Suche löschen...
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 07.03.1921
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1921-03-07
- Erscheinungsdatum
- 07.03.1921
- Sprache
- Deutsch
- Sammlungen
- LDP: Zeitungen
- Zeitungen
- Saxonica
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id39946221X-19210307
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id39946221X-192103078
- OAI-Identifier
- oai:de:slub-dresden:db:id-39946221X-19210307
- Nutzungshinweis
- Freier Zugang - Rechte vorbehalten 1.0
- Lizenz-/Rechtehinweis
- Urheberrechtsschutz 1.0
Inhaltsverzeichnis
- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
- Jahr1921
- Monat1921-03
- Tag1921-03-07
- Monat1921-03
- Jahr1921
- Links
-
Downloads
- PDF herunterladen
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
«S-l-nblaU I. d. Dgch». «»chh-ndkl Redaktioneller Teil. tdk 55, 7. März 1921. städten machen heute die Schaufenster der Musikalienhandlungen vielfach einen beschämenden Eindruck: Schlager, nichts als Schta- ger, mit schreienden Titelbildern und fremdartig klingenden oder das Pikante heraussuchenden Aufschriften, besonders bet mo dernen Tänzen, Karabetlgesängen und Couplets, nehmen den breitesten Raum ein. Es wäre zu wünschen, das; das Musiksorti ment bei dem Vertrieb dieser »Schlager« vorsichtiger würde und sich bemühte, sie, zur Wahrung seiner guten Ansehens, in den Hintergrund zu drängen. Eine vollkommene Umwälzung ist auf dem Gebiete bei Orchestermusik eingetreten, vor ollem bei der Unterhaltungs- musik, da die Militärkapellen fast ganz verschwunden sind und sich größere Orchestervereinigungen infolge der Finanznöte nich. mehr halten können. Wo einstmals solche Orchester ihr täglich Brot fanden, spielen heute nur noch wenige Musiker in der Salon orchester-Besetzung. Der Verlag hat sich allgemein hierauf — zunächst unter erheblichem Kostenaufwand — einstellen müssen. Am ungünstigsten stehen die großen staatlichen und städtischen Orchester, die mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und fast allgemein zuerst immer bei der Beschaffung des Notenmaterials zu sparen beginnen. Darunter leiden die Verleger seriöser Musik sehr bedeutend, und die Herausgabe von Novitäten auf diesem Gebiete (Sinfonien, großen Konzertstücken usw.) wird fast zur Unmöglichkeit. Nicht minder schwer leidet unter den heutigen Verhältnissen die Musikwissenschaft, denn zumal schwerwissenschaftliche Bücher, die naturgemäß nur in beschränktem Umfange Absatz finden können, sind in der Herstellung so teuer, daß sie kaum zu einem für Musikbeflissene erschwinglichen Preise in den Handel gebracht werden können. Förderlich für den Verlag wurde das Wiederaufleben der Vereinstätigkeit in den Vereinigungen der Männer-, gemischten und Frauenchöre und das Anwachsen des Interesses für gute Kammermusik, die jetzt auch in den Konzertsälen infolge der not- gedrungenen Ausschaltung der Orchester — insonderheit in mitt leren und kleinen Städten — in erhöhtem Maße Eingang findet; glücklicherweise stieg auch der Bedarf an solider Hausmusik, nur lassen sich für diese nicht die Phantasiepreise erzielen wie für die Schlager und — Frau Musika sei's geklagt — für die Schundmusik. Im allgemeinen war noch ein großer Kunsthunger im deutschen Volke bemerkbar, der in Großstädten seinen Ausdruck darin fand, daß aus Privatmitteln neue Orchestervereinigungcn gebildet wurden, die von ernstem Streben beseelt sind und hof fentlich erfolgreich zur Veredelung des Geschmacks, auch der brei teren Masse, beitragen werden; möge es glücken, diese Neugrün dungen zu erhalten und finanziell so zu stützen, daß in erhöhtem Matze auch Novitäten der seriösen Musik zur öffentlichen Auf führung gelangen können, ohne den Musikverlag dabei von den ihm bitter notwendigen pekuniären Vorteilen auszuschalten, da mit er sich auf diesem Gebiete weiter betätigen kann. Mit der Opern- und Operettenmuflk sind mittlere — aber nirgends durch schlagende — Erfolge erzielt worden; der Verlag solcher Werke wird in allererster Linie durch die enorm hohen Herstellungskosten erschwert, sowie durch die allerorten vorhandenen großen Fi nanznöte der Bühnen. Der Verkehr mit dem Ausland ist nach den sogenannten neutralen Ländern gut und gewinnt durch die Auslandverkaufs ordnung, die mit Ende des Jahres in die richtige Bahn ge kommen sein dürfte. Nach den Ententeländcrn bricht er sich nur langsam Bahn; es steht aber zu hoffen, daß die »Deutsche Ge sellschaft für Auslandbuchhandel--, die sich in dankenswerter Weise auch des Musikverlags annimmt, dazu beitragen wird, die Ab satzgebiete auch dort wieder zu eröffnen. Zur Revolution der Rechtschreibung. Die Rechtschreibungsreformer haben die Schwierigkeit des von ihnen unternommenen Werkes offenbar erkannt und sich nun auf einige wenige Punkte zurückgezogen, von denen wiederum nur einer von Bedeutung ist, dieser aber von um so größerer: die Beseitigung der Dehnungszeichen. Es sei dieser Vorschlag, ohne auf die weiteren Fragen der Rechtschreibungsänderung 272 amerhaupl näher einzugehen, einer kurzen Prüfung unterzogen. Dabei wird sofort deutlich, daß es sich hier um eine in der Überstürzung bezogen« Rückzugsstcllung handelt, deren Zweck Mäßigkeit man sich wenig oder gar nicht überlegt hat.' Von Keiser, Akst oder Achst und Türann soll darum hier nicht ge sprochen werden, auch nicht von Zizero (mit der Antike ist es ja ohnehin vorbei), wie von Al, Bere, Mos. Aber Formen wie cntsten, Hön, Mer und rüren, erzin (oder erzien?), Libelei, schißen, ererbilig, ziren oder bemüt, Merwert, Schitzban, zit, blis, entsteh zergeh Mitvertrag neben Miterbe, Bandamm neben Bandendc fordern doch «ine etwas nähere Betrachtung heraus --- oder vielmehr nur einmal vor Augen gestellt, dürften sie sofort deutlich werden lassen, daß es sich hier um keinen Fortschritt, sondern um einen Rückschritt handelt. Man begründet die »Reform«, und zwar ausschließlich damit, daß die auf den Nechtschreibeunterricht verwendete Zeit gespart werden sollte. Man hat sich offenbar gar nicht klar gemacht, daß lOvvmal mehr Zeit dann später auf das Lesen verwendet werden muß, denn auch der an diese Rechtschreibung Gewöhnte wird immer erst sich durch Gedankenoperalion klarmachen müssen, um welche Form es sich eigentlich handelt. Man muß sich auf seiten der Reformer gar nicht einmal solche Gebilde vor Augen gestellt ha ben, denn wenn man das tut, sieht man eben, daß, wie so oft, die alte gute Zeit Wohl gewußt hat, warum sie ein paar Schnörkel oder Erker beibehalten hat. Also mit der Ersparnis an Zeit ist es nichts, ebensowenig mit der an Raum, womit man auch Wohl schon Stimmung zu machen gesucht hat. Denn es fallen, wie man sich leicht überzeugen kann, auf einer Zeile immer höchstens doch nur ein paar Buchstaben fort, sodaß selten einmal eine neue Silbe, etwa ein-Artikel wird untergebracht werden können. So werden also höchstens ein paar Milligramm Drucker schwärze gespart. Was dafür an Werten ruiniert wird, darüber ist ja schon genug gesagt worden. Ohne auch sonst auf Weiteres einzugehen, sei nur besonders darauf hingewiesen, wie zweckmäßig es ist, in dem Augenblick, wo der deutsche Unterricht im Aus lande wieder ausgenommen wird, wo wir Kulturpropa- ganda treiben, um deutsche Literatur ins Ausland zu brin gen, dem Ausländer die Lektüre deutscher Schriftwerke derartig zu erschweren und zu verekeln, und zwar eben nicht nur dem, der die alte Rechtschreibung gelernt hat und nun jedes Buch mit der neuen einfach verärgert in dis Ecke werfen würde, sondern auch dem, der die neue Rechtschreibung gleich lernt, der aber eben bei jeder Form ein großes Rätselraten beginnen muß. Nun hat man zwar sich auf seiten der Reformer offenbar alles dies nicht klargcmacht, aber doch gesagt und vorsorglich schon in Aus sicht genommen, daß »da, wo ein Doppelsinn entstehen könnte, in alter Weise weiter unterschieden werden könne, wenn auf die Unterscheidung Wert gelegt wird (Lid —Lied), unbedingt soll un terschieden werden ihn, ihm von in, im«. Wer entscheidet denn dann, ob unterschieden werden soll oder nicht? Unterscheidet man vergißt (vergessen) und vergißt (vergießen)? Schreibt man daun durchweg vergießen? Auch gießen, ausgietzen? usw., wo doch keine Verwechslung möglich ist? Wer stellt das fest? Wie heiß! die Regel? Das wird doch dann erst recht die reine Willkür, während cs sich bei den jetzigen scheinbaren Unregelmäßigkeiten um organisch Gewachsenes und, wie man bald erkennt, wenn man sich einmal konkret die neuen Formen vor Augen hält, Wohl überlegtes handelt. Dann müssen die armen Kinder, um deret- willen man jetzt die ganze Sache macht, doch wieder einfach lernen: hier wird unterschieden und dort wird nicht unter schieden. Was in aller Welt ist denn dann gebessert? Genauso verwirrend ist praktisch die Unterscheidung zwischen silbentrennendem und Dehnungs-H. Man schreibt also bemühen aber auch bemüht — oder bemüt? Bemühst oder bemllst? (Der Ausländer wird das dann leicht mit müssen in Verbindung brin gen.) Mühsam oder müsam? Entstehen — aber auch entstehst oder entstest? Wenn die Gelehrten sich darüber einig sind, ob hier Dehnung?« oder Trennungs-H vorliegt (ich weiß es nicht) — der unglückliche Volksschlller ist es zweifellos nicht. Er muß. einfach wieder lernen! Und welche Regel? Also auch hier wieder statt Vereinfachung — Verwirrung.
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
- Doppelseitenansicht
- Vorschaubilder