u n st z e i t s ch r i f t e n. >^Sie haben Licht und Lust gemacht für die Künstler, ineint der Meister, besonders die großen unabhängigen Organe der Art haben sehr segensreich gewirkt. Das alte Kunstmäzenatentum hat aufgehört, cs ist alles so ins Große gewachsen, daß man das Ganze der Kunst nicht inehr rechk übersehen kann. So ist die Vermittlung durch die Zeitschriften notwendig ge worden. Wenn auch mancher fuchsteufelswild wird, wenn eine Kunst- zeitschrift nichts über ihn berichtet, so ist ihre Wirksamkeit im ganzen doch sehr anzuevkennen. So haben auch mir die Veröffentlichungen, die von mir erschienen sind, Nutzen gebracht, sonst wäre ich doch länger von den andern verdeckt »vorbei»«. Mir fällt dabei ein, daß Thoma im Anfang seiner Laufbahn von der Kritik oft sehr albern behandelt »vorbei» ist, und ich erkundige mich, ob er noch viele von solchen alten Kritiken ausbewahrt hat. Schwester Agathe lacht: »Gewiß, cs ist sogar ein kolossales Material. Nur findet man deswegen keine Zeit, es richtig zu ordnen«. Auch der Meister lächelt vergnüglich: »Ich habe in der Ansangszeit so dumme Kritiken bekommen, daß ich eigentlich darüber lachen muß. Zum Beispiel hat einmal in Berlin einer geschrieben, ich sei eine ganz merkwürdige Erscheinung; Böcklin und Klinger seien so langsam erwacht und hätten furchtbar studiert, aber ich sei nur vom Schwarz wald herunter gekommen und habe sogleich Bilder gemalt, die ganz anständig seien. Gewissermaßen hat er da freilich recht gehabt. Wie ich auf die Kunstschule gekommen bin, habe ich schon Zeich nungen mitgcbracht, die fast so gut waren »vie die des Professors, in einer eigene»» Art, aber cs war doch Gefühl und Verstand darin. Derselbe Kritiker hat dann ein Bild meines Vaters geschildert, das ich gemalt haben sollte. Mein Vater ist aber schon gestorben, als ich 14 Jahr alt »var, der Kritiker hat einfach einen alten Bauern für ineinen Vater gehalten oder ihn dazu ernannt, um als Sachkundiger dazustehen; ich Hab' darüber sehr lachen müssen«. Auf meine Frage nach Anekdoten aus des Meisters Leben sagt Schwester Agathe: »Es sind viel Anekdoten im Umlauf, aber es ist säst alles nicht wahr. Einmal ist in den Zeitungen gestanden, »nein Bruder sei in den Schwarzwald gekommen »nit einer großen Mal leinwand, habe sich in sein Zimmer eingeschlossen und niemand sehen lassen, was er machte. Eines Tages sei er verschwunden, ohne zu bezahlen, und habe dafür das Bild zuriickg-classen«. Thoma versichert treuherzig: »Ich bin aber nie irgendwo fortgegangen, ohne zu be zahlen«, und erzählt dann belustigt von seinen Bildern im Frank furter Cas6 Bauer: »Die haben soviel ausgehalten von Mißhand lungen, daß ich sie gar nicht mehr Hab' sehen mögen. Einmal bin ich dann mit Freunden in» Bauer gesessen und wurde gefragt, »vas ich jetzt zu meinen Bildern sage. Ich antwortctc, ich fände sie jetzt sehr gut, da der Herr Professor ,Rauch so wacker geholfen habe, ihnen einen harmonischen Ton zu geben«. Dann kommen »vir auf Einzelheiten der Lebensführung, Rauchen und Trinken. Thoma erzählt gutgelaunt, »vie er früher viel geraucht habe, sogar echte Havannas, hochmütig geworden durch höhere Bildcr- prcise; dann habe er aber schwere Schwindelausälle bekommen, daß er sich auf der Straße an Hauseckeit habe halten müssen, und daran seien die Havannas schuld gewesen. Da habe er das Rauchen längere Zeit aüfgefteckt, aber doch nicht für immer. Wein trinkt er noch heute, »je stärker er ist, desto lieber«, »vie er leichtsinnig-frohgemut ver sichert. Aber da greift Schwester Agathe berichtigend ein: »Aber viel trinkt er nicht, nur mittags ein Gläschen; er hat überhaupt immer in der Art vorsichtig gelebt«. Thoma kommt in» Anschluß daran aus ein niedliches Erlebnis »nit einen» Abstinenzlervercin. In Badeuweiler auf der Ruine ward er einmal von einer Freiburger Studcntengesellschaft entdeckt und »nit ciincr Ansprache geehrt, wie das; eine sehr berühmte Persönlichkeit in ihrer Mitte »veile, »und da Hab' ich mich umgcschaut, wo dlie ist«. Auf meine Frage nach dein jetzigen Gesundheitszustand höre ich, daß er gut ist, abgesehen von Beschwerden des Alters. »Der Doktor behauptet, ich hätte ein sehr gesundes Herz, und das erschreckt mich eigentlich, denn ich muß denken, ich kann nicht sterben. Einmal, wie ich mit Hansjakob zusammen »var, hat er »»»eine Hand genommen und sich gewundert, »vie ruhig und stark »nein Puls »var, während der seine unr»»hig und zitterig sei. »Donnerwetter«, sagte er, »mit diesem Puls »nüsseu Sie 100 Jahre alt werden«. Schwester Agathe »neiut dazu, Thomas Mutter soi 93 Jahre alt geworden, aber das sei viel eher eine Last als ein Vergnügen. Zun» Schluß verlangt mich, des Meisters Meinung über die Lage des deutschen Volkes zu hören. Es ist sehr rührend, fast erschütternd, »vie Thoma diese Meinungsäußerung cinleitct: »Darüber ist schwer zu reden. Ich möchte oft gar nichts mehr denken. Es wird einen» so nach und nach voin lieben Gott oder von der Natur wie man sagen »vill — das Gedächtnis entzogen. Jetzt gehe ich der Leere entgegen; das ist vielleicht das Richtige. Ich habe die große Lebensfrage auf meine bescheidene Weise beantwortet, mehr »vill ich mich nicht durum kümmern. Mau soll in mcinöm Alter das Leben nehmen, »vie es ist; ich komme auf ciuen ganz nüchternen Standpunkt«. Und »nährend die eigentümliche Heiligkeit dieser Worte, die so ganz voll sind von der Mystik des Greisenalters, in mir nach- klingt, fährt er fort: »Im übrigen glaude ich an Naturheilkräftc, besonders in» Volksleben. Ich halte nichts von den schlimmen Prophe zeiungen. Es wird ja viel Schlimmes geben, aber es muß wieder gut werden. Vielleicht ist gerade das, »vas »vir heute durchmachen. 1757
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