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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 02.10.1915
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- 1915-10-02
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- 02.10.1915
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229, 2, Oktober 1915. Fertige Bücher. „Deutsche Art" Ein Buch über „Deutsche Art" kann in diesen bewegten kriegerischen Tagen, in denen es um das (Lanze geht, auf besondere Teil nahme Anspruch erheben. Und aus der Flut von deutscher Kriegsliteratur hob sich ja auch schon so manches Werk heraus, das zu den bleibenden Gaben dieser Zeit zählen wird. Nicht bloß um der Taten willen, die es etwa schildert, ist so manches Buch, das vorn Kriege handelt, bemerkenswert, sondern die Ver tiefung und Verankerung der heutigen Er lebnisse im deutschen Gemüt wird ihm Dauer geben. Zu diesen liebenswerten Gaben darf man ein neues Büchlein zählen, das scheinbar- gar nichts mit dem Weltkriege zu schaffen at und das doch nur aus ihm heraus ge- oren wurde. Es redet nicht, es gibt. Es gibt mit vollen Händen aus den unermeß lich reichen Schätzen des deutschen Geistes, des deutschen Gemütes. Aus einem Besitz stände von tausend Jahren schöpft es und doch ist es so frisch wie ein Bergquell, der ausschäumend in mutigem Lauf über Felsen hinweg ins weite Land hinausstrebt und Wiesen und Felder erquickt. „Deutsche Art"*) nennt sich das schlanke Büchlein, und als sein Herausgeber zeichnet Horst Schüttler, ein Schriftsteller, der sich seine Erfolge bis her als Ironiker pflückte, als Spötter. Aber da blättert er uns seine heimliche Dichter seele auf. Nicht Selbstgeschaffenes gibt er uns, er spendet uns Gesammeltes, persön lich Mitempfundenes aus der ganzen deut schen Geistesgeschichte. Ein solch goldenes Buch des deutschen Wesens macht man nicht, das wächst in stiller Heimlichkeit, und end lich ist es da. Aus Geschichtswerken, aus Denkwürdigkeiten und Briefen, aus Dramen und lyrischen Gedichten, aus Sprüchen und Aphorismen, aus Erzählungen, aus Reden und Gelegenheitskundgebungen jeglicher Art hat sich der Herausgeber offenbar immer das in sein häusliches Brevier eingeschrieben, was ihm besonders nahe ging, was den Nerv seines eigenen Wesens traf. Und so ist denn aus fremden Bausteinen ein ganz persön liches Werk geworden, ein Buch, das in tausend Spiegelungen immer eines zeigt: deutsche Art. Der Verfasser wünscht, daß man nicht Kostproben aus seinem Werke schöpfe, sondern es als Ganzes genieße; aber es gibt kein anderes Mittel, den Inhalt des Buches zu kennzeichnen, als das der Dar bietung ausgiebigster Kostproben. So manche dieser Verherrlichungen deutscher Art führt im Sturmschritt in die Ereignisse unserer Tage. Da steht eine Strophe von Viktor von Scheffel, herausgehoben aus dem Fest liede, das er der neuenUniversität Czernowitz vor vierzig Jahren spendete: „Heil dir. gewaltig Österreich, Heil, Wissen, dir, im Osten. In Sprachen bunt, im Geiste gleich, Zieh'n wir am Pruth auf Posten: Nun blühe, jüngster Musensitz. Franzisko-Joseph na! Frau Muse lehrt in Czernowitz Und schirmt die Bukowina!" Es fehlt das Wörtchen deutsch in dieser prachtvollen Srrophe, deren innere Schwung kraft jeden mitreißt, und doch, die Wahl dieser Zeilen für ein Buch über deutsche Art zeugt für den guten Geschmack des Heraus gebers. Er geht seine besonderen Wege, das fühlt man hundertfältig. Von Goethe *) Verlag von C. F. Amelang, Leipzig. Börsenblatt f. den Deutschen Buchhandel. 82. schreibt er uns in das Stammbuch dieser von gegenseitigem Haß erfüllten Tage die weisen Worte: „Der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Haus kein Fremder unbequem, ec aber in der Fremde überall zu Hause sei." Und er findet ein anderes, ebenso zeitgemäßes: „Ich finde, Gott sei Dank, kein deutsches Wort, um perfid in seinem ganzen Umfang auszu drücken. Unser armseliges treulos ist ein unschuldiges Kind dagegen." Aus dem „Schwabenspiegel", dem deutschen Rechts buche von Anno 1275, hebt er den Satz her vor: „Da uns nun Gott in so hoher Würdig keit geschaffen hat. so will er auch, daß wir ein würdiges Leben führen und daß wir einander Achtung und Ehre erbieten, Treue und Wahrheit, nicht aber mit Haß und Neid uns verfolgen." Und unter ein solch altes Zeugnis für deutsche Art setzt er den § 226 des heute geltenden deutschen bürgerlichen Gesetzbuches: „Die Ausübung eines Rechtes ist unzulässig, wenn sie nur den Zweck haben kann, einem anderen Schaden zuzufügen." Diese wenigen Proben, wie deutsche Art zu verstehen sei, geben schön einen kleinen Begriff vom Werte dieses Sammelbuches. Es ist so reich an Gaben, daß man nicht weiß, wohin man langen soll. Das Schön geistige. das Dichterische gibt dein Büchlein seinen Glanz, aber die eigentliche Tiefe liegt rn den knappen Proben in Prosa, die sich über die ganze Geschichte des deutschen Volkes erstrecken, von Arminius und Karl dem Großen bis in unsere Tage reichen und das Leben auf allen Gebieten spiegeln. Ob Karl Schurz in Amerika deutsches Wesen und deutsche Sprache in einer Rede pries oder Jakob Grimm in irgendeinem Vor wort zu seinen deutschen Nechtsaltertümern oder zu sonst einem Werke einen Gedanken ausmünzte, der sein Volk in besonderer Art kennzeichnet, Horst Schüttler hat ihn sich ausgezeichnet. Aus unbekannten, schwer zu gänglichen Quellen ist da manches Goldkorn geschöpft, aus verwehten Blättern Bleiben des festgehalten. Hier ein solcher Gedanke von Grimm: „Es wird tum Menschen von Heimats wegen ein guter Engel beigegeben, der ihn. wann er ins Leben auszieht, unter der vertraulichen Gestalt eines Mitwandern den begleitet; wer nicht ahnt, was ihm Gutes dadurch widerfährt, der mag es fühlen, wenn er die Grenze des Vaterlandes über schreitet. wo ihn jener verläßt. Diese wohl tätige Begleitung ist das unerschöpfliche Gut der Märchen, der Sagen und der Geschichte." Der volle Klang deutscher Heimatliebe, deutschen Gemütes schwingt in solchen Wor ten Und was in ganz anderer Spielart deutsch ist. sagt ein Wort des deutsch amerikanischen Staatsmannes Karl Schurz: „Seit denr Tage, wo ich zuerst ein öffent liches Amt antrat, babe ich es mir zur un verbrüchlichen Regel gemacht, jedesmal das Amt. das ich gerade bekleide, so anzusehen, als ob es das letzte wäre, das ich je inne haben würde, und als ob es deshalb für meinen Ruf als Mann, der im öffentlichen Leben steht, entscheidend wäre. Man kann nur daun seine Pflicht ganz erfüllen, wenn man sie um ihrer selbst willen tut." So prägt sich deutsche Art auch jenseits des Meeres aus! Nicht ein Hauch von Chauvinismus (wie bezeichnend, daß unsere Sprache kein Wort für diese Erscheinung besitzt!) weht durch die Blätter dieses Buches, das voll inniger, herzlicher Zeugnisse deutscher Art ist. Aber man erquickt sich daran, so viel Schönes unter dem Gesichtspunkte des Völkischen zu einem großen Strauß vereinigt zu sehen. Was wäre deutscher Art gemäßer als der Vers von Simon Dach: „Der Mensch hat nichts so eigen. So wohl steht ihm nichts an. Als daß er Treu erzeigen Und Freundschaft halten kann." Oder das liebenswürdige religiöse Wort von Paul Gerhardt: „Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb' in Ewigkeit!" Und aus viel weiterer Ferne, als diese Stimmen zu uns herüberklingen, ertönt immer die gleiche Weise, wir finden sie bei den klösterlichen Dichtern und Dichterinnen des frühesten Miitelalters ebenso wie in den Reden Bismarcks und den Werken von Dichtern aus allerjüngster Zeit. Wir fühlen immer genau, was aus einem deutschen.Ge- müte kommt, sei es ein Gedicht, eine Rede, ein Bildwerk, sei es die biedere Schöpfung deutschen Handwerks. Die Art verleugnet sich nicht, sie prägt sich in allem und jedem aus. Hoch steigt so mancher Dichter aus Öster reich. wenn man die Probe macht auf deutsche Art. Und allen voran geht Walter von der Vogelweide, geht auch das Nibelungenlied, das ja zweifellos im Donaugau entstand. Und über Rüdeger von Bechelaren erhebt sich keine Gestalt deutscher Dichtung, er ist das Vollbild germanischer Treue und Ritter lichkeit. Das höchste Preislied deutschen Wesens aber hat RobertHamerling in seinem „Germanenzug" gesungen und in seinem „Schwanenlied der Romantik". Es tut wohl, den Dichter auch in diesem Buche voll ge würdigt zu sehen. Sein herrlicher Mahnruf an das deutsche Volk, den er in einer mate rialistischen Zeit, die neue Wege gehen zu wollen schien, erklingen ließ, durfte in dem Buch von deutscher Art natürlich nicht fehlen. Er schließe diese Zeilen, denn er ist heute so zeitgemäß wie vor fünfzig Jahren: „Was Wirklichkeit dir immer für goldne Kränze flicht. Mein Volk, der Ideale Bilder stürze nicht! Steh'n ihre Tempel öde, du walle noch dahin, In ihrer Sternglut bade sich ewig jung der deutsche Sinn! Ruhmvoll ist deutsche Treue, hoch gilt Germanenwort: So bleibe, mein Volk, denn ewig des ewigen Rechtes Hort! Wem ist, wie dir, entbehrlich Raub, Unrecht oder Trug? Wer ist, du größtes der Völker, so sehr wie du sich selbst genug? Herzensadel bleibe des deutschen Namens Ruhm, Recht und Wahrheit bleibe sein Palladium; Auf diese starken Säulen, vom Wandel der Zeit umkreist. Gründe für alle Zeiten dein Weltreich dir, o deutscher Geist!" Adam Müller-Guttenürunn. S Die Besprechung nimmt das ganze Feuilleton des Abendblattes der Wiener Zeitung v. 21. September ein (Nr. 216). Wir bitten um weitere Verwendung. Roter Zettel! C. s. Amelangs Verlag, Leipzig- 786
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