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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 21.08.1922
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- 1922-08-21
- Erscheinungsdatum
- 21.08.1922
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^ 194, LI. August 1922. Redaktioneller Teil. Börsenblatt f. d. Dtschn. Buchhavdet. Auflage «des 1. Bandes der Wunderhorn. Ein im Besitz des Schreibers dieser Zeilen befindlicher Brief von Arnim vom 4. No vember 1817 bezieht sich auf die Neuausgabe dieses Neudruckes und gibt manch interessante Einzelheiten; ein weiterer Brief vom 24. Januar 1818 wird von Grisebach mitgeteilt'». (Schluß folgt!» Walther Rathenau als Schriftsteller. Der furchtbare Meuchelmord an Walther Rathenau hat Deutsch land nicht nur einen seiner besähigtsten Staatsmänner und Wirtschafts- Politiker geraubt, sondern auch einen Schriftsteller, der mit einem sel tenen Universalismns die verschiedensten geistigen Gebiete beherrschte. Walther Rathenau war ei» in Deutschland ganz vereinzelt dastehendes Beispiel dafür, wie ein überlegener Geist mit praktischer kaufmännischer und politischer Tätigkeit eine bedeutende geistige und schriftstellerische Kultur vereinigen kann. Diese doppelte Wurzel seines Wesens — Mann der Praxis und des Geistes — charakterisiert auch sein Schassen, das keineswegs eine Philosophie der Abstraktion und des formalen Denkens ist, sondern eine, die aus dem Leben, seinen wirtschaftlichen und geschichtlichen Tatsachen stammt. Aus diesem Charakter heraus haben die Schriften Walther Rathenaus schon längst, bevor er «ine leitende Stellung im politischen Leben einnahm, eine Bedeutung in der breitesten Öffentlichkeit gewonnen, wie sie nur den Berken eines wirklichen Füh rers zukommt. Von Schrift zu Schrift verstärkte sich der Eindruck, daß es sich in den Gedankengängen Rathenaus nicht um unfruchtbare Utopien handelt, sondern um Gedanken, die sowohl aus der scharfe» Erkenntnis der Zeit und ihrer Probleme stammen als aus einem starken ethischen Charakter, dessen ganze Arbeit auf das Wohl des Landes und der Menschheit gerichtet ist. So sind seine Hauptwerke, wie sie dann in der fünfbändigen Aus gabe der »Gesammelten Schriften« (ebenso wie die Einzrl- schrlsten bei S. Fischer, Berlin» vereinigt worden sind, zu bedeutsamen Manifesten eines modernen, mit allen Quellen heutiger Bildung und hcutigen Lebens gespeisten Geistes geworden. Von feinen Schriften sind vor allem seine größeren Bücher »Zur Kritik der Zeit« <1912», »«Zur Mechanik des Geistes« (191g> und »Von kommenden Dingen- (1917) zu nennen. In diesen Schriften entwickelt Rathcnau den überaus fruchtbaren Gedanken der »Mechanisierung« als des eigentlichen Merkmals unserer Zeit. Eine Mechanisierung, wie sie in den Gebieten der Technik, Wirtschaft und Organisation sichtbar geworden ist, hat auch weit über das praktische Leben hinaus den Geist ergriffen, sodaß überall »der gleiche Zug von Spezialisierung und Abstraktion, von gewollter Zwangläufigkeit, von zweckhastein, rezeptmäßigem Denken, ohne Überraschung und ohne Hu mor, von komplizierter Gleichförmigkeit« waltet. Diese Gedanken erreichen ihren Gipse! in dem Buche »Von kommenden Dingen«, das bis zu reli giösen und metaphysischen Fragen ausgreift und mit größter geistiger Leidenschaft die soziale und politische Wirklichkeit mnzugestalten sich müht. In einer Reihe kleinerer Schriften hat Nathenau dann Einzcl- fragen des öffentlichen Lebens behandelt. Wir möchten von diesen Schriften nur nennen: »Deutschlands Rohstossversorgung« (1918», jene Arbeit, in der Nathenau die Grundlagen flir die deutsche Kriegswirt schaft »iedergelegt hat, seiner die »Streitschrift vom Glauben» (1917», »Die neue Wirtschaft« >1918» und »An Deutschlands Jugend- (1918». Die Broschüre »Der Kaiser»(1919», eine eindringliche Charakteristik des wilhelminischen Zeitalters, hat von diesen kleineren Schriften vielleicht den größten Erfolg gehabt. In die Nachkriegszeit hinüber führen die Schriften »Der neue Staat« <1919», »Kritik der dreifachen Revolution« (1919», »Die neue Gesellschaft« <1919», »Demokratische Entwicklung« <1929» und »Was wird werden?» (1929». Alle diese Arbeiten zeigen den ungeheuren Ernst und den entschlossenen Willen, dem notleidenden Lande zu helfen. Die letzte Etappe der Rathenaufchen Entwicklung: seine Tä tigkeit als Außenminister, zeigt sich in seiner letzten Schrift »Cannes und Genua«, die die großen Reden zum Reparationsproblem enthält. In welchem politischen Lager man auch stehen mag, niemand wird die große Bedeutung des Schriftstellers Walther Rathenau abstreiten, dessen Arbeiten als Kritik unserer Zeit und als schöpferische Leistung bestehen bleiben weiden. Auch zwei ältere Bücher Walther Rathenaus möchten wir noch er wähnen: Impressionen (1992» und Reflexionen <1998». Samuel Saenger sagt darüber tn seinem Aufsatz in der Neuen '» De» Knabe» Wunderhorn etc. HundertsahrS-Jnbeleusgabe. tzrtg. »on Sbuart Srtsebach, Leipzig >998 L. 19. Rundschau (S. Fischer, Verlag, Berlin), di« das August- Heft Walther Rathcnau widmet, solgendes: »Neben den Bekennt- nisbllchern laufen die zahlreichen Impressionen, Reflexionen, Aussätze, Versuche einher, die der unermüdlich seit früher Jugend als Ingenieur, Großunternehmer, Industrie- und Bankmann Tätige aus seinen Wegen ausstrente. Dieses Nebenwerk ist, schriftstellerisch betrachtet, das Hauptwerk; es vereinigt alle Ströme seines umfassenden geistigen und schassenden Wollens.« Die beiden obenge nannten längst vergriffenen Bücher erschienen in einer äußerst vorneh men Ausstattung und Labei zu einem auch sür damalige Zeiten fabelhaft billigen Preise. Dies mag dazu beigetragen haben, daß sie heute sehr selten und gesucht sind. Biographisches findet man außer in den zahlreichen Schriften über Rathcnau in dem von Erich Schalles hcrausgegcbenen Naihenaubrevier, das als Einleitung eine Selbstbiographie enthält. Zum Schluß drucken wir noch einige Worte Rathenans aus einer Ansprache an Freunde ab, die er an seinem 59. Geburtstage, dem 29. September 1917, sprach und die ohne sein Wissen mit stenographiert wurden. Die vollständige An sprache ist ebenfalls in der Neuen Rundschau (August-Hefts ent halten. Tie Rede knüpft an das Gleichnis Platoz vom Bagenlenker und den beiden Rossen an, deren Temperamente verschieden sind. Rathcnau sagte: »Es ist nicht verwunderlich, daß ein Mensch leiden muß, dem aus der einen Seite es beschleden ist, den Dingen nachzuhängen und nachzuträumen in Sehn sucht und Empfindung, und den dann wieder der Teufel reitet, daß er ln dl« Welt cingreifen und aufgekrempelt bis zum Ellenbogen in diesen Dingen der Welt rühren und kneten muß. Es ist ein Widerspruch, der zu Spannungen führt, die Menschen nur sehr schwer auf die Dauer er tragen könne». Ich habe das dnrchgemacht und habe nie recht gewußt warum, und habe ferner es erlebt, daß zu den vielen Schwächen, die ich habe, und die mit großem Recht die Menschen mir vorgeworfen haben, noch viel andere mir vorgeworsen wurden, die ich nicht hatte. Denn dieses Doppeldasein war schlechterdings für die Menschen ein unver ständliches, deshalb widerwärtiges Wesen. Ich kann es aber nicht ändern, und es wird bis zu meinem Tode so bleiben. Viel hat eL mich aber gekostet an Lebenskraft, und viel an Ver trauen, denn nicht alle haben so gedacht wie mein Freund Ncicke, nicht alle haben gemeint, daß trotzdem der Mensch, mag er auch tn dieser Vielspältigkeit besangen sein, schließlich Vertrauen verdient. Die »leisten haben gesagt: Das ist ein Mensch, dem es nur aus das Außere ankommt, denn man sieht cs ja, er würde sonst ein Prosessor oder ein Geschäfts mann oder ein Schriftsteller sein; dieses Doppeldasein ist ein anstößiges Ereignis. Daß die Natur mich so in die Schule genommen hat, kann ich deswegen nicht für einen bloßen Zufall halten, well es mir zu tics und zu nahe geht. Denn was sind wir? Was ist groß und was ist klein? Die Sonne ist groß und ein Liestesgesühl ist groß, und welches von beiden ist großer? Vom Gefühl ans gemessen sind die Dinge groß, die tief klingen, und es hat bei mir stets in der Tiefe dies« Diphonle, dieser Doppelton geklungen; so durste ich mir denn sagen: Die Natur schasst das nicht aus Laune und Frivolität. Heute deute ich es mir so: Die Ausgabe, die die Natur mir stellen wollte, und die ich sehr unvoll kommen erfüllt habe, aber bi« zu erfüllen ich mich bemühe und bis an mein Lebensende bemühen werde, diese Lebensaufgabe ist, so scheint es mir, die: das Materielle, das in diese Welt hingeworse», wie «in Un- krani aus fremdem Kontinent, aufwuchert und alle Wüsteneien der alten Welt überdeckt, dieses Materielle, dieses Wesen, das seine Kraft aus sich selbst zu nehmen glaubt, um uns alle zu bändigen, daß ich versuchen sollte, dieses Ungeistige mit Geist zu durchdringen. Es ist wohl die weitere, die Gcgenabsicht der Nalur gewesen, indem sic mir das zweite Pferd vorschirrte, daß ich die Dinge des Geistes, die jeder stammelnd be rührt, weil sie Früchte sind, die, ans einer Traumwelt gepflückt, dem Erwachenden zerfließen, daß ich diese Tinge aus der zweiten Welt er fassen sollte, mit den Denksormen desjenigen, der geschult ist darin, daß die Redensart nicht gilt, daß die großen, abstrakten Phrasen nichts be deuten, daß die Tinge — sie mögen noch so hoch und noch so tief aus fremder Welt entstammen — doch schließlich immer einen irdischen Namen tragen und benannt werden dürfen. Das, glaube ich, werden wohl die Ausgaben gewesen sein, die man von mir verlangt hat, als die Parzen diesen Faden spannen, und sehr unvollkommen dünkt mich das, was ich mit dieser Aufgabe angefangen habe. Aber, gleichviel; eins kann ich sagen: ernsthaft habe ich sie genommen! Nicht einen Augenblick habe ich diese Aufgabe unbewußt, unbedacht aus Len Händen verloren, und das ist vielleicht das einzige, was mich in all den Kehlern m»d Schwächen rechtfertigen darf.« iror
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