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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 30.05.1911
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- 1911-05-30
- Erscheinungsdatum
- 30.05.1911
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6844 Börsenblatt f. d. Dtschn. Buchhandel. Nichtamtlicher Teil. ^ 123, 30. Mai 1911. durchgelesen hatte, war ich mir darüber klar, daß seit Bismarcks Lebens erinnerungen kein Memoirenwerk erschienen ist, für dessen denkbar größte Verbreitung zu sorgen der deutsche Buchhandel eine so lohnende und leichte Aufgabe, aber auch die Pflicht hätte. Diese meine Auffassung brauche ich auch nicht nach der Lektüre des zweiten Bandes zu korrigieren, wenngleich ich diesen in bezug auf Darstellungskunst und Inhalt nicht auf der Höhe des ersten stehend fand. Bekanntlich hat Wagner seine Lebenserinnerungen seiner Freundin und nachherigen Gattin Cosima geb. Liszt gegen Ende der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts diktiert und, nachdem er mit seiner Berufung zu König Ludwig II. von Bayern Anfang Mai 1864 abgeschlossen, diese Diktate, ohne eine Schlußredaktion* **) ***) ) vorgenommen zu haben, in ganz wenigen Exemplaren drucken lassen. Nach diesem in Basel hergestellten Erstdruck ist die vorliegende Ausgabe hergestellt, in der nicht einmal die mancherlei Falschschreibungen^*) von Namen richtig gestellt sind; schmerz lich vermisse ich auch einen Hinweis auf die einzelnen Werke Wagners, von denen er spricht, in dem überhaupt recht kurzen Register. Ob Auslassun gen aus der ursprünglichen Fassung gemacht sind, kann ich nicht feststellen. Bei der Offenheit, mit der selbst die diskretesten Familienverhältnisse der ersten Frau Wagners klargelegt sind, darf füglich nicht bezweifelt werden, daß diesmal von dem sonst in den Bayreuther Kreisen üblichen Verfahren, Auslassungen, sogar ohne jede Andeutung vorzunehmen, abgewichen worden ist. Es ist geradezu erstaunlich, mit welcher Offenherzigkeit der Meister an diese Generalbeichte seines Lebens gegangen ist. Sie hat ihm offenbar auch, wenn ich so sagen darf, zunächst großen Spaß gemacht, allmählich aber scheint ihn das Diktieren doch ermüdet zu haben; vielleicht hatte er auch den Wunsch, manches, z.B. überfeinen Penziger Aufenthalt, seiner zweiten Gattin zu verschweigen. Vor allem fällt dies auf bei der Behand lung seiner Beziehungen zu der Familie Wesendonck. Ich will kein Ge wicht darauf legen, daß er unerwähnt läßt, daß Otto Wesendonck eigentlich der Verlagseigentümer des »Rings des Nibelungen« gewesen ist und ihn mehr als jeder andere finanziell unterstützt hat, ich will auch kein Gewicht darauf legen, daß die Äußerungen Wagners über ihn in dieser Selbst biographie nicht dem Bilde entsprechen, das der Meister sonst von dem in den »Meistersingern« bekanntlich als Pogner verewigten Freunde ge zeichnet hat. Aber wer die im Buchhandel so überaus erfolgreichen Briefe Wagners an Mathilde Wesendonck kennt — und wer gehört nicht hierzu? — wird verwundert sein, so wenig über diese Frau, ohne den wir den »Tristan« wohl nicht hätten, zu finden. Auch daß er von Frau Betty Schott geb. von Braunrasch, der ungemein künstlerisch veranlagten Gattin seines Hauptverlegers, so gut wie gar nicht spricht, obwohl er ihr so viel verdankt, erscheint auffällig. Es ist, als ob er von dem Zeit punkt an, wo Frau Cosima über ihn Macht genommen hat, absicht lich nicht näher auf andre geistig ebenso hochstehende Frauen ein- gehen will. Man hat ja Wagner überhaupt und nicht mit Unrecht vorgeworfen, daß er undankbar gewesen und auch Freunde mit Spott nicht verschont habe. Dieser Vorwurf findet in dieser Selbstbiographie wieder neue Nahrung. Gar nicht will mir z. B. mitunter seine Beurteilung Liszts gefallen, die doch wohl zum Teil in Liszts Verurteilung von Wagners Beziehungen zu seiner Tochter Cosima ihren Grund hat. — Noch schlechter als in der Anleitung zur Aufführung des »Tannhäuser« kommt der erste Vertreter dieser Rolle, Tischatschek, fort. Auch über die Beurteilung Olliviers, Weißheimers, der Fürstin Metternich und mancher andern Persönlichkeit wird man sich wundern. Dagegen hat Wagner ein geradezu herrliches Denkmal der Freundschaft und Dankbarkeit u. a. Hans von Vülow, dein Züricher Staatsschreiber Sulzer und der Vorleserin der Königin Augusta von Preußen Alwine Frommann gesetzt. Seine Briefe an letztere, die leider verschollen sind, müßten übrigens eine sehr wichtige Quelle für den Biographen sein. Es würde zu weit führen, wenn ich hier auch nur die bekannteren Persönlichkeiten aufzählte, an denen Wagner seinen Unmut ausgelassen; ich will nur noch erwähnen, daß der Dichter- Karl von Holtet, der in Riga Wagners Theaterdirektor gewesen ist, m. E. mit Recht bei ihm sehr übel wegkommt. Auf jeden Fall birgt dieses Memoirenwerk sehr viel Neuest). Selbst *) Diese hätte manches zweimal Erzählte einmal beseitigt, auch man ches, was Wagner später zu erzählen versprochen aber dann ver gessen hat, hinzugefügt. **) Wagner hat auch in seinen Briefen eine Vorliebe dafür, Namen falsch zu schreiben. Der Dichter und Maler Robert Nein ick erscheint S. 379 als Neinecke, S. 422 als Neinike. ***) Aufsehen dürfte u. a. die Mitteilung S.378 machen, daß Mendels sohn mit seiner Rückkehr von Berlin nach Leipzig kein pekuniäres Opfer Glasenapp, der Verfasser der großen Biographie Wagners, wird jetzt diese zum Teil stark umarbeiten müssen, nachdem er bisher geglaubt hatte, diese ihm bekannten Lebenserinnerungen noch nicht vollständig benutzen zu dürfen. Für die Wagnerforschung wird noch manche Nuß zu knacken sein. Immer werden die zwei Fragen: »Hat Wagner die Wahrheit sagen wollen und hat er sie sagen können?« Stoff zum Nachdenken geben. Wenn er sich auch auf Aufzeichnungen aus früherer Zeit stützt, so standen ihm diese doch nicht für alle Phasen seines Lebens zur Verfügung; wo er nur auf sein Gedächtnis angewiesen war, wird er doch öfters geirrt und manches vergessen haben. Da es mir als Herausgeber des »Briefwechsels Wagners mit seinen Verlegern«, von dem die beiden ersten Bände (Breit kopf L Härtel, B. Schott's Söhne) vorliegen, nahe liegt, festzustellen, wie weit sich seine Briefe mit seiner Darstellung in diesen Memoiren bezüglich seiner Verleger decken, so möchte ich zunächst darauf Hinweisen, kretion seine Jugendklaviersonate zum erneuten Abdruck befördert zu haben. Da mit dem steigenden Ruhme Wagners auch Nachfrage nach diesem Werk, das längst vergriffen war, eingetreten war, hatte der Verlag sich natürlich veranlaßt gefunden, es 1862 neu stechen zu lassen. Nicht richtig ist S. 299, daß Breitkopf L Härtel den »Fliegenden Holländer« nur herausgeben die Honorarvorschläge enthaltenden Brief der Firma vom 27. Januar 1844. Ebenfalls nicht richtig ist, was Wagner S. 553 von der Verlags übernahme des »Lohengrin« sagt. Verschwiegen ist auch der nicht recht mäßige »Lohengrin«-Verkauf an Flaxland in Paris. Ungenau sind auch die Angaben S. 656 über das »Tristan«-Honorar. Recht summarisch ist die Mitteilung über den Erwerb des Klavierarrangements der neunten machen konnte, daß dieser sich weigerte, ihm seine Autorenrechte an den Theateraufführungen der »Meistersinger« abzukaufen. M. E. ehrt die Äußerung, es widerstrebe seinem Gefühle, mit einem Manne wie Wagner gleichsam einen Handel zu treiben, er sei Musikverleger und wolle nicht mehr sein, Herrn Schott im höchsten Grade. Die Bezeichnung eines »höchst sonderbaren Menschen« hat dieser auch kaum verdient, von dem Wagner in einem Briefe geschrieben hat: »Sein großer Blick und sein edler Sinn haben ihm jetzt eine wirkliche und entscheidende Stelle unter denjenigen Lebensmächten zugewiesen, welche wohltätig und fördernd ans meine künstlerische Produktion einwirken.« Merkwürdig ist auch S.790 die Bemerkung, daß Wagner auf ein Anerbieten Schotts betr. der »Wal küre« 1861 nicht eingehen wollte. Nicht Schott hat dies Anerbieten gemacht, sondern vielmehr Wagner (am 17. Oktober 1861). Wenn auch durch kritische Beleuchtung noch manche andere Stellen in diesen Lebenserinnerungen angezweifelt oder direkt als falsch erwiesen werden, so dürfte dies doch ihrem Gesamtwert keinen Abbruch tun. In ihnen lebt die Persönlichkeit des Verfassers aufs deutlichste vor uns. Der amüsante Plauderton übt eine geradezu bestrickende Wirkung aus, Er zählungen, wie die Flucht aus Rußland nach England, über den ersten Pariser Aufenthalt, überhaupt über sein Boheme-Leben, über die Be teiligung an der Revolution gehören zu dem Glänzendsten und Anziehend sten, was wir der Feder Wagn.ers verdanken, der in seinen theoretischen Schriften oft den Leser geradezu verzweifeln läßt. Auch die wundervolle überaus plastische Art seiner Charakterisierung der zahlreich vorkommen den Persönlichkeiten sei noch ganz besonders hervorgehoben. Nicht bloß jeder Musikliebhaber, sondern überhaupt jeder für Kunst und Literatur empfängliche Mensch wird daher bei der Lektüre dieses Werkes zu seinem Rechte kommen. In die breiten Massen des Publikums, namentlich der überwiegend nicht mit Schätzen gesegneten Musiker wird es freilich erst kommen können, wenn die Verlagshandlung sich entschließt, noch vor Ablauf der bis 1921 reichenden Schutzfrist eine billige Volksausgabe > herzustellen. Prof. vr. Will). Altmann. Kleine Mitteilungen. Wer bietet mehr? — Von verschiedenen Leipziger Kom missionären geht uns die nachstehende gedruckte Postkarte, die als Drucksache zur Versendung gelangte, zu: gebracht hat, da er für die ihm in Leipzig fehlenden 2000 Taler durch seine Anstellung zum geheimen Kapellmeister des Königs von Sachsen voll kommen entschädigt wurde.
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