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Börsenblatt für den deutschen Buchhandel : 16.05.1906
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Band
- 1906-05-16
- Erscheinungsdatum
- 16.05.1906
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- Deutsch
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4920 Nichtamtlicher Teil. ^ 112, 16. Mai 1S06. intensive Kulturarbeit stattfinden müssen, namentlich in den östlichen und südlichen Grenzbezirken, wo, wie z. B. in Turkestan, noch nicht einmal ein Volksschüler auf tausend Einwohner vor handen ist. Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß dieses Projekt eines neuen Volksjchulgesetzes in allen Kreisen der Bevölkerung mit Genugtuung begrüßt werden wird. Das Verlangen nach Bildung ist längst schon weit stärker als die Möglichkeit, es mit den jetzt vorhandenen Bildungsmitteln zu befriedigen. In die bestehenden Volksschulen konnten bisher bei weitem nicht alle Kinder ausgenommen werden, die sich zur Ausnahme gemeldet hatten. Im Gouvernement Jekaterinoslav, das zu den mit Volks schulen verhältnismäßig gut versehenen Landesteilen gehört, mußten in einem Jahre 15 500 Schüler aus Mangel an Lehr anstalten zurückgewiesen werden. Im Gouvernement Podolien konnte der vierte Teil der sich meldenden Schüler nicht aus genommen werden. Im ganzen Reich rechnet man jährlich 400 000 Kinder, deren Wunsch, in die Volksschule einzutreten, nicht erfüllt werden kann. II. Um den Kulturzustand eines Volks zu kennzeichnen, kann auch der Konsum des Papiers als Maßstab dienen. Daß Rußland auch in dieser Beziehung den westeuropäischen Ländern nachsteht, erhellt aus den von der russischen Zeit schrift -Die Papierindustrie- veröffentlichten Zahlen. Wir ersehen daraus, daß der Papierkonsum in Deutschland 9,10 kg, in England 8,50 kg, in Frankreich 7,20 kg und in Rußland 1,01 kg auf den Kopf der Bevölkerung ausmacht. Dabei ist noch zu be rücksichtigen, daß der Konsum von Zigarettenpapier nirgends so stark ist wie in Rußland, denn dort sollen jährlich über zwanzig Milliarden Zigaretten geraucht werden, deren Konsum mindestens zehn Prozent des ganzen russischen Papierverbrauchs absorbiert. Daß auch die Papiersabrikation unter solchen Verhältnissen in Rußland schwach entwickelt ist, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, obwohl dort die lokale Lage günstiger ist als anderswo, denn der Arbeitslohn ist niedrig, und Brennmaterial, Lumpen, Wasserkräfte und Holzstoff sind überall reichlich vor handen. Nach amtlichen Berichten gibt es in Rußland und Finland nur 172 Papierfabriken, die jährlich 108 000 t (L, 1000 kg) liefern, während in Deutschland 946 Fabriken 730 000 t, in Frankreich 422 Fabriken 350 000 t, in England 302 Fabriken 412 500 t Her stellen. In den letzten Jahren, namentlich während des russisch japanischen Krieges, hat der Papierkonsum in Rußland durch die starke Verbreitung der Zeitungen etwas zugenommen; aber die Lage der Papierindustrie ist dadurch nicht wesentlich besser ge worden. Daran war natürlich auch der Krieg schuld, denn in ganz Sibirien und Ostasien stockte jahrelang der ganze Handels verkehr; dazu kamen noch in allen Teilen des Reichs massenhafte Zahlungseinstellungen, die Streiks, Agrarunruhen usw., so daß die Papierfabrikanten kaum ihre Kosten decken konnten. Die wenigen Fabriken, die diese Krisis überstanden haben, mußten ihre Preise erhöhen, und daß dadurch der Konsum nicht vermehrt wurde, ist selbstverständlich. Eine Preiserhöhung von ca. 1 Kopeke pro Pfund wird wahrscheinlich konstant bleiben müssen. Wenn nun noch, wie bereits gemeldet, eine weitere Besteuerung des Papiers stattfindet, so muß der Preis dieses Produkts noch höher steigen und der Konsum sich noch mehr verringern. Es wird be hauptet, daß der Preis dann noch um mindestens Isiz Kopeken und für Zeitungspapier um fast 3 Kopeken pro Pfund erhöht werden müßte. III. In den höhern Verwaltungssphären soll endgültig be schlossen sein, das bisherige, in der St. Petersburger Zensur behörde bestehende Kollcgialsystem abzuschaffen und die Stadt in Zensurbezirke einzuteilen. Jeder dieser Bezirke wird einem be- sondern Zensor unterstellt, der die in seinem Bezirk befindlichen Druckereien, Redaktionen usw. zu überwachen hat, und der für alles, was er erlaubt und verbietet, verantwortlich gemacht wird. — Die bisherigen Maßregeln gegen Übertretungen der Preß- gesetze sind durch einen allerhöchsten Ukas verschärft worden. Das Gericht kann jetzt eine Druckerei zum halbjährigen Schluß ihrer Geschäftsräume, die Herausgeber von Zeitschriften zu drei monatiger Gefängnisstrafe und zu 300 Rubel Geldbuße, im Wieder holungsfall bis zu sechzehnmonatiger Gefängnisstrafe verurteilen. — Neuerdings haben Polizei- und Aussichtsbeamte den Buchhändlern und Verkäufern von Zeitungen und andern Drucksachen kategorisch eingeschärft, keine Broschüren, Bücher, Plakate, Flugblätter, Pro gramme der äußersten linken Parteien und ähnliche Drucksachen, namentlich solche, die fürs Volk bestimmt und von der Zensur oder Polizei verboten sind, zu verkaufen. Alles, was davon vor gefunden wird, soll konfisziert, die Schuldigen sollen strengstens bestraft werden. — Die St. Petersburger Zensoren sind jetzt mit Arbeit überhäuft; sie sollen nachträglich alle Bücher und Broschüren, die seit dem Oktober v. I. ohne Präventivzensur gedruckt wurden, sofort lesen und darüber Bericht erstatten. — Unter den St. Peters burger Buchdruckern zirkuliert eine Petition an den Kaiser, worin Seine Majestät ersucht wird, die im Manifest vom 17./30. Oktober v. I. verkündete Aufhebung der Präventivzensur zu widerrufen. Als Grund dieser Bitte werden die scharfen administrativen Re pressalien, namentlich die Schließungen von Druckereien, bezeichnet, die infolge der am 24. November (7. Dezember) erlassenen provi sorischen Maßregeln angeordnet wurden. Die vielen Maßregelungen, die in jüngster Zeit den russi schen Buchhandel, den Zeitungs- und Zeitschriftenverlag, die ambulanten Verkäufer von Drucksachen, ferner Buchdrucker, Litho graphen usw. belästigten, empfindlich schädigten und in Aufregung versetzten, können hier nicht vollständig aufgezählt werden. Nur einige mögen hier Platz finden. Aus Nishnij Nowgorod wird berichtet, daß in den dortigen Buchhandlungen das kaiserliche Manifest vom 17./30. Oktober konfisziert wurde, weil keine Druckerlaubnis darauf bemerkt war. Die Moskauer Polizei beschlagnahmte die Broschüren des Grafen Leo Tolstoj -Des Soldaten Denkzettel- und -Ist es denn wirklich notwendig?- Im Januarheft der Zeitschrift »Der Universalbote befanden sich einige bisher nur im Auslande veröffentlichte Ar beiten des Grafen Tolstoj. Das Appellationsgericht beantragte, den Herausgeber zur Verantwortung zu ziehen; aber der Staats anwalt erklärte, man würde sich dadurch vor der ganzen Welt blosstellen. Durch gerichtliches Urteil wurde die Broschüre »Das neue Gesetz« von L. Martow konfisziert, und Verfasser und Her ausgeber wurden verurteilt. Auch die Broschüren -Eine neue Bergpredigt-, »Ist auch genug Land vorhanden?«, -Zum Ge dächtnis an den Leutnant Schmidt- und »Jtenjka Rasin» von I. Katajew wurden konfisziert. Beschlagnahmt wurden ferner Jerschanskijs Broschüre »Unsre Forderungen« und Leo Tolstojs -Wo ist der Ausweg?« Auch drei von der Zensur erlaubte Bücher: Guesde, -Der Kollektivismus«, Brake, -Fort mit den Sozialdemokraten- und -Die städtische Selbstverwaltung in Rußland- von A. L. wurden nachträglich beschlagnahmt. Ebenso auch Guesde und Lafargue, -Was wollen die Sozialdemokraten?- und Tschumakow, -Von der Selbstverwaltung des Volkes in Neu seeland». Der Minister des Innern befahl, die von der Zensur erlaubten Flugblätter -Aufruf ans russische Volk-, -Die Ursachen alles Unglücks in Rußland- und -Mittel uni das Judenunheil zu beseitigen- aus dem Verkehr zu entfernen, ebenso auch die Bro schüre »Die Revolution der Bourgeoisie und der Befreiungskampf der Arbeiter«. Im Verlagsgeschäft der Firma -Der Hammer fand eine Hausdurchsuchung statt; die Vorräte der Broschüre »Spinnen und Fliegen« wurden konfisziert. Hauptsächlich wurden Broschüren über das Militär gesucht, aber nicht gefunden. Der Verleger wurde verhaftet, aber gegen Kaution von tausend Rubel freigelassen. Dem Obertribunal wurde von der Hauptverwaltung für Preßangelegenheiten vorgeschrieben, die »Erzählungen aus der russischen Geschichte- von L. Sschischko durch ein entsprechendes Urteil zu verbieten und einen Roman von Schweitzer, dessen zweiter Teil durch Verfügung des Minister- konseils verbrannt, aber neuerdings wieder herausgegeben wurde, aus dem Verkehr zu entfernen. Das Zensurkomitee erklärte, daß der Inhalt des kürzlich erschienenen Buches -Populäre Geschichte Rußlands- verbrecherisch sei, und der Untersuchungsrichter wurde beauftragt, Verfasser und Herausgeber zu ermitteln, um sie zur Verantwortung zu ziehen. Auch der Herausgeber von -Lafargue, Das Programm der französischen Arbeiterpartei- soll dem Gericht überantwortet werden. Vom Moskauer Zensurkomitee wurden die von Gorbunow-Possadow herausgegebenen Schriften Leo Tolstojs -Bekenntnisse- und -Die Lehre Christi- beanstandet und der Herausgeber unter der Beschuldigung, die Religion verhöhnt und Proselytenmacherei getrieben zu haben, vor Gericht gestellt. Diese Bücher sind unter Beobachtung der Zensurgesetze gedruckt, und die vorgeschriebene Anzahl von Exemplaren ist der Behörde rechtzeitig zugestellt worden, ohne daß diese sich veranlaßt sah, die Bücher im Laufe der oerordnungsgemäßen sieben Tage zu beschlagnahmen.
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