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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 08.08.1917
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- 1917-08-08
- Erscheinungsdatum
- 08.08.1917
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Redaktioneller Teil. 183, 8. Augus! Wandermeiodien: »Osl wurde die Frage aufgeworfen: Warum jetzt leiue Volksweisen mehr auftauchen wollen, welche sich mit den alten messen könnten? Ich benutze die Gelegenheit zu einer Antwort, Ehemals wurden die notwendigen Ingredienzen vor zugsweise den Werken der Meister entnommen, namentlich boten I, A, Hiller, Mozart, I, A. P. Schulz, I. Fr, Reichardt geeig nete Motive in Menge, und es liegt auf der Hand, das; der Liederschatz, welchen wir als Vermächtnis unserer Vorfahren besitze», im Vergleich zu der Singerei jetziger Zeit wirklich ein Schatz ist. Heutzutage verfährt man anders! Nicht mehr die besten Früchte des musikalischen Baumes sind es, welche das Volk einheimst, nein, es greift unbewußt, d, h. es vermag Gutes und Böses schon lange nicht mehr zu unterscheiden, nach dem Schlechtesten, Die erbärmlichen Trivialitäten der modernen Tanzliteratur, der Offenbachsche Cancan und die klingenden Gemeinheiten einheimischer Possenfabrikanten: das sind die Fundgruben! Wer lehrt das Volk erkennen?« Diese Sätze wurden bereits 1868 geschrieben! — Man kann nicht behaupten, daß seitdem sich die Zustände gebessert hätten. Im Gegenteil, je mehr das öffentliche Musizieren für die ober» Zehntausend zugcuommen hat, je mehr das Klavierspielen zu einer allgemei nen Krankheil geworden ist, desto schlechter steht es mit dem wirklich musikalischen Sinn in weiteren Kreisen des Volkes, über die Klaviergefahr sagt Hans Joachim Moser in einem in der »Vossischen Zeitung« abgedruckten Artikel »Musikalische Kriegsziele«: »Wolle mau doch endlich der Klavierseuche zum Heil der armen Kinder ein Ende bereiten oder nach An der Hundesteuer eine kräftige Klavicrsteuer einführen, zur Eindämmung des Übels, Der schlimme Umstand, daß hinten ein schöner reiner Ton herauskommt, ganz gleich, ob vorn ein Virtuose oder ein völlig Unmusikalischer auf die Tasten drückt, hat zur Folge, daß auf keinem Instrument der Mangel an Begabung so lange ver borgen bleibt wie aus dem Pianoforte, und daß Kinder jahre lang mir dem Geklimper geplagt werden, die ein mangelhaftes Gehör haben und deren fehlender Musiksinn sofort hätte erkannt werden müssen.« Die Hauptursachc, daß Deutschland — entgegen früheren Zeilen - im Grunde nicht mehr zu den wirklich musikalischen Völkern zu rechnen ist, liegt aber neben der verfehlten Pflege öffentlicher Musik, neben der durchaus ernsthaft zu nehmenden Klaviergefahr aus einem anderen Gebiete. Hermann Kretzsch- mar, Wohl der bedeutendste lebende Musikhistoriker und Musik- Erzieher <er wird am 19, Januar >918 70 Jahre alt), hat vor länger als einem Jahrzehnt schon nachdrücklich in seinen Musi kalischen Zeiifragen (C, F, Peters, Leipzig) daraus hingewicscn, was uns »ottut i er hat jetzt im »Jahrbuch der Musikbibliothek Peters für 1916« in einem Aufsatz »Musikalische Forderungen an die Höheren Lehranstalten« mit großer Klarheit und Schärfe das Gebiet bezeichnet, von dem einzig uns Hilfe kommen kann. Wie es den Einsichtigen zweifellos ist, daß die uns Deut schen so dringend nötigen Fortschritte im politischen Denken nur zu erwarten sind, wenn eine solche politische Geisteserziehung schon in der Schule einsetzt (was damit erreicht werden kann, dafür ist England ein Beispiel sondergleichen), so beweist Kretzschmar, daß auch die musikalische Wandlung, die Schaffung wirklichen Musik-Sinnes und musikalischen Verständnisses nur von der Schule (nicht etwa von der Musikschule!) zu erwarten ist. Wenn in der Schule die Nicht-Musikalischen einfach vom Singen dispensiert werden, wenn trotz aller Rcsormwünsche in höheren Schulen selbst heute iroch vielfach unisono Chor gesungen wird, wenn Singen als absolutes Nebenfach bald eingeschoben, bald fortgclassen, oftmals einem Lehrer, der zwar philosophisch gebildet, aber von Musiktheorie, von Gehör kaum eine Ahnung hat, überlassen bleibt, so sind dies Sünden, die lawinenartig wachsen und die daran schuld sind, daß, wie Kretzschmar über raschender Weise belegt, sich fast alle Fakultäten der Universität im Gegensatz zu früheren Zeiten von der Musik abgewandt haben nnd »unmusikalisch« geworden sind. Und doch, meint er, müsse sowohl der Mediziner von Musik etwas verstehen, da es Krank heiten gibt, für die Musik gut oder schlimm wirkt, wie der Jurist, der als Mitglied von Obrigkeiten und Behörden, namentlich 946 städtischen, über musikalische Angelegenheiten zu entscheiden Hai, wie die Theologen, für die der Gesang und der musikalische Sinn in praktischer Ausübung und bei Überwachung der ganzen Kirchenmusik unbedingte Notwendigkeit ist. Kretzschmar sagt dann später zusammenfasscnd: »W i r s a h e n i m v o r st e h c n - den, daß alle Fakultäten musikalische Pflich- ten haben, und daraus folgt, daß die Gym- nasicn und höheren Lehranstalten ihre Zog« lingedafürrechtzeitigundgenügendausrüstcn müssen. Sonst wird aus den Deutschen, trotz aller Abonnements« und Agenten-Konzerte, ein unmusikalisches, ein in der seelischen Schwungkraft schwaches Volk«, Er knüpft daran die Frage, welche Forderungen an die Gymnasien zu stellen sind, damit der beabsichtigte Zweck, die Hebung des allgemeinen musikalischen Sinnes, erreicht werden würde. Was zu Luthers und Melanchthons Zeiten musikalisch für die deutsche Jugend getan worden ist, zunächst zum Besten des Kirchengesanges, weiter aber auch zur Bildung des Charakters und des Gemütes, dazu oder zu Ähnlichem müßten auch wir wieder kommen, Berichte aus dem >6. Jahrhundert erweisen z, B,, daß in Frankfurt a, M, an allen sechs Tagen der Woche jeweils um l Uhr Musik getrieben wurde, Freitag und Sonn abend Theorie des Gesanges, die übrigen vier Tage praktisches Singen, und zwar wurde der Unterricht vom Kantor erteilt. Da die Schüler heutzutage durch Unterrichtsfächer verschie denster Art schon völlig in Anspruch genommen sind, ist eine Vermehrung der Singestunden bei den meisten Schulen nicht zu erwarten, um so dringender müssen die vorhandenen Stun den aufs äußerste ausgenutzt werden, Dispensationen darf es überhaupt nicht mehr geben. Die Stimmkranken und zunächst Unmusikalischen müssen zuhören. Ferner müssen als übungs material ausschließlich Werke benutzt werden, die durch poly phonen, einwandfreien Satz und durch Auswahl ausschließlich erprobter guter Musik den musikalischen Sinn von Stunde zu Stunde wirklich wecken und fördern. Die Voraussetzung dafür, daß diese Forderungen gute Früchte tragen, ist natürlich die Einstellung wirklicher Musiker als Gesanglehrer, Da diese Ein stellung nun größtenteils durch Behörden erfolgt und diese Be hörden, wie erwähnt, hervorragend unmusikalisch zu sein pfle gen, so ist auch hier ein schlimmer Ring von Ursachen und Wir kungen unverkennbar, doch darf mau trotzdem auf baldige und energische Besserung hoffen, wenn Stimmen wie die von Her mann Kretzschmar nicht Stimmen in der Wüste bleiben, sondern weithin gehört werden. Denn täuschen wir uns darüber nicht: es ist dies nicht eine Frage, die nur den engen Kreis der Musiker und musikalisch Beflissenen angeht, es sind vielmehr ernste nationale Forderungen, die hier gestellt werden. Schon im 17, Jahrhundert hat der Stralsunder Bürgermeister Sastrow gesagt, daß Singen die Jugend moralisch fördere, ihren Mut Wecke und die Lomplsxi» san^uiuea vermehre. Vielleicht tun wir also gut, mit der Proklamation einer neuen deutschen Nationalhymne zu warten, bis eine musika lischere Generation uns eine wirklich nationale, begeisternde und ergreifende Weise bescheren kann, Paul Ollendorff, Bernhard Funk (Malchin, Meckl), Grundlagen deutscher Zukunft. 8°. 6i S, Leipzig 1917, Verlag von TheodorWeicher. Ladenpreis geheftet 1.20. Die Freigabe der Erörterung unserer Kriegsziele bat dem Ver fasser der obigen Schrift Gelegenheit, der Allgemeinheit seine Ge danken über eine der wichtigsten Zeiifragen zu unterbreiten. Wir wür den keine Veranlassung nehmen, uns mit diesen Erörterungen meist rein politischer Art zu befassen — eine Fachblatt ist dafür nicht der rechte Plah , wenn der Verfasser nicht ein Bernfsgenosse von uns wäre und nicht die Behandlung einiger Fragen in seine Darstellung einbezogen hätte, die auch den Buchhandel angehen. Voransgeschickt muß werden, das; er vom rein dentschvölkischen Standpunkte ausgcht. also einer Richtung, über die die Meinungen im Buchhandel z. T. sehr wesentlich auseinandergehen dürften. Von den Kapiteln »Auftakt«,
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