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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 08.09.1925
- Strukturtyp
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- 1925-09-08
- Erscheinungsdatum
- 08.09.1925
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- Deutsch
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13378 Ail-Nil-U s. b. rcichn. «LchOand-t. Redaktioneller Teil. >1° 210, 8. September 1925. Allerdings gibt es, vor allem auf dem Lande, noch manche kon servativen Kreise, die das rasende Tempo der Emanzipation nicht mitmachen. Wie dem auch sei, das Verlagswesen steht urplötzlich vor gigantischen Aufgaben. Millionen Schulkinder brauchen türkische Lehrbücher, Millionen Frauen sind aus puppenhaftem Scheindasein zum Gipfel abendländischer Zivilisation emporgetragen worden. Die kulturellen Bedürfnisse des gesamten Volkes haben mit einem Schlage eine beispiellose Steigerung erfahren. Es war zu erwarten, daß die sprunghaft einsetzende Er neuerung in mancher Beziehung auf Schwierigkeiten stoßen würde. Auch die Buchproduktion hält mit dem Bedarf des Augenblicks nicht Schritt. Die Druckereien in Konstantinopel, Smyrna, An gora usw. arbeiten für den Staatsvcrlag und sür private Verleger, die heute in erster Linie Schulbücher herausbringen. Dem euro päisierten Geschmack zuliebe veranstalten die Verleger gerne tür kische Übersetzungen westländischer »Schlager«; die »Gareonne« hat im Lande zahllose Äser und Leserinnen gesunden. Sehr be liebt sind aber auch Übersetzungen älterer Mcistcrautoren, so der Werke von Goethe, Tolstoi, Victor Hugo usw. Der Nationalis mus, der von der blendenden politischen Erscheinung des Staats präsidenten Mustapha Kemal Pascha ausgcht, hat naturgemäß die Anteilnahme am Schaffen der modernen heimischen Dichter erhöht. Chalidc Edib, die ja auch in Europa bekannte Dichterin, Rechad Nouri und andere werden gern gelesen. Heute, da das Buch nicht mehr kostbarer Besitz des reichen Mannes und der islamitischen Kirche ist, sondern bereits Gemein gut des Volkes wird, geht das allgemeine Verlangen dahin, wohl feile Ausgaben in die Hand zu bekommen. Dem trägt der tür kische Verlag in der Weise Rechnung, daß er auf schlechtem Papier druckt und zumeist Broschüren, selten nur gebunden« Bücher herausbringt. Ebenso wie der Verleger in den anderen Ländern des nahen Orients — ich habe an dieser Stelle bereits darüber berichtet — nimmt er sich in der Wahl der Ausstattung das französische Buch zum Vorbild. Die Verhältnisse liegen in der Türkei, vor allem in Kon stantinopel, sür das französische Buch besonders günstig. Die internationale Verkehrssprache, also die Sprache zwischen Türken und.Fremden und zwischen Fremden untereinander ist ausschließ lich die französische. Nicht nur die Beamten, auch viele der niederen Staatsangestellten, Schutzleute, Schaffner usw. sprechen französisch. In den von Europäern besuchten Stadtteilen, ferner aus Schissen, Straßenbahnen usw. sind alle Aufschriften türkisch' und französisch angebracht. Die Vorherrschaft der französischen Sprache geht so weit, daß man täglich Deutsche, die einander noch nicht näher kennen, französisch miteinander sprechen hört — bis sic sich auf irgendeine Art darüber klar werden, daß sie sich deutsch miteinander verständigen können. Französische Belletristik, insbesondere der leichte Roman, wird also viel gekauft, darunter manches sehr Minderwertige. Der Umsatzzisfcr gemäß steht aber die wissenschaftliche französische Literatur an erster Stelle. Sie ersetzt dem Studenten, Lehrer und Forscher völlig die noch kaum nennenswerte heimische Pro- duktion^*ksntcr den wissenschaftlichen Doktrinen nimmt die Me dizin den ersten Platz ein. Die türkische Mcdizinschule steht auf achtenswerter Stufe. Das deutsche Buch hat wesentlich schwächeren Absatz. Die Kenntnis der deutschen Sprache ist bei weitem nicht so sehr verbreitet wie die des Französischen. Immerhin steht sie nach vorsichtiger Schätzung unter den europäischen Sprachen hier be reits an dritter Stelle. Das Griechische nimmt die zweite Stelle ein, das Englische steht dem Deutschen kaum nach. Viele Türken besuchen Deutschland zu Studien- und Handelszweckcn, deutsche Kcrusleute, Architekten, Arzt« usw. halten sich im Lande auf. Die Waffenbrüderschaft während des Weltkrieges hat die Beziehungen zum Deutschtum inniger gestaltet. Das traurige Ende des Bünd nisses hat an der Sympathie des Türken für deutsche Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft nichts geändert. Der Osmane, dessen Anschauungen in der Regel stark vom Politischen beeinflußt wer den, sieht heute im Engländer seinen Gegner, vom Franzosen sagt er in seiner witzigen, schlau-orientalischen Art: »Der Fran zose ist unser Freund, der stets auf Sette unserer Feinde steht». Vom Deutschen hat der Türke in seinen Sclbständigkcitsbestre- bungen nichts zu fürchten und kommt ihm daher ohne Vorurteil entgegen. Für die wissenschaftliche und belletristische Literatur Deutschlands besteht großes Interesse, und es würden sich gute Absatzmöglichkeiten für das deutsche Buch ergeben — wäre es nicht zu teuer. Immer wieder machen die Buchhändler die Beobach tung, daß deutsche Bücher in sranzösischer Über setzung gekauft werden, und zwar erwiesenermaßen auch von Leuten, die deutsch können. Es ist lediglich die Preisfrage, die in solchen Fällen in Betracht kommt. Bonsels »Jndienfahrt» beispielsweise kostet deutsch geb. 7.50 Mark, französisch brasch. 7.50 Franken, also im Deutschen ungefähr dreimal so viel wie in der französischen Übersetzung. Müller »Mein System» — ich hasse, die Preise, die ich hier nicht nnchprüsen kann, sind mir richtig angegeben worden! — kostet deutsch geb. 3.50 Mark, die französische Broschüre wird um 70 Piaster verkauft, das sind bei läufig 1.50 Mark. Der Türke gibt im allgemeinen sür ein Buch höchstens I Pfund aus. Für diesen Betrag bekommt er die meisten französischen, aber nur ganz wenige deutsche erzählende Werke. Die Perioden Politischer Hochspannung haben in den letzten Jahren eine Flut türkischer Tageszeitungen hervorgebracht. In Konstantinopcl erscheinen außerdem viele fremdsprachige Blät ter, und zwar fünf französische, darunter eine von der franzö sischen Botschaft subventionierte und eine — wohlgemerkt: fran zösische! — Zeitung, die von der deutschen Kolonie subventioniert wird. Der Versuch, ein deutsches Blatt herauszugeben, ist miß glückt; das englische Blatt wurde infolge seiner Angriffe gegen die Regierung verboten; außerdem gibt es hier drei griechische und zwei armenische Blätter. Sehr zahlreich sind die türkischen und französischen Zeit schriften, letztere teils in Konstantinopel hergestellt, teils ein- gcsührt. Die türkischen Zeitschriften haben verschiedenerlei Zweck und Richtung. Es sinken sich darunter mehrere wissenschaftliche Fachorgane, pädagogische Blätter und humoristische Zeitschriften. Sie sind zumeist modern und geschmackvoll ausgestattct. Unter den französischen Zeitschriften werden besonders die pikanten Blätter viel verlangt. Die deutschen Zeitschriften sind wiederum des hohen Preises wegen nicht konkurrenzfähig. -Der Jungge selle« beispielsweise kostet 75 Piaster, »I-a vie parisisnne. nur 20 Piaster. Dazu komnrt, daß der Versand der französischen Blät ter durch die Messagerie Hachclte trefflich organisiert ist, sie kom men gemeinsam in geschlossenem Sack rasch an, während die deut schen Blätter separat von Deutschland abgehen, länger laufen als die französischen und noch mit dem Einzelporto der verschiedenen Absender belastet sind. Die türkischen Buchhändler Konstantinvpels haben ihren Sitz hauptsächlich im eigentlichen Türkenviertel, in Stambul, und zwar in der Nähe der Hohen Pforte. Sie führen türkisches Sorti ment, in sehr geringem Umfang auch französisches, und sind viel fach dem französischen Buchhandel angeschlosscn. Das Antiqua riatsgeschäft wird rege betrieben. Die wichtigsten ausländischen Buchhandlungen haben ihren Sitz im Europäerviertel Pera. Es gibt hier mehrere französische Handlungen, die bedeutendste ist Wohl die I-ibrairis dlonckiate, eine Tochterfirma der tlgeuco s'sos- ruls cts Uublicotio» im Konzern Hachette L Co. Ferner besindcn sich hier zwei griechische und zwei englische sowie mehrere ge mischtsprachige Sortimentshandlungen, die zum Teil auch deutsche Werke führen. Als deutscher Buchhändler — es gab früher deren mehrere — ist heute wohl nur Isidor Caron, ein Elsässer, anzusprechcn, der aber auch nicht ausschließlich mit dem deutschen Sortiment sein Auslangen findet. Zeitschristen und Tageszeitungen werden außer im Laden auch stark im Straßenvcrkauf abgesetzt. Die lärmende Straßen kolportage vom frühen Morgen bis zum späten Abend ist eine be zeichnende Erscheinung in der lebensvollen lauten Weltstadt des Ostens. Seit ungefähr vier Monaten dürsen gebundene Bücher nicht mehr als eingeschriebene Drucksachen eingesührt werden und ge langen daher notgedrungen in Postpaketen zum Versand nach der Türkei. Der Besteller muß daher nicht wie bisher 14 Tage, son dern zwei Monate auf seine Ware warten. Diese Erschwerung in
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