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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 23.05.1881
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1881-05-23
- Erscheinungsdatum
- 23.05.1881
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- Deutsch
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- Saxonica
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H 11-, 23. Mai. Nichtamtlicher Theil. 2169 vorhandene Stimmung auszudrücken. Und es sei eine gute Stimmung, welche über dem Cantateessen schwebe, denn nicht nur die Leipziger freuen sich über die Fremden, auch unter einander beginne es ihnen bereits so zu gehen, wie vielen Berlinern, welche sich jährlich nur einmal in Leipzig bei diesem Essen zu sehen pflegten. Denn auch Leipzig werde bereits so groß, daß man sich für gewöhnlich in der aufreibenden täglichen Berufs arbeit nicht mehr sehe; wenn man da sei, habe man keine Zeit dazu und wenn man Zeit hätte, sei man nicht da. Und wenn das schon den Leipzigern so gehe, wie möge es erst den Gästen gehen, die von den verschiedenen Radien alle zum Centrum ge eilt wären. — Also die Stimmung sei gut, doch fehle ihr noch immer etwas. Er sehe zwar fröhliche Gesichter, rosig angehaucht und dunkle Bärte in einer Zusammenstellung, die ihn lebhaft erinnere an den Vollmond, wie er neulich Abends aus dem dunklen Walde emporgctaucht sei. Aber er vermisse in dem Kranze die Blume: die Rosen, die Vergißmeinnicht und alle die köstlichen Zierden der Flur, es fehlen eben die Frauen. Nun könne man sich ja denken, daß wohl einer oder der andere ja gerade deswegen so besonders froh und frei sich fühle, weil seine Aufsicht einmal nicht an seiner Seite sei, die große Mehr zahl aber gehöre gewiß zu den edlen Gemüthern, die sich nach Muttern sehnen. Und nun würden die Zuhörer jedenfalls glauben, daß ein Toast auf die Damen kommen würde, aber — warum willst du immer weiter schweifen? auch Repräsentanten des ewig Weiblichen seien im Saale vorhanden, zwar etwas sonderbare Reprä sentanten, denn sie hätten wie die Hexen im Macbeth große Bärte aller Art: Vollbärte, Schnurrbärte, und auch der jüngste unter ihnen habe doch wenigstens einen ganz respectabeln Ansatz zum Schnurrbart. Er meine die Mitglieder des Festcomitös, welche in ihrer Mühe und Noth echt mütterliche und weibliche Functionen auf sich nehmen, was besonders von dem Vorsitzen den trotz seines ungeheuren Bartes gelte, der an ihm, dem Redner, den Spruch wahr mache: Geben ist seliger denn Nehmen, und das sei gewiß viel von einem Verlagsbuchhändler. Und wenn er so an dem Redner handle, wie möge es erst mit den Herren vom Reichsgericht sein! So trinke er auf das Wohl der Repräsentanten des ewig Weiblichen, auf die Mitglieder des Festcomitös! Die Stimmung der Versammlung hatte nunmehr jene Höhe erreicht, welche nur noch ganz besonderen Leistungen auf dem Ge biete des Trinkspruchs zugänglich ist. Auch diesmal war es Herr Professor Wenck, welcher das anscheinend Unmögliche möglich zu machen und für seinen poetisch-culinarischen Toast die gespannteste Aufmerksamkeit und allgemeinen Jubel zu erregen wußte. Durch die Freundlichkeit des Dichters sind wir in den Stand gesetzt, die Verse hier wörtlich wiederzugeben: Heil Dem, den sein Glück zu dem Glücke geführt, Daß der Leipziger Buchhandel heut' ihn tractirt! Da braucht's nicht Beweise, Begründungen nicht! Nein! kaotu lognnntur! die Thatsache spricht! Doch daß fragend beim denkenden Kops wir uns nehmen: Wie kommt's, daß die Buchhändler so uns beschämen, Und der Würde als Wirthe so werth sich erweisen? Diese Frage, sie ziemt wohl dem speisenden Weisen. Und die Antwort ist rasch in die Frage gefaßt: Hat der Buchhandej täglich die Welt nicht zu Gast, Kann in Uebungen drum, in gar vielen und großen, Sich entwickeln zum Monstre-Tractir-Virtuosen? Denn das ist ja des Buchhandels Wesen und Geist, Daß als riesiger Gastwirth die Menschheit er speist, Mit Gerichten, erzeugt nicht in irdenen Töpfen, Nie Ersättigung schaffend und nie zu erschöpfen. Und Substanz, Elemente znm ries'gen Menu Bringen hilfreiche Geister ihm späte und früh, Bäck, Fleischer und Fischer bei irdischen Speisen — In des Buchhandels Küche Autoren geheißen. Denn da sehn wir die Süpplein und leichten Pasteten Durch der Kinderwelt Classiker artig vertreten, Durch die Spekter und Pletsch, die manch Reizlein ersinnen, Um den Magen für das, was da folgt, zu gewinnen. Und wo winkt uns das Roastbeef, das nahrhaft gesunde, Mit der trauten Kartoffel im traulichen Bunde? 's ist die Literatur für den weitesten Kreis, Volksthümlich, vielleicht in des Angesichts Schweiß Zn verzehren, daran doch der Mensch sich nicht stoße, Denn wär' zäh' auch das Fleisch, so ersreut doch die Sauce! Und wie schön, in den Werken aus sämmtlichen Werken, Die zur Conversation lexikalisch uns stärken Unser Leipziger Allerlei fromm zu verehren, Und dabei selbst der Krebse nicht ganz zu entbehren! Dann die strengere Wissenschaft — wer registrirt, Was sie in des Buchhandels Küche spendirt! Mathematische Opera, schwer zu vertragen — Lachs, Spickgans und Aal, nur für kräst'gere Magen, — Alt-assyrische Studien, die keilschriftlich winken, Hochfeiner Genuß das, Madeira mit Schinken, — Philologenpolemik voll bissigster Beize, — Echt-ungrisch Gulasch mit des Paprika Reize! Der juristischen Wissenschaft ragende Werke — Erhab'ne Puddings von compactester Stärke, — Neu'ste Philosophien, weltsatt und verdrießlich, Wildbraten, der kaum vor üaut Zont noch genüßlich. Und noch weiter — so fällt uns beim Schmaus ins Gesicht Jener zahllosen Blätter erquicklich Gericht, Das ais Beikost zu Fleisch und zu Braten man esse: 's ist der grüne Salat der periodischen Presse! Dann der illustrirten Verlagswerkc Blüthe, Die das Auge erfreu'n, und das Menschengemüthe, Auch das satte, bequem noch und lieblich beschleichen — Eistorten, Fürst Pücklers und CrSmes zu vergleichen! Und zum Schluß, Max und Moritz' erbauliche Späße, Nun, sie repräsentiren uns Butter und Käse. Doch wer sagt mir noch, wie's um die Flüssigkeit steht? Als der Küper und Weinhändler naht der Poet, Und beut uns aus seinen unsäglichen Schätzen, Was da dienlich, das Trockne und Dürre zu netzen. In Romanen von äußerst beliebiger Länge Fließt des schmackhaften Tischweins unendliche Menge, Den für die, deren Fassungskraft allzubeschränkt, Man wohl in der Novelle auch schoppenweis schenkt; Der Komödie Laune, sie sprüht uns im regen, Lustweckenden Geist des Champagners entgegen; Doch das ernstere Drama, das hohe und hehre, Nimmt in Rüdesheim's, in des Burgundertranks Schwere, Mit holdseligem Zauber die Seele uns ein, Mag auch oftmals der Ausgang ein tragischer sein! — Ja, gar mannigfach strömt, aus dem Osten und Westen, Zu des Buchhandels Tafel die Fülle des Besten, Auf daß er damit all die Tausende speist, Deren Summa Summarum der Publicus heißt; Und bedenk' ich, und seh' ich nun draußen die Menge, Unter jeglichen Graden der Breite und Länge, Von der Capstadt znm Nordcap, von Peking bis Boston, Wie von Buchhandels Tafel sie zehren und kosten, Dann erscheint unser schmausendes Häuflein allhie Mir wohl nur wie ein Punkt in der Geographie. Und doch hat in dem Punkt, ja in uns, sich anitzt Jener Weltschmaus, — wie sag' ich? — zusammengespitzt, Da just uns aus den schmausenden Tausenden draußen Der Buchhandel einlud, mit ihm hier zu schmausen. Nun, so treten, als Aller Extract und Organ, Wir mit Dank und dem Wunsche den Buchhandel an, Daß der Weltschmaus da draußen dem hies'gen entspricht; Daß dem Buchhandel dort auch die Kraft nicht gebricht, Dem Publicus Alles mit Lust zu servilen, Was die hilfreichen Geister zur Küche ihm führen, Und der Publicus — lädt ihn der Buchhandel ein, So erlaube er nie sich, verhindert zu sein, Und in all seinen Mägen, den jungen und alten, Mag der glänzendste Welt-Appetit sich entfalten,
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