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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 12.09.1917
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1917-09-12
- Erscheinungsdatum
- 12.09.1917
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- Deutsch
- Sammlungen
- Saxonica
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Redaktioneller Teil. .4? 213, 12. September 1917. geschah und die Erker standen leer. Als Lager dienten roh gezimmerte Holzbetten mit Holzwollsäcken. Außer zwei kleinen Tischen und einigen Stühlen war von der alten Einrichtung nichts mehr vorhanden. An den Wänden waren einfache Holz bretter zum Aufstellen unserer Sachen angebracht. Als Wand schmuck dienten Tornister, Helme und einige Jugend-Bilder. Trotzdem war es abends beim Scheine der elektrischen Lampe ganz gemütlich, besonders wenn der Ösen infolge unserer ver einten Bemühungen sich herbeilietz, wohltuende Wärme zu spen den. Zum Abendessen wurde Kaffee oder Tee getrunken, der wochenweise von einem der Kameraden abwechselnd bereite! wurde. Als Tischtücher dienten alte unverkaufte Zeitungen. Rach Tisch wurde gelesen, geraucht und auch hier und da zur Laute gesungen. Recht spät ging es meist aus das harte, wenig zur Ruhe einladende Nachtlager. In die Stille der Nacht klang dann das dumpfe Gedröhn des Kriegsgewitters der Somme, das die Fenster erzittern machte, nur unterbrochen von der oft vieltönigen Schnarchmusik der Kameraden. Früh bald nach sieben Uhr entspann sich regelmäßig ein seltsames Wettrennen. Alles stürzte in höchster Eile halb an gekleidet, mit Seife und Handtuch in der Hand, zur Küche hin unter, um dort die tägliche Waschprozedur vorzunehmen. In« zwischen brodelte der Kaffee. Mit großem Hallo wurde er auf getragen, und dann ging's kurz vor 8 Uhr im Geschwindschritt zur Buchhandlung. Von einer schmalen Gasse aus traten wir durch eine kleine Hintertür und einen merkwürdig engen Gang, von dem aus eine Art Hühnerleiter nach oben führte, erst in eine winzige Küche und dann vom Packraum in den Verkaufs laden. Die Mittagszeit betrug anderthalb Stunden. Das Mittagessen wurde in der etwa eine Viertelstunde entfernt ge legenen Kaserne eingenommen. Die nach der Mahlzeit und den Hin- und Rückwegen noch übrigbleibende Zeit ging mit Stuben reinigen, Holzhacken und Ofenzurechtmachen drauf, so daß kaum einige Minuten zur kurzen Erholung übrig blieben. Bald sollten jedoch die Tage von St. Quentin für mich ein Ende haben. Das Lager der Armeebuchhandlungen, von dem aus die einzelnen Feldbuchhandlungen der xten Armee mit Büchern und Material versorgt wurden, hatte wegen großer Arbeitsübcrhäufung dringend noch eine» weiteren Mann ver langt, und ich war dazu als zuletzt Angekommener ausersehen. Bald war der Tornister gepackt, und ehe ich mich versah, war ich auf dem Wege zum Bahnhof. Noch einmal grüßte ich St. Quentin, das vom abfahrenden Zuge aus mit seiner be rühmten Kathedrale einen malerischen Anblick gewährte, und dann ging es dem neuen, noch unbekannten Ziele zu. Das Lager der Armeebuchhandlungen der xten Armee war erst vor wenigen Monaten von St. Quentin weiter zurück auf einen Eisenbahnknotenpunkt verlegt worden. Man wollte die wertvollen Bestände jedenfalls in größerer Sicherheit vor Bombenwürfen wissen; auch bot der neue Niederlassungsort noch besonders günstige Versendungsmöglichkeiten. Das Lager war in einem etwa 25 Minuten vom Bahnhofe entfernt liegenden Fabrikgebäude untergebracht. Von hier aus wurden die zahlreichen bis dicht an der Front liegenden Feldbuchhand lungen des Armeebereichs, deren Betrieb von der Firma Franz Leuwer in Bremen gepachtet war, mit Büchern, Papierwaren usw. versorgt, während die Zeitungen und Zeitschriften als Bahnhofsbriefe überwiesen wurden. Das Ganze hatte unge fähr den Anstrich eines kleinen Barsorttments, denn bei dem steten Bedarf der Feldbuchhandlungen war erklärlicherweise ein recht großes Lager erforderlich, das fortgesetzt durch weitere regelmäßige Zufuhren aus Deutschland ergänzt werden mutzte. Es war damals etwa ein Stamm von 8 Soldaten unter einem Unteroffizier tätig, hiervon waren etwa drei Buchhändler, die übrigen gehörten den verschiedensten Berufen an. In besonders arbeitsreichen Wochen wurden von der Armee noch besondere soldatische Hilfskräfte zur Verfügung gestellt. Die körperlich vielfach recht anstrengende Tätigkeit bestand in der Hauptsache im Aus- und Einpacken der Kisten und Ballen, in den verschie densten Lagerarbeiten, im Fakturieren und Zusammenstellen der Sendungen und im Ab- und Einladen der Kisten auf die Ge spanne, Kraftwagen oder Eiscnbahnwaggons. Alles recht un- 1078 gewohnte Beschäftigungen. Die Arbeitszeit war von früh 8 bis 1 Uhr mittags und von 3 bis 7 Uhr abends fsstgelegt, doch mußte abends öfter nachgearbeitet werden. Auch die Sonn- und Festtage machten darin selten eine Ausnahme, und erst vom Frühjahr ab gab es in der Regel freie Sonntagnachmittage. Bei dem ewigen Straßenschmutz steckte man fast stets in langen Stiefeln, und wer die kleine Schar in den durch die Lager und Kistenarbeit arg mitgenommenen Uniformen mittags aus dem kurzen Wege zum Essen gesehen hätte, würde sie für alles andere, nur nicht für Feldbuchhändler gehalten haben. Trotz des öden Daseins in dem kleinen französischen Neste bestand ein geselliges Zusammenleben unter den Kameraden nicht. Das eknzige Ereignis war ein Schoppen Bier auf dem ungemüt lichen, von Truppen stets überfüllten Bahnhofe, wohin man auf halbstündigem, meist durchweichtem Wege gelangte. Untergebracht waren die Kameraden in kleinen Vorort häusern, die in nächster Nähe der Fabrik lagen, und zwar in Einzelquartieren. Ich kam zu einem alten französischen Ehe paar. Das kleine Wohnzimmer, in welchem ich den ganzen Win ter mit meinen Franzosen gehaust habe, war zugleich Küche und besaß nicht weniger als zwei Fenster und drei Türen. Infolgedessen zog es unausgesetzt aus allen Ecken. An kalten Tagen war man genötigt, dicht an den dann glühheißen fran zösischen Herd hinanzurücken, und saß dann da mit heißem Ge sicht und eiskaltem Rücken. Da überdies der Fußboden, wie allgemein in Frankreich, mit Stetnsliesen belegt war, gab's die schönsten, dauerhaftesten Eisbeine. Es geht doch nichts über eine gemütliche, wohlig durchwärmte deutsche Wohnstube! — Tritt man ins Haus, so ist es üblich, das Schuhzeug auszu ziehen. Wenn die Leute dort nicht weite Wege zu machen haben, gehen sie stets in großen Holzschuhen (sabots), die man beim Eintreten in die Häuser einfach vor der Tür stehen läßt. Bei den von Herbst bis Frühjahr so häufigen Niederschlägen und den dadurch verursachten ewig feuchten Wegen ist das eine praktische Sitte. Abends nahm ich mit meinen französischen Hausleuten das Essen gemeinsam ein. Da die Franzosen leiden schaftliche Raucher sind, besorgte ich meinem Monsieur ab und zu Tabak. Dafür gab's dann abends mal einen Napf mit Milch reis, Kartoffelbrei, dies oder jenes Gemüse oder die knusprigen Bratkartoffeln, auf französische Art in Scheiben geschnitten und in Schmalz geröstet. Monsieur Lcmaire war ein rüstiger Sechziger. Er liebte es, mir nach Tisch ununterbrochen schmökend lange politische Reden zu halten, von denen ich oft nur die Hälfte verstand. Auffallend ist bei den Franzosen, auch der einfachsten Kreise, ihre angeborene Höflichkeit, hinter der sich aber, wenigstens uns gegenüber, wohl viel Unaufrichtigkeit verbirgt. Mit großem Stolz reden sie alle von ihrer an der Spitze marschierenden französischen Kultur. Daß die Leute aber zum Beispiel im Städtebau, der Wohnungspflege und einfachen hygienischen Ein richtungen erheblich hinter uns zurück sind, möchte ich nicht un erwähnt lassen. Madame Lemaire, die im Hause das Regiment führte, war etwa im gleichen Alter wie ihr Gatte. Außer der bei den französischen Frauen so häufig beschnurrbarteten Ober lippe sproßte ihr auch noch unter dem Kinn ein ganz ansehn licher Bart. Als Beleuchtung diente in Ermangelung von Petro leum eine kleine, ganz primitive, ewig flackernde Schmalzfunzel, an der Monsieur fortgesetzt herumstocherte. Schon gegen H10 Uhr ging es infolgedessen zu Bette. Da irgendeine Ge legenheit zum Baden weit und breit nicht vorhanden war, stellte ich mir allsonntäglich zum Staunen meiner Franzosen einen großen Kessel mit warmem Wasser in eine dem Hause angebaute kleine Remise, wobei mir die dort gleichfalls untergebrachten Kaninchen neugierig zuschauten. Den ersten freien Sonntagnachmittag im Frühjahr benutzte ich, um dem befreundeten Kollegen Sch. in dem etwa drei Stunden entfernt liegenden Städtchen L. einen kleinen Besuch zu machen. Nach etwa einstündiger Wanderung traf ich unterwegs einen französischen Einspänner, der mich vorbei an der 1914 in einer Schlacht gegen die Engländer zerstörten Vor stadt bis vor die Tür der erst kurze Zeit vorher eröffneten kleinen Buchhandlung brachte. L. ist ein ganz nett zwi-
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