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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 15.06.1915
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- 1915-06-15
- Erscheinungsdatum
- 15.06.1915
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Redaktioneller Teil. >« 135, 15. Juni 1915. Kulturgemeinschaft gibt, so wird man sich auch darin zusammen finden, daß die Zukunst erst recht diese Grenzen betonen wird. Wir werden deshalb Dante und Dickens ebenso gern lesen, ihre schriftstellernden Brüder aus unseren Tagen aber mit neuer, um gewandelter Seele und mit neuen, geschärften Augen. Die große Masse hingegen dürfte kaum, da sie Denkart und Handlungsweise von den führenden Landsleuten jener erfaßt hat, merkliches Ver langen nach ihren Schöpfungen tragen, noch weniger nach frischen Darbietungen eines Bigelow oder Gorki. Solche Perversitäten sind höchstens dem moralischen Snob erlaubt. Dafür weiß er wenigstens nichts von Mörike. Die große Masse also will nichts von der modemen Durchschnittsliteratur des Auslandes wissen. Die Stunde, seit der der deutsche Buchhandel unter dem alles verdrängenden Einfluß des deutschen Gedankens arbeitet, schlug. Der politische Einschlag hat sich beim Verlag eingestellt und sich naturgemäß auf das Sortiment erstreckt, um später viel leicht dem Antiquariat Färbung zu geben. Heute wie ein ge waltsam Herborbrechendes, wird in Zukunft der Politische Ein schlag eine zwanglose Selbstverständlichkeit sein. Er wird, weil ihn das Schicksal mit wildesten Schlägen in uns hineingehämmert hat, eine Alltäglichkeit wie der Stein sein, auf den wir treten, — feiner bedürfend und ihn trotzdem kaum beachtend, seine Wucht erst gewahr werdend, sobald er sich zu Domen und Pyra miden türmt. Dieser nationalpolitische Hauch bläst den wichtig tuerischen, dabei so alltäglichen Literaturwerten, die findige Kulturpioniere in verseuchenden Mengen auf den deutschen Bü chermarkt werfe», hoffentlich den Odem aus. Wieviel Schund unserem lesehungrigen Publikum gutes deutsches Geld hcraus- gelockt hat, läßt sich nicht feststellen. Der ausländische Bücher schreiber und der inländische Bllcherfabrikant halfen einander, die sagenumwobenen Ideale des »alten« Sortimenters totzu schlagen, der nun die schlechtere, dafür höher rabattierte Ware uichtdeutscher Marke verkaufte. Der Verleger deutscher Bücher hatte das Nachsehen, während der Ramscher die Ladeninhaber mit allem möglichen — 7/6 mit 80 "/>, 1 Exemplar wurde ver kauft — versah. Das Publikum, durch mehr oder weniger ver schrobenen Schreiberklüngel von der Höhe seines Lesebedürfnisses zu solchen Verschrobenheiten nachgerade abwärtsgezerrt, fraß — wie mau so sagt — das Futter aus der Hand, und — ein deutscher Autor war weniger verkauft. Das ist vielleicht etwas grell, jedoch Wohl nicht unrichtig gemalt. Die angerichtcte drei fache Schädigung springt in die Augen: deutscher Verfasser, deut scher Buchhandel, deutscher Leser. Und wenn schon — warum wäre die von mehreren Firmen durchzuführende Gründung eines Ausländerverlages unmöglich? Freilich würde dadurch der freie Wettbewerb, der häufiger viel richtiger Schmutzkonkurrenz hieße, behindert sein. Allein darin läge gewiß gleichzeitig ein vor beugendes Moment, daß zu viel fremdes Zeug und zu viel Laden hüter sich ansammelu. Ja, ein derartiger Verlag böte immerhin eine schätzbare Gewähr für seine Erscheinungen. Nun, vorläufig hat es damit noch Zeit, lange Zeit! Daß das Verständnis für die Folgerungen aus den Ge schehnissen vielen Leuten anerzogen werden muß, lehrt ernstere Beschäftigung mit Bilder- und Jugendbüchern. Da Hilst kein Drumrumreden! Hier wird gesündigt! Seit den achtziger Jah ren schon! Schön gefärbtes Zuckerwasser enthielten unsere Bil derbücher, das man aus England cinflihrte. Ein Geschäft, das heute noch große Kunstaustaitcn, die »beste deutsche Bilderbücher« führen, reich macht. Die pp. Eltern lassen durch die Hand des deutschen Buchhandels das teure Geld dafür nach England wan dern und reichen ihren Kindern Bilder, die so urdeutsch sind wie etwa der Boccaccio. Dazu dann die unter dem Druck von Pumpwerken erzeugten Texte! Wer Augen hat zu sehen, sehe sich mal seine Vorräte daraufhin an. Plötzlich wird er entdecken, daß er ja dies Bilderbuch aus Hannover, jenes aus München, die dort aus dem urdcutschen Nürnberg einst bezog. Ach, cs gibt viele Quellen, aus denen die schönsten deutschen Bilderbücher fließen. Da die Tage der Marlittcratur vorüber sind — die von ruhe losen Frauenfedern verfertigten Romane, mit denen uns die Tages- und Wochenblätter in dieser dröhnenden Zeit zu kommen belieben, kündigen doch um Himmelswillen nicht 882 ihre Rückkehr an —, vertragen selbst unsere Mädchen bücher höheren Emst. Der Einfluß des Verlegers auf den Verfasser einer Jugendschrift ist ja bedeutend. Der Buch handel als Mittler geistiger Wandlungen hat die Aufgabe, gerade dem Buche für das Kind und die Jugend gesteigerte Aufmerk samkeit zu widmen. Die Jch-Kultur wie der entgegengesetzte Allcrweltsgedanke müssen verschwinden. Die Neugestaltung des Unterrichts, der unseren Kindern die Überlegenheit deutscher Art in Herz und Verstand senken wird, kann nicht ohne Einfluß auf die Jugendschrist bleiben; abgesehen davon, daß die Kinder von selbst den Wunsch äußern werden, diese unsere Zeit kennen zu lernen. Man erzähle ihnen dann von den Königen, die Wort- und Treubruch begingen, von den Dichtern und Forschern, die Deutschland begeiferten, dasselbe Deutschland, dem sie Wissen und auch Wohlstand verdanken, dessen Soldaten sich gegen russi sche Mordbrenner, belgische Bravos, Kultur und Freiheit ver teidigende Engländer schlagen müssen. Jugendschristen, aus denen die von Bismarcks herrlichem Staatsbewutztsein durch drungene deutsche Volksseele zum Kinde spricht, — die brau chen wir! Was wir hingegen nicht brauchen, sind kostspielige Weih- nachtshefte, »echt japanische« Bllchelchen, Schwächt- und Kokotten bilder. Das mag alles riesig künstlerisch und originell sein; es ist aber überflüssig. Ein Reclambändchen dünkt mich wertvoller. Wir hören von mancherlei Erlassen, die das Ausstellen und Ver kaufen, selbst das Anpreisen ausländischer Waren untersagen. Weshalb sollte staatliche Gewalt nicht in der Lage sein, Literatur, auch deutschsprachige, des feindlichen Auslandes für eine Zeit zu verbieten? Mit Zeitungen und Werken geschieht es. Ist es wirk lich undenkbar, daß die dr—ei—eckigen Bühncnwerke französischer Herkunft oder die bisher so liebevoll bevorzugten Zeitungs romane englischer Schreiberinnen von oben herab einfach für unerlaubt erklärt würden? Geschähe es, wer litte darunter? Wer entbehrte auch nur das Geringste? Derlei ideelle Erwägungen bzw. Einführungen haben recht praktische Folgen. Der Gedanke, eine Sammlung aller gedruckten Äußerungen für oder gegen Deutschland (als Inbegriff deutscher Kultur gedacht) anzulcgcn, liegt nahe. Erst aus dem ganzen Chorus fremdländischer Stimmen über uns werden wir die Völker jenseits der Grenzen kennen lernen. Augen und Ohren offen halten!, lautet das Gebot für uns. Durch deutsche Buchhändler und Konsuln wäre eine solche Zentralstelle vornehmlich zu be dienen, die dann umgekehrt billigste, mitunter kostenlose Auf- kläruugsliteratur über Deutschland in ihren Gebieten zu ver treiben hätten. Politischen Takt, gesellschaftliches Feingefühl und völkische Würde erfordert die Arbeit. Die britische Lüge schreit nach Gegenmaßregeln. Man suche einmal in englischen Ko lonialatlanten nach Deutschland oder gar nach seinen Kolonien! Höflich wie wir sind, lassen wir in unserer Mitte die britische Bibelgesellschaft arbeiten. Die Bibel wird uns aus England zu geführt! Welche grausame Ironie! Neben diesen Gedanken, die die Zeit eingibt, tauchen andere auf. Da das Ausland ohne Zweifel auf das deutsche Buch ange wiesen ist, mag es sich empfehlen, kaufmännisch rücksichtslos zu sein. Rabattbewilligung und Kreditgewährung wie bisher zuzu gestehen, wird der deutsche Lieferant sich überlegen. Auch hier machen sich die Erfahrungen geltend, die unser Berns besonders mit Rußland gemacht hat. Das Ehrenwort scheint dort ein etwas abgegriffenes Vertröstungs- und Zahlungsmittel zu sein. Ist es ein Wunder? III. Es ist unbequem und bitter, eigene Schwächen zu bekennen und zu erörtern. Die Wucht der anklagendeu Tatsachen nötigt zu dem Geständnis, daß entweder falsch verstandenes oder literarisch mißbrauchtes Weltverbrüderungs- oder Mcnschhcitsideal — oder beides sich immer unerfreulicher im Buchhandel breit machten. Als wäre es Todsünde Wider den heiligen Geist gewesen, wenn »man« nicht Wells oder Ellen Key dem deutschen Publikum vor gesetzt — vorgesetzt?, — aufgenötigt hätte. Fast sicht es so aus, als wäre planvolle Abwehr der nichtssagenden Auslandsliteratur ein Stück sozialer Schutzgesetzgebung. Man wolle unterscheiden zwischen nachdrücklicher Ablehnung
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