Nr. 278. 8' n» Leipzig, Sonnabend den L7. November 19L5. 82. Jahrgang. Weihnachten 1915. Eine Vision. s naht das Fest, ich sehe wie im Traum Schon vor mir stehn den grünen Weihnachtsbaum Ich sehe seine Lichter traulich schimmern. Da steigt mir in die Augen seucht sin Flimmern: Wo werden sie, dis draußen ßämpsend stehn. In diesem ^sahr die Weihnachtslichter sehn? Wo werden sie die heil'gs Nacht verbringen? Wo werden sie die Festeschöre singen? Es sinkt das Lid, der Traum schlägt mich in Bands, Da ssh' ich ssldgrau sie im Morgenlands. In Bethlehem, in Hebron, Gethsemane Seh' stolz ich weh'n des Deutschen Reiches Fahne, Im Jordan tränken aus der hsil'gen Erde Die deutschen Reiter ihre müden Pserde, Am stolzen Sion, an den hsil'gen Bronnen Vorbei zishn singend deutsche Marschkolonnen. And Bagdad, wo in tausendeiner Nacht Bei ihrem Sultan plaudernd einst gewacht Dis listenreiche, kluge Scherezade, Sieht eines deutschen Regiments Parade. And weiter geht der Traumgedanken Spiel, Ich seh' dis Pyramiden und den Nil, Ich ssh' der Sphinx geheimnisvolle Schöne And hör' von sern der Memnonsjäule Töne ... Es war ein Traum — sürwahr er sührts weit. And dennoch — sagt - ist denn die Wirklichkeit, Ist das, was täglich staunend wir erleben And was mit Lust und dennoch mit Erbeben Als ungeheuer, unerhört gewaltig And über alle Maßen vielgestaltig Die Seele ties erschütternd uns erfüllt. Nicht wunderbar gleich jenem Traumgebild? M. W.