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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 14.09.1912
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1912-09-14
- Erscheinungsdatum
- 14.09.1912
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- Deutsch
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10676 Börsenblatt f. d. Dtschn. Buchhandel Nichtamtlicher Teil. ^ 215, 14. September 1912. Österreich gewandt und war fast zehn Jahre lang in Prag bei Wenzel Heß sowie in Wien bei N. von Waldheim und in N. Lechners Uni versitätsbuchhandlung tätig gewesen. Der Schatten, den der 1866er Krieg vorauswarf, verhinderte jedoch in Österreich die Erteilung der Konzession und in Preußen die Entlassung aus dem Staats- verbande. Erst nach dem Kriege erhielt Otto Henckel das Tetschner Bürgerrecht. Fleißige, ehrliche Arbeit in einer Reihe von fast vierzig Jahren erwarb ihm und seinem Geschäfte einen angesehenen Namen. Er starb am 24. Januar 1905. Der derzeitige Besitzer, Herr Hermann Henckel, trat nach langen Wanderjahren in Deutschland, Österreich, England, Frankreich und der Schweiz 1896 in das väterliche Geschäft ein. 1900 wurde er beeidigter Sach verständiger für den Buchhandel beim Bezirksgericht, und 1905 erhielt er vom Kuratorium den Titel eines Buchhändlers der königl. böhmischen landwirtschaftlichen Akademie. In seinem Verlage erschienen eine Reihe von Werken, die die Empfehlung des Unterrichtsministeriums fanden. Als Verleger wie als Sortimenter war er bestrebt, nur die beste Literatur zu führen und alle seichten und wertlosen Erzeugnisse auszuschalten. So war er auch der Gründer der späterhin vom Landeslehrerverein übernommenen »Österreichischen Jugendschriften-Nnndschau«, die den Beifall aller Landesschulräte errang. Zum fünfzigjährigen Jubiläum seines Geschäfts seien dem vorwärtsstrebenden Kollegen herzliche Glückwünsche dargebracht. BierteljahrSreqister r«m Börseoblatt Vür den Deutschen Vrrch Handel. — Der heutigen Nummer 215 des Börsenblatts liegen das Inhaltsverzeichnis zum zweiten Vierteljahr 1912 (April bis Juni) und die beiden Titel zum zweiten Bande des laufenden Jahrgangs bei. Sprechsaal. Zur lyrischen Überproduktion. Zu diesem Thema (vgl. Nr. 208 d. Bl.) erbitte auch ich das Wart, da ich seit zehn Jahren gerade auf diesem Gebiete Gelegen heit hatte, außergewöhnliche Erfahrungen zu sammeln. Da diese in gleicher Weise auf dem Gebiete des Romans, des Dramas usw. stattfanden, darf ich sagen, daß ich einen ziemlich allgemeinen Über blick über die Produktion besitze. Ich weiß nicht, ob infolge meiner Gutmütigkeit oder infolge anderer Eigenschaften es sich einge bürgert hat, aber ich muß wohl in den Kreisen der Produzenten in den Ruf eines Geburtshelfers gekommen sein. Als Beirat von Verlegern kann ich mir diesen Ruf nicht erworben haben, denn erstens besteht eine solche Funktion znm größten Teil im Abraten, in der Behütung vor Übernahme ungeeigneter Verlagswerke, und in den wenigen Fällen positiver Empfehlungen in einer ganz unbe- irrten Abwägung von literarischer Begabung und verlegerischer Rentabilität. Ich habe auch die Stoße von Manuskripten junger Autoren fast durchweg privatim zugcschickt erhalten. Ich habe es nicht fertiggebracht, es zu machen wie ein Rechtsanwalt oder Arzt, der für Beratungen Honorare cinzicht, habe auch kein Bureau er richtet, sondern die Sache als eine Art menschlicher Pflicht be trachtet und hie und da als eine kleine Freude, daß man ganz in der Stille auch so »Literaturgeschichte mitmachen kann«. Ich habe mir auch keine Karten gedruckt, wie manche es zu tun pflegen, um sich gegen Zusendung zu schützen, sondern ich habe eigensinnig darnach getrachtet, jede Einsendung wirklich zu prüfen. Allerdings bekommt man, vorausgesetzt, daß man eine bestimmte Anlage dazu hat, in kurzer Zeit solche Übung, daß man in wenigen Gedichten erkennen- kann, ob menschlich und dichterisch starke Werke dahinterstehen oder nicht. Freilich liegt hier der schwierigste Punkt. Marchicus hat darin recht: »Gereifte Kunst und hoffnungsloses Dilettanten wert sind leicht zu erkennen, aber die Aufgabe, im unfertigen Keime die Größe oder mittelmäßiges Alltagsgut zu erkennen, das keiner Pflege bedarf, erfordert besondere Eignung und besondere Organe«. Die Sache wird noch schwieriger, wenn man Literatur so ernst nimmt, daß man mit der Pflege eines jungen Talents gleichsam die Verantwortung für seine späteren Leistungen über nimmt. Unsereins weiß, daß jedes Werk eine neue Verpflichtung zu größeren enthält; die jungen Anfänger wissen das meistens nicht. Es ist möglich, daß einer einmal etwas wirklich Gutes schafft, und daß er dann verkümmert und verkalkt. Die Frage lautet für mich gar nicht: ob junge Talente gepflegt, oder Bücher gedruckt werden müssen: sondern ob durch ein mensch liches Eingehen auf diese Zeichen eines streben den Geistes ein Mensch zur Entfaltung gebracht werden kann. Ganz gleich, ob nun einmal ein Dichter oder ein Forscher oder sonst etwas aus ihm wird. In meiner Mappe liegen die Arbeiten von mindestens zehn solchen Begabungen, herausgesichtet aus Hunderten. Bei fast jeder habe ich das Gefühl, daß nicht nur eine dichterische, ästhetische, formale Begabung vor liegt, sondern daß hier ringenden Menschen geholfen werden müßte. Das sind auch fast durchweg keine Menschen aus bürgerlichem Stand, sondern aus den niedrigsten Verhältnissen. Nach dem Vorstehenden halte ich eine literarische Zentral stelle für die Prüfung junger Lyriker oder dergleichen nur für einen Teil der eigentlichen Frage. Ich setze den Fall, daß eine solche von einer geeigneten Persönlichkeit, die eine Lebensaufgabe darin sieht, mit größter Sorgfalt verwaltet wird; was nützt es, einem zu sagen, daß er Talent hat, sein Bändchen zu drucken, ihm eine Unter stützung zukommen zu lassen — die einmalige Entdeckung und Be schäftigung mit der Begabung genügt nicht, es muß eine dauernde sein; es muß ein menschlich führender Kontakt eintreten und durch gehalten werden. Ich habe oft sogenannte Talente ein bis zwei Jahre lang zurückgehalten, bis eine Publikation mir richtig er schien. Und wie, wenn einer heute als Lyriker gedruckt ist, und in drei Jahren das Elend mit seinem Drama von vorn beginnt; er hat vielleicht auch eine wirklich große dramatische Begabung, es fehlt ihm aber an ein paar lumpigen Winken für die Bühnen technik, oder um seine eigene Technik ausreifen zu lassen. Ich setze den Fall, es erhält einer einmal ein paar hundert Mark für einen Erstling, er steckt aber in Arbeiten, die ihn auf Jahre im Erwerb beschränken — wie ist dem zu helfen? Dichtersolde bekommen von Verlegern doch erst jene, die einen Namen haben und die man sich seiner Firma erhalten will. Die bisherigen Vorschläge bedeuten letzten Endes nur Vor prüfungsstadien, Generalsichtungen, hinter denen dann die mensch liche freundschaftliche Pflege folgen müßte. Bei dieser Vorsichtung aber kann, wenn sie zu sehr literarisch vorgenommen wird, doch schon das Unglück geschehen, daß ein wirklich bedeutender Mensch nicht erkannt wird und durch vergebliches Streben und Unbeachtsein zeitlebens flügellahm wird. Die ganze Institution dürfte nicht auf die Entdeckung von Dichtern hin angelegt sein, sondern auf die Förderung bedeutender menschlicher Veranlagungen überhaupt. Darin stimme ich Marchicus bei: Es müßten möglichst viele Dichter und möglichst viele Redakteure bei Zusendungen von Dilet tanten mit den konventionellen Redensarten, mit der üblichen Ab lehnung anfräumen. Gerade dadurch werden zudringliche Dilet tanten gezüchtet, daß man sich scheut, ihnen ehrlich seine Meinung zu sagen. Daher ist mein bestes Rezept immer gewesen, daß ich mich zwar bereit erkläre, Arbeiten zu prüfen, aber mir ausmache, daß ich offen meine unmaßgebliche Meinung sagen darf. Leider erhält man oft Zusendungen von Dilettanten, die sich der Em pfehlung von Professoren, Dichtern, Redakteuren, Verlegern rüh men und so wohl von jenen weiter gelobt worden sind. Jedoch die Frage um eine Möglichkeit einer Förderungsstelle für wirkliche Begabung hat noch eine andere Seite. Zwar glaube ich, daß die literarisch menschliche Seite sich doch noch lösen ließe, ähnlich, wie ich sie gelöst habe. Ich wüßte eine ganze Anzahl Dichter, die zugleich feine verständnisvolle Menschen sind, die Gleiches aber nur gegen Honorar tun könnten und dürften. Sv würde jeder jährlich ein paar hundert solcher Einsendungen prüfen können. Dazu gehört Geld. Die ganze Frage ist wieder einmal eine Geldfrage. Denn außer den Prüfungsspesen, Porto und Drnckkvsten ist Geld nötig, um die herausgefundenen begabten Menschen wirklich zu fördern. Dazu sind Tausende von Mark not wendig. Ich bin gegen jede einmalige Ehrengabe und Almosengabe in kleinen Raten. Es kann sich nur um eine Stiftung mit ganz großen Mitteln handeln, die Arbeiten prüft und die Begabten ein gut Stück ins Leben hinein verfolgt, die selbst vor Stellenvermitt lung nicht zurückschreckt, vor nachprttfenden Reisen u. ögl. Erst müssen die Mittel geschaffen werden, dann wollen wir weiter über die Frage sprechen, wie man am besten dafür sargt, daß wirkliche Genies nicht in der Flut von Dilettantismus untergehen. Georg Muschner, Herausgeber der Lese und des Kulturspiegels.
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