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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 27.11.1915
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1915-11-27
- Erscheinungsdatum
- 27.11.1915
- Sprache
- Deutsch
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
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276, 27. November 1915. Redaktioneller Teil. aufzuweisen! — Ordonnanz, einen Bogen Papier! — der Füll federhalter läuft wahrhaftig auch noch! — und eine ordentliche Jnspirationsliebesgabengiftnudel zwischen die Zähne! — Ja, Thomas, da staunste? Und nun kann die Sache ja losgehen! Vorläufig geht allerdings was anderes los: die Kanonen der farbigen Engländer funken wieder einmal ein bissel, und da sie in dem nunmehr einjährigen Stellungskriege so ungefähr wis sen dürften, wo sich mein »Redaktionsbureau« befindet, so ist es immerhin zweifelhaft, ob es mir ganz und völlig gelingt, den »Zu sammenhang mit dem Weihnachtssest« herzustellen, ehe ihre Stahl- kosfer mit automatischer Auspackvorrichtung mich allzu gröblich belästigen! Das Thema, das mir das liebste und das des Schweißes der Edlen wert gewesen wäre: »Der Buchhandel und ich«, hat mir leider Merseburger in Deiner diesjährigen Kantate-Nummer bereits weggenommen! So stelle ich mir denn selbst das Thema: »Wir und die Literatur!« Unter Literatur versteht unser Landser »was zu lesen«. Und »was zu lesen« will er immer haben! Es müssen sich ja dem deutschen Buchhandel nach dem Kriege ganz ungeahnte Absatzmöglichkeiten von »was zu lesen« bieten, wenn die Lesewut unserer Feldgrauen auch nur halb wegs im Frieden noch so anhält, wie sie sich jetzt bemerkbar macht! Gebe ich nach meiner abendlichen Zeitungslektüre die Blätter an die Mannschaften, so entsteht meistens eine solenne Keilerei ob des Lesestoffes, und wenn ich dann später mit einem Buch, dessen Lektüre ich beendigt habe, heraustrete und rufe: »Kinder, wer will ein Buch zu lesen haben?«, dann strecken sich mir 20, 30 Hände entgegen. Gelangt es dann überhaupt wieder zu mir, so ist es in einem Zustande, daß es eine derartig fette Bouillon beim Auskochen ergäbe, daß wir getrost auf eine Tagesportton verzichten könnten. Ich habe die Angewohnheit, jeden Soldaten, den ich lesend antreffe, zu fragen: »Was lesen Sic denn da?« (Dies muß Wohl mit meinem früheren Beruf vor dem Weltkrieg Zusammen hängen!) Und da muß ich sagen: unsere Soldaten entwickeln gar keinen so schlechten Geschmack, oder besser, unsere Leutchen in der Heimat sorgen mit Liebe und literarischem Takt für di« Stil lung des Geisteshungers unserer Feldgrauen draußen. Gang hofer, Zobeltitz, Höcker, Presbcr, Grabein, Sven Hedin, Skowron- nek und Bloem waren die Schriftsteller, die ich am meisten ge funden habe. Und ich habe nicht einseitig gefragt. Wo mich meine Pflicht hinsührte, in den Quartieren, im Schützengraben, in Unterständen, in den Lazaretten, in Ställen und Scheunen, überall ist der »lesende Landser« eine typische Erscheinung. Hand liches Format ist die Hauptsache, da der Dienst allerort und jeder zeit rufen kann. Dann schnell den Schmöker in die Tasche. Und vor allem, Ihr lieben guten deutschen Verleger, beschneidet Eure Bücher! Kein Buch mache seinen Weg unbeschnitten ins Feld! »So'ne verdammten zu-en Seiten!«, das ist so die übliche Re densart, wenn sich der Verleger nicht den hiesigen Notwendig keiten angepaßt hat. Für mich und meine Offiziere beginnt abends 117 die »Li teratur«; die Feldpost, die Zeitschriften und Bücher bringt, wird erwartet; ebenso di« Ordonnanz, die mit dem Rad die letzten Kriegsnachrichien und Zeitungen kilometerweit herschafft. Be reits eine Viertelstunde vorher läuft mein Oberleutnant wie ein Berserkerlöwe auf und ab (stehe Fütterung der Raubtiere). Und wenn man sich dann nicht gleich auf seine angekommene Literatur setzt, so ist sie verschwunden, und man kann sehen, wie man sie wieder in die Finger bekommt. Nur meine Fachjournale, worunter auch Du, geliebtes Börsenblatt, ab und zu bist, bleiben dann als einzige sterbliche Überreste für mich übrig: »Die Lite ratur und ich!« Was nun das Weihnachtsfest anbetr Bums! Krach! U. 8. (mit Blei). Sehr geehrter Herr Thomas! Leider schlug vorhin eine englische Granate, so ein richtiger Brummer, ganz nahe an meinem »Redaktionsbureau« ein, be warf uns alle mit Dreck, zertrümmerte mir meinen »Schreib tisch«, und bei dem allgemeinen Tohuwabohu ging mir mein Füllfederhalter flöten; ich bedauere ganz außerordentlich, unter den obwaltenden Umständen von einem »tunlichen Zusammen hang meiner Betrachtungen mit dem Weihnachtsfest« absehen zu müssen, da mir momentan eher alles andere als weihnachtlich zumute ist. Aber das wird sich bis zum »Fest« sicher wieder geben! Mit einem herzlichen Gruß an den Deutschen Buchhandel Oscar de Liagre, (i. Fa. W. Vobach L Cb.), zur Zeit Hauptmann im 77. Artillerie-Regiment. 11. November 1815; irgendwo in Frankreich, än. Wege zu Büchern. In den letzten Jahren vor Ausbruch des Weltkrieges er- schienen innerhalb des deutschen Sprachgebiets alljährlich rund 30—35 000 neue Bücher. Es mag dem Laien wunderbar dün ken, daß es dem Bllcherliebhaber bei dieser Flut von Neuerschei nungen, die sich fortgesetzt mit dem schon vorhandenen unüber sehbaren Büchermarkt vereint, überhaupt möglich sein soll, den Weg zu dem Buch zu finden, das für ihn geschrieben ist. Daß dieser Weg ein verhältnismäßig bequemer und vor allem bil liger ist, verdankt er ausschließlich dem Vorhandensein eines leistungsfähigen deutschen Buchhändlerstandes und der glänzen- den Organisation des deutschen Buchhandels, die sich seit Guten bergs Zeiten in jahrhundertelanger Entwicklung zu ihrer heutigen Vollkommenheit herausgebildet hat und die in keinem anderen Lande ihresgleichen findet. Namentlich nicht in jenen Ländern, die uns heute mit Vorliebe als Hunnen und Barbaren hinstellen. Der englische und französische Bücherkäufer sind ungleich schlechter daran als der deutsche. Ihre Sortimenter Pflegen sich meist auf den Verkauf der Bücher zu beschränken, die sie auf Lager haben, und die Be sorgung anderer gesuchter Werke abzulehnen. Dazu fehlen ihnen auch häufig die nötigen bibliographischen Hilfsmittel. Der Käu fer mutz eben die verschiedenen Buchhandlungen durchgehen, schließlich sogar direkt beim Verleger bestellen, was für ihn mit Zeitverlust und Kosten verknüpft ist. Der deutsche Bücherlieb haber dagegen hatseinen Buchhändler, wie erseinen Schnei der, seinen Schuhmacher, seinen Arzt hat. Warum auch nicht? Bedarf etwa unser inneres Ich nicht ebenso der dauernden Be achtung und Pflege wie das liebe äußere? Dieser Buchhändler übernimmt die schwierige Aufgabe, dem Kunden ein dauernder Berater aus literarischem Gebiete zu sein, ihn über alle geeigneten Neuerscheinungen auf dem laufenden zu halten und ihm ge wünschte Werke, auch die kleinen, an denen er nur ein paar Pfen nige verdient, rasch und ohne besondere Kosten zu besorgen. Was der deutsche Sortimenter damit für das deutsche Geistesleben, für die gesamte deutsche Kultur leistet, ist schwer abzuschätzen und wird selten in genügendem Matze gewürdigt. Freilich muß man sich dabei auch an die rechte Schmiede wenden. Von einem bie deren Buchbindermeister, einem gefälligen Schreibwarenhändler, einem redseligen Barbier, die so nebenbei »mit Büchern handeln«, wird man, bei allem guten Willen dieser Leute, schwer lich die angedcutete verständnisvolle und befriedigende Fürsorge für seinen geistigen Menschen erwarten dürfen. Dazu stellt denn doch der Buchhandelsberuf zu hohe Anforderungen. Selbst für den zunftgerechten Sortimenter ist es nicht immer leicht, den weitgehenden Wünschen seiner Kunden gerecht zu wer den. Das liebe Publikum macht sich oft recht falsche Vorstellungen von den Voraussetzungen, unter denen der Buchhändler seine Tä tigkeit ausübt. Es erscheint ihm meist selbstverständlich, daß der Sortimenter jedes erschienene Buch nach Verleger und Preis, ja sogar dem Inhalte nach kennt, und daß er es in kürzester Frist be schafft. Wenn dies fast immer möglich ist, so liegt der Grund dafür einmal in der gründlichen Fach- und Allgemeinbildung des deutschen Buchhändlers, dann aber in dem Vorhandensein eines äußerst feingliedrigen Organismus, von dem jeder Buch händler ein Teil ist, und dessen Grundzüge in folgendem kurz dargestellt werden sollen. IS-tS
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