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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 30.01.1911
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1911-01-30
- Erscheinungsdatum
- 30.01.1911
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- Deutsch
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^ 24, 30. Januar 1911. Nichtamtlicher Teil. Börsenblatt f. d. Dtschn. Buchhandel. 1259 11 800 Frcs , Lyon für zwei Bibliotheken 14 400 Frcs. Die anderen Städte haben 2—6000 Frcs. Unter den französischen Städten, die nur eine städtische Bibliothek besitzen, befindet sich nur eine Stadt mit einem Budget (Ankauf, Einband, Unterhaltung) von 8000 Frcs., in Versailles; drei Bibliotheken haben 6500 Frcs. (dabei jedoch Ausgaben für ein Museum). Tours, Angers, Nizza, Amiens, Troyes geben 4000 bis 6000 Frcs., Tourcoing 6500Frcs., Le Havre, Nantes, Brest, Levallois- Perret, Boulogne-sur-Mer, Douai, Bayonne etwa 5000 Frcs. Mit den Volksbibliothekcn sieht es ebenfalls kläglich aus. Außer den Universitätsstädten gibt es acht französische Städte mit mehr als 100 000 Einwohnern, 17 mit 60—100 000. Noubaix mit 121000 Einwohnern hat nichts; Saint-Denis mit 64 000 Ein wohnern 4 Volksbibliotheken, die 1907 insgesamt 600 Bände ausliehen und ein Gesamtbudget von 3000 Frcs. hatten, davon 1000 Frcs. für Ankäufe und Einbände; Calais hat kein be sonderes Budget, für Ankäufe vielleicht 2000 Frcs., Toulon 1950 Frcs., Beziers 1100 Frcs., Saint - Quentin 1200 Frcs. Bayonne mit 27 000 Einwohnern gibt für feine Bibliothek 7560 Frcs. aus (Bücherkäufe 3560 Frcs.), Abbeville mit 20 000 Einwohnern hat ein Gesamtbudget von 4750 Frcs., Annonay mit 17 000 Einwohnern kauft durch seine Lesegesellschaft für 2000 Frcs Bücher. Es ist klar, meint Morel, daß keine französische Stadt für ihre Bibliothek die Anstrengungen macht, die man in den Ländern der freien öffentlichen Bibliotheken macht. 1873 zählte Frankreich 773 Volksbibliotheken mit 838 032 Bänden, 1902 waren es 2911 mit 4 166 417 Bänden. Es gibt aber 36 000 Gemeinden in Frankreich. Die Zahl der französischen Gemeinde-, Volksbibliotheken, freien usw. Bibliotheken, einschließlich Paris, aber ohne die Bibliotheken, die mit irgendeinem religiösen Unternehmen Zusammenhängen, betrug 1906 etwa 3000; die Zahl der Ausleihungen überschritt fünf Millionen, die Lektüre am Platze war unbedeutend. Im fünften Kapitel seiner »bibrairie publiqae« erörtert Morel die Daseinsberechtigung der öffentlichen Bücherei und ihren Nutzen als unentbehrliche Ergänzung des französischen unentgeltlichen obligatorischen Unterrichts. Dann werden die Zeitungen und Zeitschriften und ihre Bedeutung für die öffentlichen Biblio theken, die ökonomische Rolle der öffentlichen Bibliotheken, die Frage des Nomanlesens in diesen, die Parteiangehörigkeit oder vielmehr Parteilosigkeit der öffentlichen Bibliothek und noch verschiedene andere Fragen besprochen. Das sechste Kapitel handelt von der Praxis der öffentlichen Büchereien. Interessant ist, was Morel im Anschluß an die Besprechung der Timesbibliothek über die Möglichkeiten sagt, den Lesern öffentlicher Bibliotheken den Kauf gelesener Bücher ohne viel Umstände zu erleichtern. Die deutschen Bibliotheken werden nicht viel Gefallen an diesem Vorschlag haben, den man Seite 245—248 Nachlesen möge. Auch für den Buchhandel dürfte nicht viel dabei herausspringen. Das Verhältnis der öffentlichen Bücherei zu den Verlegern wird übrigens von Morel ebenfalls besprochen. Der Buchhandel, sagt Morel (S. 281 ff.) ist eine so verwickelte, veränderliche Sache, daß sich die Verleger zu den Bibliotheken verschiedenartig stellen. So geben einzelne Verleger generös teure Werke, wenn ihnen z. B. die Nationalbibliothek mitteilt, daß ihr von diesen kein Pflichtexemplar zugegangen sei (der »ckexot, le^al« funktioniert recht schlecht); denn sie sagen sich, daß die Verbreitung dieser Bücher dem Verkauf keinen Eintrag tnt (?), sondern eine Reklame für sie ist. Andere verweigern dagegen die Lieferung, finden, daß ein Frank ein Frank ist, daß der Staat kaufen kann usw, und daß ein auf diese Weise zum Gratislesen in Umlauf ge fetztes Buch ihnen Käufer entzieht. Die öffentlichen Büchereien werden ihre Bücher kaufen und daher für die Verleger gute Kunden sein. Ohne Zweifel werden die gekauften Bücher von vielen Leuten gelesen werden. Während man im Theater einen Nichtbezahler am Eintritt verhindern kann und jeden Zuschauer für das gegebene Stück bezahlen läßt, kann man nicht für jeden zu lesenden Band zahlen lassen. Die miß günstigen Verleger, schlägt Morel vor, sollten eine Druckerschwärze erfinden, die unsichtbar wird, sobald der Blick des ersten zahlen den Käufers oder Lesers eines Buches nicht mehr auf ihm hastet. Angenommen, ein Buch wird von zehn Personen ent liehen und gelesen: wieviel würden es gekauft haben? Wieviel hätten, wenn sie nicht imstande gewesen wären, es zu leihen, gewußt, ob das Buch gekauft zu werden verdiente? Ich glaube nicht, sagt Morel, daß man ernsthaft den ungeheueren Fortschritt bestreiten kann, den die öffentlichen Büchereien für die Buch händler herbeiführen werden. Die öffentlichen Büchereien be- fördern den Ankauf von Büchern, die man gelesen hat, denn man kann im Lefesaal bequem ein Buch durchsetzen, das man zu erwerben wünscht, beim Buchhändler aber schwer zur Prüfung er langen kann. Der Lesesaal betreibt also gewissermaßen das An gebot des Buches genau so wie die Warenhäuser das Angebot von Toiletten usw. Einerseits kann die öffentliche Bücherei die Kundschaft der Buchhändler vergrößern; andrerseits kann sie diese entschieden vermindern; sicher reinigt sie denMarkt. Dasbeste Buch hatmehrAus- sicht, zur Geltung zu kommen, wenn es auch vom wissenschaftlichen oder moralischen Standpunkte aus nicht immer das beste ist. Eine weitere Wirkung der öffentlichen Büchereien ist nach Morel die, daß sie den Markt regeln. Die Verleger leiden viel von der launischen Art, die Bluff und Snobismus dem Markte aufge zwängt haben. Ein französischer Verleger, der z. B. Romane zu 3Frcs. 60C. verlegte, war ehemals sicher, von irgendeinem Werke genug Exemplare zu verkaufen, daß die Kosten gedeckt wurden. Neben plötzlichen und übertriebenen Erfolgen sehen wir "heute einen schlechten Absatz — was das gewöhnliche ist —, der manch- mal derartig gering ist, daß er an null heranreicht. Die Orga nisation wirklicher öffentlicher Büchereien in Frankreich, vermutet Morel, würde den Verlegern einen besonderen Markt eröffnen, der leicht mehrere Millionen Umsatz erzielen könnte. Im Schlußkapitel äußert Morel seine Ansichten über die Art und Weise, wie man öffentliche Büchereien in Frankreich gründen oder gruppieren sollte, wo und wie man das Geld dazu her nehmen kann, wie die Bibliothekssteuer und ein Bibliotheksgesetz beschaffen sein könnten und welche Wirkung sie haben würden, ob man klein oder groß anfangen solle, wie man sich organisieren und welche Propaganda man machen solle. Wie das zweibändige Werk (öibliotbequss 1909) des Herrn Bibliothekars Morel vor zwei Jahren starken Widerspruch erregt hat, so wird auch das in Rede stehende einbändige Werk über die öffentlichen Büchereien (bs. Iniu-airis publique 1910) nicht ge rade Begeisterung bei den Franzosen auslösen. Herr Morel schreibt sehr temperamentvoll; er vergißt sehr oft, daß er nicht an einem Roman oder an einem Theaterstück schreibt, und. erwartet von seiner bibiairis publique Dinge, die sich nie verwirklichen werden. Dieser Überschwang schadet aber nichts, denn offenbar bedarf es eines etwas scharfen, übertreibenden Tones, um die sonst so erregbaren Lands leute des Herrn Eugen Morel für die öffentlichen Büchereien zu erwärmen. Hoffen wir, daß es ihm gelingt. Auf den deutschen Leser wirkt es übrigens erheiternd, wenn der zwar ziemlich weit links stehende, aber sicher sehr patriotische Herr Morel bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit auf Deutschland und 1870 anspielt. Nur zwei der- artige Fälle feien erwähnt. Das Wort Bibliothek paßt Herrn Morel nicht; er wünscht, daß man dafür sagt: lübrairiö publique. Daß das Wort »Bibliothek« kein deutsches Wort ist, geniert Herrn Morel nicht, aber auf S. 179 ruft er aus: »klotro moti cke bibliotbeque pus l'allsiuuuä!« Offenbar eine nicht sehr geschmackvolle Entgleisung. Noch am Schluß muß Herr Morel ein paar höchst überflüssige Bemerkungen machen, die mit der Sache nicht das geringste zu tun haben. Er fragt, ob Frankreich imstande wäre, die Kosten der Bibliotheksreform zu erschwingen, und kommt zu der Ansicht, daß »der französische Sparstrumpf niemals besser gefüllt gewesen ist als heute ... Er ist vollgestopft, daß er beinahe platzt und, was noch schlimmer ist, rechtschaffene Leute in Versuchung führt; wir sind neulich, sagt Morel, von naivem Stolze erfüllt worden, als ein deutscher Kanzler die französische Sparsamkeit rühmte. Wir wissen nicht, ob Frankreich imstande ist, siegreich einen Krieg gegen ein Volk zu führen, das jedes Jahr zahlreicher wird als Frankreich; aber das ist gewiß, daß Frankreich sehr wohl imstande ist, ihn zu bezahlen. Die größte Gefahr, die Frankreich läuft, kommt nicht von seiner Schwäche, sondern von seinem Reichtum.« Mag Herr Morel seinen Landsleuten solche kleinen Zugeständnisse machen. Uns lassen sie kühl. Immerhin scheinen die französischen Verhältnisse das Buch und den Ton Morels notwendig zu machen.
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