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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 05.05.1927
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- 1927-05-05
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x° 104. 5. Mai 1927. Redaktioneller Teil. Unterbibliothekar tätige, gewissenhafte Konrektor an der Ntkolai- schule Johann Gottlob Lunze wieder mehr Ordnung in die verwahr losten Kataloge gebracht. Dieser wackere, fleißige Mann hat noch unter Müllers Nachfolgern im Vorsteheramt, dem Bürgermeister Christian Gottfried Hermann (1801 bis 1813), dem ehemaligen Tischgenossen Goethes an der Schönkopsschen Tafelrunde, und dem Ratsherrn Hein rich Blttmner (1813—1831) bis zum Jahre 1820 sogar in den Schul ferien von morgens bis abends für ein jährliches Taschengeld von 50 Talern nur aus Liebe zur Sache in der Bibliothek gearbeitet, die er in einer Eingabe aus dem Jahre 1816 mit einem resignierten Seufzer eine »tote Einöde« nennt. Diese Charakterisierung erinnert unwill kürlich an die bekannte, tragische Kritik Friedrich Adolf Eberts über die akademischen Bibliotheken aus dem Jahre 1811, die der damals Zwanzigjährige als »staubigte, öde und unbesuchte Säle« bezeichnet, »in denen sich der Bibliothekar wöchentlich einige Stunden von Amts wegen aufhalten muß, um diese Zeit über — allein zu sein«. Die trüben Erfahrungen für dieses scharfe Urteil hat Ebert auch in unserer Bibliothek sammeln können, da er bereits 1806 während der Leipziger Schülerjahre als ^manuen8i8 seines Lehrers Lunze in der Stadt bibliothek seine erste bibliothekarische Lehrzeit verbrachte. Mit dem für Sachsens Staat und Stadt bedeutungsvollen Jahr 1831 begann auch in der Stadtdibliothek die neue Zeit. Die Reorgani sation der städtischen Verwaltung und die allgemein einsetzende Eman zipationsbewegung machte sich auch in der Bibliothek bemerkbar. Daß die angebahntc Wendung in der Richtung auf die moderne Entwicklung erfolgreich war und zu einer zweiten Blütezeit der Bibliothek führte, ist dem Manne zu danken, der vom 1. Mai 1835 bis zum 31. August 1880 das Amt des Bibliothekars geradezu vorbildlich verwaltet hat: Robert Naumann. Er ist eine leuchtende Gestalt unter den deutschen Bibliothekaren überhaupt. Viel zu bescheiden hat er bisher immer im Hintergrund gestanden, obwohl sein Name schon als Gründer und Her ausgeber des »Serapeums«, des ersten bibliothekswisscnschaftlichen Fachorgans und Vorläufers vom heutigen »Zcntralblatt für Biblio thekswesen«, wie der eines Ebert immer unter den Bahnbrechern für den selbständigen bibliothekarischen Beruf genannt werden muß. Die Bibliothek zählte 1832 nach der in diesem Jahre vorgenomme- ncn Abstempelung der Bücher 37 039 Bände, die sich bis 1. Mai 1835 auf 38 099 Bände und während Naumanns 45jähriger Amtsführung auf rund 100,000 Bände vermehrten. Dieses schnelle Anwachsen der Bibliothek hat seinen Grund in bedeutenden, außerordentlichen Erwer bungen, darunter wertvollen Geschenken, die Naumann namentlich durch die Redaktion des »Serapeums« vermitteln konnte. Besonders bereichert wurde die Bibliothek durch 3659 Bände der Schubertschen Bibliothek im Jahre 1837, die Bibliothek des Leipziger Professors der St-aatswissenschaften K. H. L. Pölitz mit zirka 25 000 Bänden im Jahre 1838, die an Theaterliteratur reiche Blümnersche Bibliothek mit 7704 Bänden im Jahre 1839 und im Jahre 1856 die Musikbibliothek des ehemaligen Organisten an der Nikolaikirche Carl Ferdinand Becker mi'l 3277 Werken, eine Sammlung, wie sie in bezug auf die Selten heit der Werke nur noch in Berlin, Wien, München und Frankfurt zu finden ist, und die der »Musikstadt« Leipzig alle Ehre macht. Die Musikbibliothek wurde sogar ebenso wie die Pölitz-Bibliothek bis in das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts durch besondere Beamte verwaltet. Infolge der stetig steigenden literarischen Produktion erfolgten die Neuanschaffungen der Bibliothek seit 1835 nach neuen Grundsätzen. D<r die Rivalität mit der Universitätsbibliothek, deren Bermehrungs- ct,rt damals mit 2000 Talern jährlich fast das Fünffache von dem der Stadtbibliothek betrug, als zwecklos erkannt wurde, und um die beider seitige Zersplitterung der Mittel zu vermeiden, wurde zwischen beide.r A nstalten eine Art von Übereinkunft geschlossen, sich gegenseitig zu er gänzen. Die Pflege der Spezialfächer: Jurisprudenz, Theologie, Me dizin, Mathematik, Naturwissenschaften, Technik und Ökonomie, die im 19. Jahrhundert sich ganz gewaltig ausdehnten, wurde der Univer sitätsbibliothek allein überlassen. Die Stadtbibliothek beschränkte in Zukunft ihr Anschaffungsgebiet auf die allgemeine und spezielle Ge schichte, insbesondere Saxonica, Welt-, Kultur-, Kirchen-, Literatur-, Theater-, Musik-, Kunstgeschichte, Geographie, Philosophie, deutsche und ausländische Literatur. Die Vermehrung der Bibliothek erfolgte weiterhin zum größten Teil aus ihren eigenen Mitteln, die außer durch verschiedene Legate durch eine große Dublettenversteigerung von 5877 Bänden im Jahre 1842 (Nettoerlös: 1708 Taler) und den Ertrag des 1853 zum Besten der Bücheranschaffungcn versteigerten Münzkabinetts (Nettoerlös: 15 553 Taler) planmäßig vermehrt wurden. Waren bis 1853 jährlich ourchschnittlich nur für 600 Taler Bücher gekauft worden, so betrug bis 1875 der Bücherctat durchschnittlich 1000 Taler, der 1876 durch städti schen Zuschuß um 1000 Mark jährlich vermehrt, also auf 4000 Mark erhöht wurde. Den durchaus modernen Gedanken, die Kostbarkeiten der Biblio thek in einer Dauerausstellung dem interessierten Publikum zu zeigen, verwirklichte Naumann schon 1855, indem er einige verschließbare Vitrinen für diesen Zweck anforderte und in» vorderen Raum des großen Büchersaales aufstellen ließ. Diese Ausstellung, für die Nau mann einen Führer mit kurzen Beschreibungen verfaßte und drucken ließ, zeugte von ausgezeichneten buchkundlichen Spezialkenntnissen und hohem künstlerischen Qualitätsgefühl. Die Krone von Naumanns bibliothekarischer Tätigkeit waren seine mit ebensoviel gewissenhaftem Fleiß wie Gelehrsamkeit für die Bibliothek geleisteten bibliographischen Arbeiten. Nauinann ordnete und katalogisierte in kärglich dem Doppcl- amt abgerungenen Mußestunden während 5 Jahren die etwa 1000 abendländischen Handschriften — die etwa 500 orientalischen Hand schriften bearbeiteten die beiden Leipziger Orientalisten Fleischer und Delitzsch —, und im Jahre 1.840 konnte er dem Rat der Stadt den ge druckten Handschriftenkatalog vollendet vorlegen, der für den Stand der damaligen Forschung eine höchst beachtliche Leistung ist. Die Hand schriftensammlung der Stadtbibliothek in ihrer jetzigen Gestalt ist Nau manns Werk. Obwohl Naumann Michaelis 1876 sein Schulamt niedcrlcgte und mit fast 67 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand trat, führte er sein Amt an der ihm ans Herz gewachsenen Stadtbibliothck mit voller Hingabe noch bis zu seinen» Tode ain 31. August 1880 »vciter. Unter nicht weniger als fünf Bibliotheksvorständcn, außer Demuth unter Stadtrat Robert Julius Nollsack (1850—1867), Vizebürgermcister Eduard Stephani (1867—1874), Vizebürgermcister Otto Gcorgi (1874 —1876) und Vizebürgermcister Bruno Tröndlin (1876—1900), hat Naumann erfolgreich gearbeitet und die ihm anvertraute Bibliothek in jeder Weise mit bewußtem Willen und großem Können gefördert. In seinen letzten Lebensjahren hat sich Nauinann »viederholt warn» befür wortend für die tägliche Öffnung der Bibliothek ausgesprochen. Ihre Verwirklichung, die Naumann nicht mehr erleben sollte, führte zun» vollständigen Bruch mit Oer nebenamtlichen Verwaltung. Um den dadurch notwendigen erhöhten pekuniären Aufwand den Stadtver ordneten schmackhafter zu machen, wurde die hauptamtliche Leitung der Stadtbibliothek mit der des Ratsarchivs verbunden, die den» Dezer nenten des Rates gegeniiber die volle Verantwortung für beide Insti tute zu tragen hatte. Durch diese Bereinigung zweier in ihren Auf gaben vollständig verschiedenen Anstalten in einer Hand war doch noch ein Rest der zum Teilen bestimmten, nebenamtlichen Stadtbibliothekar- pcriode übriogeblieben. Ja, man kann sogar von einer jetzt begin nenden, vorübergehenden archivalischen Periode der Stadtbibliothek sprechen. Am 1. Oktober 1881 übernahm die Leitung der Stadtbiblio thek gleichzeitig mit der Direktion des Ratsarchivs der bisherige Gym nasiallehrer an der Nikolaischule Gustav Wustmann, der schon seit An fang des Jahres 1871 unter Nauinann iin Nebenamt als Sekretär — die Amtsbezeichnung des ehemaligen Observators und des heutigen Bibliothekars — wirkte. Bei der Bilanz über Wustmanns bibliothekarische Tätigkeit kann seine w.fsenschaftliche Bedeutung als Germanist und als Erforscher unserer Stadtgeschichte nicht mit bewertet werden. Diese Leistungen, oft Meisterwerke mühsamer, archinalischer Mosaikarbeit, sind unbe stritten. Bei denen des Bibliotheksleiters stehen neben den Aktiv posten auch die Passiva. Auf der Gewinnseite ist folgendes zu buchen. Außer der täglichen Ofsnung der Bibliothek ab 3. Oktober 1881, die, wie wir hörten, noch auf Naumanns Anregung zurückgeht, ist als wesentlicher Fortschritt die Einrichtung eines Hellen und geräumigen Lesesaals zu verzeichnen, der durch den großen Umbau der Bibliothek in den Jahren 1898—1900 an Stelle des ehemaligen Atriums gleichzeitig mit einer Galerie im Büchcrsaal geschaffen wurde. Auch ist Wustmanns Verwaltung ausge zeichnet durch verschiedene große und umsichtige Eriverbuugen, insbe sondere der reichhaltigen Sammlung von Bildnissen und Büsten Goethes von dein Germanisten Friedrich Zarncke im Jahre 1892 und der rund 4200 Bände starken Bibliothek beä Historikers Heinrich von Treitschke im Jahre 1896. Auch die deutsche Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts und die Sammlung der Leipziger Frühdrucke hat Wust man»», unterstützt von seinem feinen literarischen Verständnis und begünstigt durch die damals noch niedrigen Preise, stark ver mehrt- Als Wustmann am 22. Dezember 1010 starb, »var der jähr liche Bücheretat der Bibliothek auf 10 000 Mark und der Bücherbestand auf ungefähr 130 000 Bände gestiegen. Trotz aller Anerkennung aber bedeutet Wustmanns Bibliotheks leitung einen großen Rückschritt, denn sie war gleichbedeutend »ntt einer fast vollständigen Sperrung der Bücherausleihe. Daß Bücher einer öffentlichen Bibliothek, die nicht benutzt werden, ihren Zweck verfehlt haben, dafür hatte Wustmanns spröder Eigensinn, Oer den eheinaligen Schulmeister nie verleugnen konnte, kein Verständnis. Die Bibliothek 539
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