Suche löschen...
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 09.02.1889
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1889-02-09
- Erscheinungsdatum
- 09.02.1889
- Sprache
- Deutsch
- Sammlungen
- LDP: Zeitungen
- Saxonica
- Zeitungen
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id39946221X-18890209
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id39946221X-188902097
- OAI-Identifier
- oai:de:slub-dresden:db:id-39946221X-18890209
- Lizenz-/Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
Inhaltsverzeichnis
- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
- Jahr1889
- Monat1889-02
- Tag1889-02-09
- Monat1889-02
- Jahr1889
- Links
-
Downloads
- PDF herunterladen
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
84, 9. Februar 1889. Sprechsaal. 759 Dir Iiinendschristkil-Komiiiissioilc» der Lcli reell creme. In den letzten Jahren ist am Baume der litterarischen Kritik ein Zweig ganz besonders ins Holz geschossen: die von Lehrer-Vereinen niedergesetzten sogenannten Jugendschriften- Kommissionen. Diese machen sich zur Auf gabe die Prüfung der Jugend- und Volksschriften- Litteratur nach bestimmten sittlichen und erziehe rischen Grundsätzen. Sic veröffentlichen ihre Kritiken teils in Lehrerzeitungen, teils in beson deren Katalogen in der Absicht, daß auf Grund dieser Vorarbeiten die Anschaffungen für Jugend und Volksbiblivtheken erfolgen sollen. Eine eigens der Kritik von Jugend- und Volksschriftcn ge widmete Zeitschrift ist in Aachen entstanden. Ohne Zweifel liegt dem ein gesunder Gedanke zu Grunde; die lleberwachung des Lesestoffes der Schüler gehört zur Aufgabe des Lehrers. Für den Verlagsbuchhändler haben Empfehlungen seiner Verlagsartikel in solchen Verzeichnissen den Vorteil recht nachhaltiger Wirkung Dem gegen über fällt es — vorläufig noch — nicht allzusehr ins Gewicht, daß es der -Jugendschriften-Kom- missioncn» schon ziemlich viele, selbst in ganz kleinen Städten giebt, also der Nutzen der ein zelnen Besprechungen in mäßigen Grenzen sich bewegt. Bei dem fröhlichen Keimen und Empor- spriehen solcher Kommissionen ist es freilich bald möglich, daß der Verleger sich mit allen nicht mehr einlassen kann. Seit mehreren Jahren habe ich diese kritische Bewegung mit Interesse verfolgt und mich über manche tüchtige Leistung, manchen gesunden Ge danken gefreut. Aber auch eine Gefahr glaube ich in dieser Richtung zu sehen: den wach senden Druck eines ganz einseitig schul- meisterlichen Urteils aus einen wich tigen Zweig der Litteratur. Diese ausschließlich von Lehrern und zwar häufig von Volksschullehrer», also nicht akademisch gebildeten Männern geübte Kritik läuft Gefahr, das Buch nicht aus dem Geiste des Verfassers, aus der Art des Stoffes heraus zu beurteilen, sondern an dasselbe den mechanischen Maßstab bestimmter allgemeiner pädagogischer und mo ralischer Grundsätze zu legen. Was aus diesem Prokrustes-Bett hervorragt, das wird abgehackt. Als Nächstliegenden Beleg für diese Auffassung führe ich die landläufige pädagogische Kritik über den »Struwwelpeter» an. Daß dieses Buch des halb unsterblich ist. weil seine Bilder und Knittel verse das Erzeugnis einer glücklichsten Stunde eines Genies für Kinderhumor sind, das habe 'ch noch nicht gewürdigt gefunden. Es wird der für gewöhnliche Leistungen ganz richtige Grund satz ausgestellt: -Dem Kinde dürfen keine Zerr bilder geboten werden», folglich fort mit dem Struwwelpeter! Man trennt eben nicht Struwwel peter den Einzigen von der Struwwelpcter- Litteratur. Dann ein erschreckendes Ueberhandnehmen einer Zimperlichkeit in dieser Kritik, die bald Wohl schon bei den Worten -Mann» und -Weib» erröten wird. Vor sieben Jahren wurde eine Darstellung griechischer Heldensagen von einem tüchtigen Archäologen aus den: Reichtum antiker Bildwerke illustriert. Es wurde der Grundsatz ausgestellt, daß in Anbetracht der Be stimmung des Buches für jugendliche Leser bei der Darstellung des Nackten zwar jede notwen dige Vorsicht geübt werden solle, daß zwar alle geschlechtlichen Unterscheidungsmerkmale an den dargestellten Figuren sogleich zu verdecken seien, daß dann aber der im übrigen nackte männliche und der genügend verhüllte weibliche Körper eine sittliche Gesahr nicht mehr bilden. Nach keuschester § Durchführung dieses Planes hatten wir denn auch die Freude, daß damals, 1882, die gesamte r- Sprechsaal. ^ Kritik das Buch als selbst für Pcnsionsfräuleins! unschädlich erachtete. Jener ganz neuerdings überhand nehmende» Schulmeisterkritik schreibe ich es zu, daß jetzt, also nach wenigen Jahren, die Ansichten sich schon ganz erheblich geändert zu haben scheinen. Derselbe Archäologe gab kürzlich in demselben Ver lage eine nach denselben Grundsätzen illustrierte griechisch-römische Götterlehre heraus. Schon einige Sätze im Text erregten Grausen, z. B. »Vor allen Dingen aber ist es ein Gürtel, von Gold glänzend, der mit geheimem Zauber alle Reize <der Aphrodite) birgt» — also nicht mehr, als jeder Tertianer offiziell in seinem Homer liest. Bon den Bildern wurden u. a. als verderblich beanstandet: Zeus und die Giganten (aus dem Pergamonfrics; Hephästos, bekleidet, aber mit entblößter linker Brust und Schulter: eine Eros- Büste mit Andeutung der Brustmuskulatur; ein Kentaur — notabene sämtlich in der vorsichtigsten Weise ausgewählt und dargestellt Solche Abgeschmacktheiten führen zur Un natur. Geht es noch einige Jahre so fort, so wird man Schillers -Teil» entweder aus den Schülerbibliotheken entfernen, oder doch den ersten Auftritt dahin ändern, daß Wolfenschicßen er schlagen wurde, weil er der Frau Baumgarten die Silberkettchcn vom Berner Mieder stehlen wollte. Im -Gang nach dem Eisenhammer» wird der Knabe Fridolin künftig wohl wegen Nasch haftigkeit dem entmenschtcnPaarzugesandtwerden. Alan soll gewiß der Jugend keinen vor zeitigen Sinnenreiz bereiten. Jene Zimperlichkeit aber ist eben so lächerlich, wie den Kindern gegen über unnütz.*) Sollte diese Altjungfern-Kritik im Lehrerstande zur Regel und eine Macht tverden, nüt der Schriftsteller und Verleger rechnen müssen, dann ist die gesunde natürliche Entwickelung der Jugend-und Bolkslitteratur ernstlich beeinträchtigt. k. V. *) Daß auch ein hochangesehener Schulmann und Direktor einer mit Lehrerinnenseminar ver bundenen Töchterschule dieser Ansicht sein kann, zeigt folgende Aeußerung eines solchen: -Die Jugend unserer Tage sieht so vielerlei mytho logische Darstellungen, daß »ach meiner Er fahrung die Unbefangenheit und der reine Sinn am besten gewahrt bleiben, wenn wir in völliger Unbefangenheit ihr die berühmtesten Götterbilder auch wirklich vorführen.» Zu den Berliner und Leipziger Beschlüssen Bei der gegenwärtigen Phase des Kampfes im Buchhandel, welcher durch die letzten Berliner und Leipziger Beschlüsse leider für das Gesamt wohl eine so traurige Wendung genommen hat, ist es wohl an der Zeit, auf einen Uebelstand hin zuweisen, der bisher — unerklärlicherweise — noch so gut wie gar nicht beachtet worden ist, während doch das fetzige unhaltbare Prinzip seiner innerlichsten Notwendigkeit halber früher oder später daran scheitern muß. Dieser Grund fehler liegt darin, daß die ganze Bewegung im Buchhandel in einem wesentlichen Punkte die Gerechtigkeit vermissen läßt, welche hier wie stets und überall eine der unerläßlichsten Vor bedingungen jedes dauernden Erfolges ist. — Wie ist cs von diesen: Gesichtspunkte ans nur möglich zu verlangen, daß derselbe vorge- schricbenc Verkaufspreis, um dessen Einhaltung allerorten sich doch die ganze Existenzfrage des Buchhandels in seiner jetzigen Gestalt dreht, an den Ccntralortcn wie an den Grenzen seines Gebietes ausrecht erhallen werden soll, so lange die Bezugsbedingungen bei den verschiedenen Entscrnunge» so ungleiche sind; so lange der 1 Sortimenter allein die Fracht für seine Ware > hin und zurück zu tragen gezwungen ist! Wie I ist es zu rechtfertigen, wenn der Verleger vcr- l langt, der Sortimenter soll in Leipzig und in Königsberg denselben Verkaufspreis einhalten, während der erstcre das Buch so erheblich bil liger durch Ersparnis an Fracht und Spesen einkaust, als der letztere! Wenn der Berliner Buchhandel bei nur 1l>o/g Abzug sich recht gut steht, so hört für die 50 Meilen entfernten Kollegen bei schon 5"/o Rabatt der Verdienst auf. Diese Ungleichheit der Chancen, welche dem Sortimenter, je weiter er von den Centralorten entfernt wohnt, desto erheblicher die Ware verteuert, und umgekehrt, den Geschäften an den so bevorzugten Orten es ermöglicht, bei gleichem Geschäftsgewinnc bil liger zu verkaufen, ist der natürliche Stamm des ganzen Uebcls; der Kundenrabatt ist nur ein wilder Schößling, der aber nie und nimmer anders zu beseitigen sein wird als durch Aus rottung des Stammes von der Wurzel an. Daß das Ziel nur vom Vcrlagsbuchhandel ausgehen kann, wird auch bei dieser Auffassung zweifellos und unbestritten sein. Mag derselbe den Durchschnitlsrabatt soweit reduzieren, um überallhin den Wicdervcrkäusern die Ware spe senfrei ins Haus liefern zu können; bei Novi täten müßte auch die Rücksendung auf Kosten des Verlegers geschehen; die richtigen Normen würden sich bald aus der Praxis ergeben. Dann erst wird die Forderung eines gleichen festen Verkaufspreises allerorten gerecht! Für die Centralplätze ist der bisherige zu hohe Gewinn weder ein Segen noch eine Not wendigkeit gewesen; den dortigen Kollegen blei ben auch noch immer andere Vergünstigungen, z. B. die Ersparnis des Kommissionärs u. s. w. Aber auch der Provinzial-Buchhändler kann sich eine Verminderung des Normalrabatts ge fallen lassen, wenn ihm die wesentliche und drückende Last der Frachtspesen abgenommcn wird und er ohne Kundenrabatt, der dann von selbst sortfällt, auf anständige, seiner Branche würdige Weise, durch Tüchtigkeit anstatt durch Schleudere!, allerorten gerechterweise konkurrenz fähig geworden ist. Das wäre der Segen der Gerechtigkeit! — Oixi. — * Das war einmal seit letzter Kampsesauf- nahme gegen den von Berlin und Leipzig neuer dings aufgenommenen und seitdem vielfach be fehdeten Beschluß, 10»/gigc Rabattierung wieder eintreten zu lassen, eine kerngesunde und bündige Beschlußfassung, die des Herrn Dülfer in Breslau in Nr. 28 des Börsen blattes. Der leider nun wieder unter dem Drucke des hohen Rabattgebens durch die Leipziger und Berliner Stellungnahme stehende Provinzial- Sortimenter darf erhoffen, zum mindesten er warten, daß namhafte Verleger die kategorische Erklärung Herrn Dülfcrs ausnehmen und selbe zu der ihren machen werden. Das Nebel kann nur durch Anschließung an die Dülser'schc Idee in etwas, wenn auch nicht ganz beseitigt werden. Nur vom Verlag kann die vom Sortiment mit gutem Recht begehrte Besserung herbeigcführt werden, und jeder, ob Berliner, Leipziger oder Provinziale, ist ebenso abhängig vom Verlag, wie das Ei von der Henne. Und —?, so wird man sich sragen —, warum können die in bevorzugter Stellung sich befinden den Verleger in Beschreitung des seitens Herrn Dülsers gewiesenen Auswegs nicht Front gegen die zurückgesallenen Leipziger und Berliner machen? Ihnen liegt zweifellos doch auch die Lage der Provinzialen am Herzen? — D'brg., 8. Februar 1889. b'r. Leb.
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
- Doppelseitenansicht
- Vorschaubilder