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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 14.02.1900
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1900-02-14
- Erscheinungsdatum
- 14.02.1900
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- Deutsch
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I? 87, 14. Februar 1900. Nichtamtlicher Teil. 1279 Haupt irgend ein künstlerisches Interesse bei einer solchen Ausstellung zu finden ist; nein, das ist ja alles lauter Reklame. Der betreffende Buchhändler sucht dabei nichts anderes, als die Kinder in sein Geschäft zu locken, damit sie ihm auch andere Sachen abkausen. Zweitens, behaupte ich, ist solche Ausstellung in hohem Grade unerwünscht; die Heranwachsende Jugend kann durch solche Dinge trotzdem, was Herr Heine vorhin sagte, nur in hohem Grade vergiftet werden. Wir geben uns sehr große Mühe, gegen die körperlichen Krank heiten Maßregeln zu treffen, wir bekämpfen alles, was dem Leibe schädlich sein kann; wir haben ein Reichsgesundheits amt, welches nach allen Richtungen hin gegen gemeingefähr liche Krankheiten des Körpers vergeht; ich glaube aber, wir sollten auch dafür sorgen, daß die idealen Güter des Menschen nicht zerrüttet werden. Deshalb bitte ich Sie auch im Namen eines Teiles meiner Parteigenossen, für den Kommissions- bcschluß zu stimmen; ein anderer Teil meiner Freunde wird für die Regierungsvorlage eintreten, alle aber sind darin einig, daß der Antrag Müller zu verwerfen ist. Vizepräsident vr. von Fregc-Weltzicn: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Henning. Henning, Abgeordneter! Im wesentlichen kann ich mich den Ausführungen anschließen, die bereits in so ausgiebiger Weise von den Herren Roeren und vr. Hoeffel vorgetragen sind. Ein Punkt aber, der mich veranlaßt, doch noch mich zum Wort zu melden, betrifft den beständigen Einwand, der sich fast durch alle Reden der Gegner dieses Paragraphen hindurchzieht, daß man nämlich eine Beeinträchtigung und Schädigung der Kunst befürchtet, lieber diesen Punkt möchte ich noch ein paar Worte sagen, und zwar bin ich insofern dazu besonders berechtigt, als ich einer Künstlerfamilie ent stamme und meine ganze Jugend in Künstlerkreisen, also in künstlerischer Atmosphäre, zugebracht habe. Ich glaube also, einigermaßen in der Sache orientiert zu sein. Ich stehe durchaus auf dem Standpunkte, daß für die Erlernung der Kunst das Studium des Nackten, die Akt studie, unbedingt erforderlich ist; ohne das Studium des Nackten ist es absolut unmöglich, einen Künstler zu bilden, der den Menschen darstellen soll. Wer ein Auge für Künstler- werkc hat, kann mit einem Blick sehen, ob der Künstler oder die Künstlerin, welche eine menschliche Gestalt darstellen, Akt studien gemacht haben oder nicht. Sind die Aktstudien nicht gemacht, so sieht solch ein Körper aus wie etwa die Figuren im Panoptikum: da hängen die Kleider wie auf einem Kleiderständer, aber nicht wie auf einem wirklichen Körper. Dies vorausgeschickt, stehe ich nicht an, zu erklären, daß das Aktstudium unbedingt zur Ausbildung eines Künstlers gehört; aber nun kommt die weitere Folge. Zunächst muß ich fragen: ist es vom künstlerischen Standpunkt überhaupt nötig, daß die nackten Modelle photographiert werden? Ich stelle die Photographie von nackten Modellen als Hilfsmittel sür die Ausbildung des Künstlers auf gleiche Linie mit den sogenannten Eselsbrücken der Schüler, die, wenn sie einen Klassiker übersetzen sollen, nebenbei eine deutsche Uebersetzung haben. Durch diese Art von Erleichterung, welche der Kunst durch die Photographie geschaffen werden soll, werden sehr viele kleine Talente veranlaßt, sich der Kunst zu widmen, die im Grunde gar nicht in den Künftlerberus hineingehören. Aus den älteren Zeiten ist ja wiederholt hingewiesen worden aus die klassische Periode, in der man die Photographie noch uicht kannte; und gerade unsere alten Meister haben ganz Vorzügliches in den Aktstudien geleistet. Ich brauche nur daran zu erinnern, daß alle die Werke von Raphael noch heute in den Studien vorhanden sind, wo man sieht, mit welcher Genauigkeit der Künstler das Nackte studiert hat. Aber wenn nun die Photographie noch allenfalls gelten kann als Hilfsmittel sür die Kunst, so folgt daraus doch noch nicht, daß diese photographischen Modellstudien aus gestellt werden müssen. Meine Herren, der Arzt muß auch den menschlichen Körper studieren in allen seinen Einzel heiten, und doch wird es keinem Menschen einfallen, dafür zu plädieren, daß alle die ärztlichen Studien am menschlichen Körper in die Schaufenster kommen sollen. In einer Art wäre es dienlich: das würde vielleicht unter Umständen ab- schrecken; aber keinem Menschen fällt es ein, derartige Studien an die Oeffentlichkeit zu bringen. Ganz analog liegt es bet der Kunst. Ueberhaupt nimmt ja der Ernst des Studiums diesen Anreiz zur sinnlichen Verwilderung etwas hinweg. Unsere alten Meister — ich weiß es ganz genau —, die die menschliche Gestalt darstellten, haben ihre Studien an Skeletten begonnen, und wenn das Skelett genau in allen seinen Teilen gezeichnet war, gingen sie über zu Muskelpräparaten und zeichneten die, und dann erst kam der nackte menschliche Körper daran. Der ganze Entwicklungsgang nimmt den sinnlichen Reiz, der in diesen Photographieen natürlich liegt, hinweg. Aber daß sie der jugendlichen Welt überhaupt dar geboten werden sollen, damit nicht etwa die Kunst Schaden leidet, das ist doch ein Standpunkt, der in keiner Weise zu rechtfertigen ist, der eben nur der Unsittlichleit in weiteren Kreisen Vorschub leistet, ohne der Kunst zu nützen. Nun hat Herr Heine gesagt: was ihn hauptsächlich dazu bewege, gegen diesen Paragraphen zu stimmen, das sei der Gesichtspunkt, daß die Kunst vor allen Dingen die Wahr heit darstellen müsse, und durch solche Paragraphen würde eben die Wahrheit verschleiert. Das ist auch ein Ausspruch, der zwar sehr richtig klingt, es aber in der That nicht ist; denn wenn die Darstellung des Wahren die Hauptaufgabe der Kunst wäre, dann müßten sie z. B. auch die Cholera mit allen ihren Einzelheiten darstellen. (Sehr richtig! rechts.) Ist das vielleicht ein künstlerisches Sujet? Und doch ist es die Wahrheit! Man muß immer das Endziel aller Kunst, die Darstellung des Idealen, welches von der Wirklichkeit durchdrungen ist, im Auge behalten. (Sehr richtig! rechts.) Nur auf diesem Wege wird man der Kunst den Platz an weisen, den sie haben soll. Und ich möchte weiter gehen: sogar im Interesse der Kunst selber würde es richtig sein, daß das Gesetz hier als Wegweiser diene, um die auf Ab wege geratene Kunst in die richtigen Wege zu weisen. Es wird immer das Nackte hervorgehoben. Meine Herren, ich stehe nicht an, zu erklären, daß mit gewissen Einschränkungen man wohl sprechen kann von einer anstän digen Nacktheit, ebenso wie man von einer unanständigen Bekleidung sprechen kann. (Sehr richtig!) Ich möchte beinahe sagen: diejenigen Darstellungen, die wir öfter in den Schaufenstern finden, und die unfern Unwillen erregen, sind sehr häufig bekleidete Unanständigkeiten (sehr richtig!), wo eben der Zuschauer durch die halbe Kleidung, durch die Art der Kleidung erst recht in der Sinnlichkeit gereizt wird. Ich stehe nicht an zu sagen, daß die Antike, auf die Bezug genommen ist, in ihrer Darstellung des Nackten weit keuscher und anständiger ist als ein großer Teil der heutigen Zeit. Es wird keinem Menschen einfallen, an der Gruppe des Laokoon eine Unanständigkeit zu finden. Es kommt nur darauf an, wie das Nackte dargestellt wird. Dann ist ferner gesagt worden, daß der Richter vielfach nicht diejenigen künstlerischen Begriffe habe, die nötig seien, um beurteilen zu können, was Kunst sei, und was unsittlich sei. Nun ist die Bestrafung der von uns als unzüchtig be- zeichneten Sachen ja meistenteils daran gescheitert, daß eben das Richterkollegium oder der Richter sich zu sehr an den 172»
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