Suche löschen...
Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 04.12.1909
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1909-12-04
- Erscheinungsdatum
- 04.12.1909
- Sprache
- Deutsch
- Sammlungen
- Zeitungen
- Saxonica
- LDP: Zeitungen
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id39946221X-19091204
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id39946221X-190912044
- OAI-Identifier
- oai:de:slub-dresden:db:id-39946221X-19091204
- Lizenz-/Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
Inhaltsverzeichnis
- ZeitungBörsenblatt für den deutschen Buchhandel
- Jahr1909
- Monat1909-12
- Tag1909-12-04
- Monat1909-12
- Jahr1909
- Links
-
Downloads
- PDF herunterladen
- Einzelseite als Bild herunterladen (JPG)
-
Volltext Seite (XML)
282, 4, Dezember 1S0S. Nichtamtlicher Teil. Börsenblatt f. d. Dlschn. Buchhanvel. 15085 auch gegen früher verschiedene neue Unterrichtsfächer aus genommen wurden. Der hierdurch bedingte erhöhte Bedarf an Schulbüchern und Unterrichtsmitteln kam auch den Buchhändlern der kleinsten Städte zu gute, die nun nicht mehr mit der Aus übung ihres Berufes zu warten brauchten, bis man an sie mit Nachfrage herantrat. Ein weiterer Faktor, der zum Aufschwung des nieder ländischen Buchhandels beitrug, war die jährlich sich steigernde literarische Produktion, vor allem auf dem Gebiete der Belletristik. Mühlbrecht konnte noch schreiben: »Auf diesem Felde (der Belletristik) offenbart sich heute eine nur sehr geringe selbst schöpferische Tätigkeit, und die Über etzungen machen einen ganz bedeutenden Bestandteil davon aus«. Letzteres ist ja auch heute noch der Fall; aber anderseits ist in den verflossenen Jahrzehnten eine ganze Reihe bedeutender Schriftsteller dem Lande erstanden, so daß von einem Mangel nicht mehr die Rede sein kann. Der Holländer ist Realist und Praktiker; sein Realismus hat selbstverständlich viel Gesundes, trotzdem ist er mitunter von einer trostlosen Nüchternheit. Und wie auch in der niederländischen Malerei der häusliche Charakter sich scharf geltend macht, so ist es auch in der Literatur. Die gelesensten und beliebtesten Schrift steller — und Schriftstellerinnen, denn die holländische Frauen welt hat an dem geistigen Aufschwung der neuesten Epoche tat kräftigen Anteil genommen — sind die, die ihre Stoffe dem Familienleben entnehmen, dessen charakteristische Merkmale zu er fassen verstehen, die rührenden oder humoristischen Züge heraus zufinden wissen. Dagegen sind Schriftsteller mit weitem, uni versellem Blick, der die engen Grenzen des Landes überschaut, nicht allzu zahlreich. Wenn man die spröde, ungelenk erscheinende niederländische Sprache etwas genauer kennt, so staunt man, wenn man liest, wie die modernen Schriftsteller ihre Sprache handhaben, wie sie gebeugt, geschliffen und verfeinert wird, wie man es versteht, alle ihre Vorzüge zur Geltung zu bringen, so wie es eben nur eine vorzügliche dichterische und schriftstellerische Begabung vermag. Eine große Rolle in der Literatur spielt auch die stattliche Reihe der Humoristen. Freilich sagt der holländische Humor dem deutschen Geschmack wenig zu, wie denn überhaupt jede Nation ihre besondere Art von Humor hat. Jedenfalls aber weist der Literaturschatz der Holländer ganze Reihen bedeutender Talente auf; sie aufzuzählen ist hier nicht der Ort, das ist Sache der Literaturgeschichte. Die gebildeten Kreise Hollands aber erfreuen sich ihrer tüchtigen Schriftsteller; sie sind ihnen, was man leider vom deutschen Publikum nicht immer behaupten kann, auch dann vorüber ist, und man versteht es, sie dauernd zu ehren. Und — was schließlich die Hauptsache ist — man kauft und liest ihre Werke, so daß der holländische Kollege seinen Verdienst dabei findet. Es ist ja allgemein bekannt, daß der niederländische Buch handel der einzige ist, der mit seiner straffen Organisation dem deutschen Buchhandel nahekommt. Seine Einrichtungen, die Ver- eeniAivF und das öeZtoltiuw in Amsterdam, dem Zentrum des Buchhandels, sind in diesem Blatte des öfteren ausführlich ge schildert worden, so daß sich ein näheres Eingehen auf diese Einrichtungen erübrigt. Wenn man als Reisender das Ländchen nach allen Richtungen durcheilt, so sind es in erster Linie die teuren Preise, die sich unangenehm bemerkbar machen. Selbstverständlich läßt es sich billiger leben, wenn man längere Zeit an einem Ort ver weilt; aber es ist nickt zuviel behauptet, daß der Reisende in Holland mit einem Gulden (--- 1.70 genau so weit reicht wie in Deutschland mit einer Mark. Das Leben in den größeren Städten ist sehr angenehm, bei nahe deutsch. Auf den Straßen begegnet man überall Hausierern, die hauptsächlich frische Heringe und Bananen ausbieten; man wird also stets an die reichsten Einnahmequellen des Landes, den Heringsfang und die Ostindischen Kolonien, erinnert. Der in Geschäften Reisende wird in Holland meistens am vorteilhaftesten seinen Aufenthalt in Amsterdam nehmen. Von es fast immer so einrichten, daß man abends wieder nack der Landeshauptstadt zurückkehrt. Amsterdam selbst bietet dem Auge des Reisenden ein Bild, mit dem sich nur wenige Städte messen können. Man merkt das besonders, wenn man sich auf einem der kleinen Dampfer, die den Verkehr mit Alkmaar, Zaandam, Pumerende oder Hoorn unterhalten, der Stadt nähert. Unmittelbar vor sich hat das Auge den vom N gebildeten mächtigen Hafen mit den zahlreich vor Anker liegenden Schiffen, darunter mächtige Ostindienfahrer. Dahinter breitet sich die über 35 000 Häuser zählende Stadt in Form eines Bogens aus, während ihre zahlreichen Kirchtürme das Ganze überragen. Selbstverständlich verkehrt man in dem allen Besuchern von Amsterdam wohlbekannten Restaurant Kraßnapolsky in der Warmoesstraat, wohl einem der größten Kaffeehäuser Europas mit schön gepflegtem Wintergarten. Hier herrscht besonders während der Hauptmahlzeiten ein lebhaftes Kommen und Gehen, und es ist nicht immer leicht, einen Platz zu bekommen. Daß man auf seinen Geschäftsgängen nie versäumen wird, bei sich bietender Gelegenheit bei Wijnand Focking oder Erven Lucas Bols in der Kalverstraat einzukehren, wird niemand auf fallend finden, der die Einwirkung der feuchten niederländischen Seeluft auf die menschliche Kehle am eigenen Leibe erfahren hat. Von den vielen Kunstwerken, die in Amsterdam wie auch in den übrigen Städten, im Haag, in Leiden usw. aufbewahrt werden wird man während einer Geschäftsreise nicht allzuviel zu sehen bekommen. Ist man gezwungen, den Sonntag in Amsterdam zu verbringen, so wird man wohl dem Rijksmuseum einen Besuch machen und Rembrandts Nachtwache und die Staalmeesters bewundern. Um das Museum nur halbwegs kennen zu lernen braucht man nach meiner Schätzung zum wenigsten drei Wochen Theater wird der Fremde in Amsterdam wie auch in den übrigen Städten kaum besuchen; das Gebotene erhebt sich selten über die Durchschnittsleistung an anderen Kunststätten, außerdem sind die Eintrittspreise gesalzen. Auch Konzerte gibt's wenig; nur am alten Zollhaus, gegenüber dem Zentralbahnhof, findet abends Militärkonzert statt. Man läßt sich für zwei Cents über den breiten Hafen fahren. Von allen Seiten umstrahlen uns bunte Lichter, die viertelstündlich in der Farbe wechseln. Sämtliche Stimmungen, die man auf den alten holländischen Seebildern in den Museen betrachtet hat, kommen hier zum Vorschein. Überall Schiffe, viele ruhig liegende Segler mit hohen Masten und schlanken Silhouetten Dann wieder lebhafte Bewegung auf diesem unheimlich ruhigen und von Farbe strotzenden Wasser. Kleine Ruderboote und Segeljachten, pfeilschnelle Motorboote, große Vergnügungsdampfer mit Musik und Heller Beleuchtung: hin und wieder Ozeanriesen nach Amerika oder Ostindien. Stundenlang kann man dieses Kaleidoskop an Farbe und Bildern betrachten. Am Zollhaus ist ein großer Vergnügungsgarten, sehr schön am Wasser gelegen, mit vielen alten Bäumen. Weit hallt die Militärmusik über das Wasser — abends wird getanzt. Es geht munter und doch nicht ausgelassen zu, mit holländischer Behäbigkeit. Vor dem Einschlafen hört man noch alle Viertelstunden das Glockenspiel der Kirchen. Etwas dünn im Ton, aber doch sehr klangvoll, mitunter etwas wehmütig. Man träumt sich in das Mittelalter zurück, als die gewaltige Flotte von hochbordigen Segelschiffen das Venedig des Nordens umkränzte. Dieses Glockenspiel von den zahlreichen Kirchen der Stadt, das hier den ruhenden Punkt in der Erscheinungen Flucht dar stellt, kann man nur am Abend voll genießen, wenn die Glocken einen Choralvers spielen oder den »Wilhelmus von Nassauen«. Auffällig ist das feine Gefühl, das der Holländer für den Unterschied der Stände hat. Diese in einem politisch freien Lande mit ausgesprochen demokratischer Bevölkerung merkwürdige Er scheinung findet ihre Bestätigung in der Verschiedenheit der Anrede formen. So wird z. B. ein Dienstmädchen niemals mit »Fräulein« tituliert werden; ebenso wird dem Briefträger, Bäcker, Fleischer, Gemüseverkäufer usw. die Anrede »Herr« (m^nbser) verweigert, die doch in Deutschland ziemlich allgemein gewährt wird. Anderseits findet man beim Holländer auch den vollständigen Mangel an Titelsucht und was damit zusammenbängt. Freilich gibt es Bezeichnungen, die dem deutschen Wohlgeboren, Hoch wohlgeboren mehr oder weniger entsprechen (^Vel Ackslo. VVel 1956
- Aktuelle Seite (TXT)
- METS Datei (XML)
- IIIF Manifest (JSON)
- Doppelseitenansicht
- Vorschaubilder